"Fahren wir mit dem Trecker?" Richard Weberpals sitzt auf seinem alten Deutz und winkt mir einladend zu. Unter seinem gepolsterten Sitz ruckelt und knattert der grüne Schlepper. Eigentlich wollte mich der Roschlauber mit dem Pkw zur "Steinernen Rinne" kutschieren. "Aber meine Frau ist mit dem Auto unterwegs." Dann also mit dem Trecker. Beherzt schnappe ich Schreibblock und Kamera und springe auf. Weberpals gibt Gas, der Deutz knattert laut.

Mit dem Besitzer des Traktors habe ich mich erst vor einer halben Stunde angefreundet. Entspannt sitze ich auf einer Aussichtsbank am nördlichen Rand des Landkreises Bamberg und schaue in die Ferne. Vor meinen Augen grüne Wiesen, Maisfelder und Obstbäume. Um mich herum zwitschern Vögel in der Morgensonne, eine schwarz-weiße Katze schleicht um meine Beine und spielt mit den Schnürsenkeln. "Diese Stille! Hier lässt sich‘s aushalten", denke ich, als Richard Weberpals und seine Frau plötzlich neben mir stehen.

Das Ehepaar möchte wissen, warum ich hier sitze. Mein Pfeil, erkläre ich, hat eines der Felder unterhalb des Ortes getroffen. "Wir holen nur schnell unsere Pferde von der Weide. Dann klären wir, wem das Feld gehört", verspricht Richard Weberpals.

Zehn Minuten später sitzt der Roschlauber neben mir auf der Bank. Er hat ein Bild mitgebracht. Auf der Frontseite ein großes Foto des 73-Einwohner-Ortes, hinten sind die Häuser und Felder auf einer Karte aufgezeichnet. Kurz darauf steht fest: Mein Pfeil hat den Acker meines Sitznachbars getroffen. "So ein Zufall", lacht er.

Keine Landwirte mehr in Roschlaub

Weberpals erzählt mir vom Leben auf dem Land. Landwirte, sagt er, gibt es in Roschlaub schon lange nicht mehr. "Alle verdienen ihr Geld woanders. Ich arbeite als Schlosser in Bamberg." Ein paar Tiere hält man sich noch. Weberpals kümmert sich mit seiner Frau um drei Pferde und ein paar Ziegen, ein Nachbar besitzt Schweine, ein anderer ein schottisches Hochlandrind. Die Dorfgemeinschaft "passt" in Roschlaub. "Das funktioniert alles gut", lobt Weberpals, bevor er sich vorübergehend entschuldigt. "Ich habe im Moment Urlaub. Und es gibt einiges zu erledigen."

Zeit für einen Orts-Rundgang. In Roschlaub gibt es schöne Fachwerkhäuser, eine Freiwillige Feuerwehr, ein Gasthaus, ein Bushäuschen und eine kleine Kapelle. Die haben die Roschlauber in den 50er-Jahren in Eigenregie restauriert. Hauptsächlich im Mai und Oktober werden hier Andachten abgehalten. Dann kommt ein Pfarrer aus Scheßlitz.

Sonntags sind die Kirchentüren immer geöffnet. "Wanderer kehren ein und unser Josef Finzel spielt dann auch an der Orgel", berichten Barbara und Siegfried Dusold, die einen Schlüssel haben und in der Kapelle regelmäßig nach dem Rechten sehen.

Das Ehepaar sitzt entspannt an einem Tisch vor dem Haus Nummer 19 und hält die Orts-Chronik und ein Faltblatt über die kleine Kirche in den Händen. Siegfried ist Roschlauber durch und durch, seine Frau Barbara lebt seit 48 Jahren hier. Kennengelernt haben sie sich beim Tanz. In ihrem Heimatort fühlen sich die Rentner wohl. Man sei froh, dass es noch eine Gastwirtschaft gibt. Auch jüngere Familien würden hierher ziehen. Ein Grund: die traumhafte Lage. "Alleine der Blick von der Hohen Metze. Herrlich! Bei gutem Wetter kann man ganz Bamberg sehen", sagt Barbara Dusold und deutet mit der rechten Hand in die Ferne.

Früher hätten sich die Roschlauber mit Wasser aus einer der Quellen versorgt. Da dieses aber viel zu kalkhaltig ist, wurde der Ort vor Jahren an ein Leitungsnetz angeschlossen. Einen kleinen Hydranten gibt es aber trotzdem noch. Die Roschlauber nutzen das Wasser unter anderem zum Bewässern der Gärten. Trinken würden sie es auch. "Unser Bürgermeister hat immer gesagt: Wer drei Seidla Bier verträgt, verträgt auch dieses Wasser", lacht Barbara Dusold.

Jetzt also noch mit dem Trecker zur "Steinernen Rinne". Eine wackelige Angelegenheit. Die Feldwege sind eng, lästige Schnaken machen Richard Weberpals und mir zu schaffen. Trotzdem unterhalten wir uns bestens. Die Rinne befindet sich mitten im Wald, ist etwa 50 Meter lang und sieht aus wie von Geisterhand gefertigt. Ein moosbedeckter Kalksockel, auf dem sich das Quellwasser den Weg ins Tal bahnt. "Zwei Mal im Jahr mache ich Führungen hierher", so Weberpals, während er den Traktor geschickt durch den Wald lenkt. Viele Wanderer würden sich auf der Suche nach der Rinne verlaufen. "Ist aber auch nicht einfach zu finden", weiß der Roschlauber. Vor Ort noch ein schnelles Foto, bevor mein Reiseleiter zurücktuckert. "Ich hab‘ noch viel zu tun."

Beim Aufstieg zur "Steinernen Rinne" genieße ich den Duft von frischem Regen und bin begeistert von dem unwirklichen Naturschauspiel. Seicht plätschert das Wasser die 50-Meter-Rinne herab, etwas oberhalb gluckert die Quelle in der Tiefe. Auf dem Rückweg treffe ich ein Wander-Ehepaar aus Ebensfeld. Auch sie sind auf dem Weg zur "Steinernen Rinne" und freuen sich über die Nachricht, dass sie bald am Ziel sind. Ein schnelles Foto für die Zeitung? "Bitte nicht. Gucken Sie mal, wie verschwitzt wir sind. Wir irren schon ewig durch den Wald." Richard Weberpals würde jetzt sicherlich schmunzeln...