Angst und Schlaflosigkeit verbindet Amari P. (Name geändert) mit der Staatsmacht. "Wenn ich ein Polizeiauto sehe, durchzuckt es meinen ganzen Körper", berichtet der 27-Jährige, der im Bamberger Ankerzentrum wohnt. Die Polizeieinsätze und der dauerpräsente Sicherheitsdienst seien für ihn psychisch belastend, erzählt der Nigerianer.

Dreimal täglich rücken Bamberger Polizisten durchschnittlich in die alte Kaserne aus. Das sogenannte Zentrum für Ankunft, Entscheidung und Rückführung (Anker) mit seinen knapp 1200 Bewohnern ist für die Beamten ein ständiger Brennpunkt. "Das geht von der Beschwerde wegen Ruhestörung bis zum versuchten Tötungsdelikt. Wir haben dort viel Arbeit", erklärt der Bamberger Polizeichef Thomas Schreiber.

Straftaten innerhalb des Zentrums

28,4 Prozent aller ermittelten Tatverdächtigen in der Stadt sind laut Kriminalitätsstatistik Zuwanderer aus dem Ankerzentrum. Das Gros dieser Straftaten spielt sich innerhalb der Zäune der Einrichtung ab. "Grundsätzlich muss ich immer betonen: Es sind ein Haufen anständige Leute da draußen. Aber einige wenige verhalten sich problematisch." Besonders alleinstehende, junge Männer ohne Bleibeperspektive fallen laut Schreiber negativ auf. 1100-mal wurden seine Beamten im vergangenen Jahr ins Ankerzentrum gerufen, die Zahlen für 2019 sehen bisher ähnlich aus.

Wäre es also hilfreich, eine ständige Polizeiwache in der Asyleinrichtung zu besetzen? Diese Frage stellte der Bamberger Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) dem Polizeichef im Sicherheitsbeirat der Stadt. Die Kommunen mit örtlichen Ankerzentren sind untereinander vernetzt. In diesem Gremium sei die Frage aufgetaucht. Starke wollte nun Schreibers Meinung dazu hören.

Einsatztaktik ist ausgeklügelt

Und die fiel eindeutig aus: "Eine ständige Wache halte ich nicht für sinnvoll." Der Leitende Polizeidirektor untermauerte seine Haltung mit mehreren Argumenten: Wenn seine Inspektion zwei Beamte vor Ort habe, könnten die im Ernstfall auch nicht viel ausrichten, außer Verstärkung rufen. "Kommen wir aber gleich mit zwei, drei Streifen und Blaulicht ist klar: Jetzt ist Schluss mit lustig." Die Einsatztaktik sei ausgeklügelt und habe sich bewährt. Die Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst sei gut, "bei allem Licht und Schatten". Manchmal würden seine Beamten zu früh hinzugerufen. "Außerdem will ich die Menschen, die dort wohnen, nicht unter Generalverdacht stellen", stellte Schreiber klar.

Die Regierung von Oberfranken als Betreiber des Aufnahmezentrums verweist auf Nachfrage darauf, dass man mit Polizei und Sicherheitsdienst in ständigem Kontakt stehe. Das Innenministerium teilt mit: "Feste Polizeidienststellen in Ankerzentren in Bayern sind aus unserer Sicht nicht notwendig." Für die Sicherheit sei die Security zuständig. "Sofern es notwendig ist, kann die Polizeipräsenz schnell erhöht werden", sagt ein Sprecher.

Und was halten die Geflüchteten von einer ständigen Wache? Die Asylsuchenden seien der Polizei gegenüber meist negativ eingestellt, berichtet Thomas Bollwein als Bamberger Sprecher des Flüchtlingsrates. "Eine ständige Wache würde die Angst der Menschen verstärken." Die Polizei sei als ausführendes Organ bei Abschiebungen gefürchtet, der Sicherheitsdienst gelte unter Geflüchteten als "Handlanger" der Staatsgewalt. "Die Leute stehen psychisch schon sehr stark unter Druck", sagt Bollwein. Der Vertreter des Flüchtlingsrates, der zentrale Asylunterkünfte wie die Bamberger generell ablehnt, würde sich statt einer festen Wache eine unabhängige Anlaufstelle wünschen, an die sich Geflüchtete bei Problemen wenden könnten. "Eine solche Stelle könnte bei der Aufarbeitung von Konfliktsituationen helfen."

Verstärkung wird gewünscht

Wünschen würde sich Polizeichef Schreiber mehr Personal. "Aber nicht zu Lasten anderer Dienststellen." Eine ständige Ankerwache dagegen würde negativ in seine Personalplanung einwirken, weil die zehn bis zwölf Leute für das restliche Stadtgebiet fehlen würden. Als ersten Wunsch nennt Schreiber, dass die Kapazität des Bamberger Ankerzentrums nicht erhöht wird. "Es sollte nicht mehr werden."

Amari P. ist sich mit dem Polizeichef einig, dass es keine ständige Wache geben soll - wenn auch aus ganz anderen Gründen. Mehr Polizei "im Camp" würde auch zu mehr Problemen führen, ist sich der 27-Jährige sicher.

Kommentar des Autors:

Es mag paradox klingen, aber wer dem Bamberger Polizeichef zuhört, der versteht: Die Beamten würden durch eine dauerhafte Wache im Ankerzentrum Personalressourcen binden, ohne im Ernstfall wirklich durchgreifen zu können. Verstärkung wäre nötig, wenn es brenzlig wird. Es müssten also so oder so Beamte von außerhalb anrücken. Und für das tägliche Klein-Klein ist der Sicherheitsdienst da. Erfahrungen im Schweinfurter Ankerzentrum bestätigen diese Einschätzung. Hier sind die zwei Polizeibeamten in einem ständigen "Wachraum" vor Ort - und größtenteils mit Verlust- und Fundanzeigen beschäftigt. Was unglücklich aber der Struktur als Exekutivorgan geschuldet ist: Die Asylsuchenden nehmen die Polizei nicht als ihre Schutzmacht wahr, oder gar als Freund und Helfer. Im Gegenteil: Für sie sind die Beamten für die Abschiebungen zuständig. Der Unterschied zwischen Bamberger und Bundespolizei spielt da keine Rolle. Uniform ist Uniform.