Vor einigen Wochen hat sich die Mutter eines Kita-Kindes vertraulich an unsere Zeitung gewandt. Sie hatte ein Schreiben von der Awo erhalten, wonach die Elternbeiträge für ihre Kita künftig auch zu zahlen seien, wenn wegen Corona (oder anderen Infektionskrankheiten) geschlossen ist.

Sie fürchte um ihren Kita-Platz, wenn sie eine entsprechende Zusatzvereinbarung nicht unterschreibe. Das sei eine zusätzliche Sorge in Corona-Zeiten und eine Ungerechtigkeit, die sie nicht hinnehmen möchte. "Wir fühlen uns als Eltern nun genötigt, das unternehmerische Risiko der Awo zu tragen", hat uns die Mutter damals geschrieben. Sie würde zudem gern wissen, "ob alle anderen Wege ausgelotet wurden".

Zu diesem Zeitpunkt erschienen die Befürchtungen noch sehr abstrakt. Denn im letzen halben Jahr stand eine neuerliche Kita-Schließung wie im Frühjahr kaum zur Diskussion. Kurz vor Weihnachten ging dann aber alles schnell, auch vorgezogene und verlängerte Kita-Ferien wurden Teil des zweiten "harten Lockdowns". Der gilt aktuell noch bis zum 10. Januar. Doch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder macht wie einige Länderkollegen und Bundesminister bereits deutlich, dass es wohl noch eine Verlängerung gibt.

Nun ist die Betreuung das eine. Für manche Berufstätige, die keinen Anspruch auf Notbetreuung haben, könnte wieder ein größerer Teil des Jahresurlaubs draufgehen. Andere versuchen es irgendwie neben der Arbeit im Home-Office hinzubekommen - was für alle Beteiligten sehr schwierig sein kann. So oder so ist es für viele Eltern aber höchst ärgerlich, wenn sie selbst betreuen, aber trotzdem die regulären Kita-Gebühren zahlen sollen. Im Frühjahr ist während der Schließzeit der Freistaat Bayern eingesprungen und hat für drei Monate die Gebühren übernommen. Doch nun deutet sich eine andere Konstellation an. Der Awo-Kreisverband Bamberg befürchtet, "dass im Gegensatz zum ersten Lockdown bei einem zweiten vollständigen Lockdown mit Kita-Schließungen von Seiten der Staatsregierung keine Elterngebühren mehr übernommen werden". Das führe dann zu finanziellen Belastungen für die Eltern. Die Träger seien laut Awo-Geschäftsführer Matthias Kirsch dazu angehalten, pandemiebedingte Ausfallzeiten zukünftig mit der Elternschaft, durch eine Ergänzung der Betreuungsverträge, zu regeln.

Die Kita-Kosten sind je nach Träger unterschiedlich hoch und nach Stundenzahl gestaffelt. Zwar gewährt der Freistaat für die Krippen- und Kindergartenzeit einen Beitragszuschuss von 100 Euro pro Monat, aber für viele Eltern wird laut Kirsch trotzdem noch einmal ein ähnlich hoher Betrag fällig. "Und bei mehreren Kindern kommt dann schon etwas zusammen."

Ohne die finanzielle Unterstützung der Regierung würden die Träger nach Einschätzung der Awo Bamberg gezwungen sein, die Gebühren auch bei Kita- Schließungen weiterhin zu erheben. Was gerade von Kurzarbeit oder gar Arbeitsplatzverlust betroffene Eltern schwer belaste.

Träger können das nicht leisten

Kirsch macht deutlich, dass auch eine Notbetreuung für die Hälfte der Kinder unter Einhaltung aller Hygienebestimmungen genauso viel Personal bindet wie der Normalbetrieb zu Nicht-Corona-Zeiten. "Das ist eine Problematik, vor der alle Träger stehen."

Wenn während der Schließzeiten weder Geld vom Freistaat, noch von den Eltern käme, würde allein der Awo Bamberg "eine sechsstellige Summe im Monat fehlen". Kein Träger, schon gar nicht die kleineren, habe solche Rücklagen. "Dann gehen bei einigen schnell die Lichter aus", sagt Kirsch. Etwa 2000 Kinder in Stadt und Landkreis werden in Einrichtungen des Awo-Kreisverbands Bamberg betreut, das Gros der Eltern (95 Prozent) hat laut Geschäftsführer Kirsch mittlerweile die Zusatzvereinbarung unterzeichnet.

Die Elternbeiträge seien relevant, um die Personalstrukturen vor Ort aufrechterhalten zu können. Daher habe man sich gezwungen gesehen, "einen Passus durchgängiger Zahlungspflicht zu den Kita-Gebühren auch bei pandemiebedingten Schließungen in unsere laufenden Betreuungsverträge einzufügen".

Neue coronabedingte Vorgaben hätten " den Betreuungsalltag stark erschwert". Die Bildung von festen Gruppen mit festem Personal stelle die Einrichtungen vor große Herausforderungen, da auch das Personal krankheitsbedingt ausfallen oder unter Quarantäne gestellt werden kann. "Unser erklärtes Ziel ist es, die Vertragsergänzungen nicht in Anspruch nehmen zu müssen", erklärt Kirsch.

Die Awo appelliere daher an die bayerische Staatsregierung, gegenüber der Elternschaft klare Bereitschaft zum finanziellen Ausgleich zu zeigen. "Die Eltern dürfen nicht das letzte Glied in der Pandemie-Kette sein, der Freistaat sollte sich konkret dafür verbürgen, dass verfügte Schließzeiten nicht von ihnen zu bezahlen sind", sagt auch Awo-Kreisvorsitzender Klaus Stieringer. Es liege auf der Hand, dass Eltern für diese schwierige Zeit nicht auch noch ohne Gegenleistung Gebühren entrichten wollten.

Das bayerische Familienministerium betont auf unsere Nachfrage, dass die derzeitige Infektionsschutzmaßnahmenverordnung noch bis zum 10. Januar 2021 gelte, "Schließungen über diesen Zeitraum hinaus sind abhängig vom weiteren Infektionsgeschehen". Seitens des Familienministeriums habe es keine Aufforderung an die Kita-Träger gegeben, pandemiebedingte Ausfallzeiten zukünftig mit der Elternschaft durch eine Ergänzung der Betreuungsverträge zu regeln.

Allerdings teilt uns das Ministerium auch mit: "Derzeit gibt es keine Planungen zur Übernahme von Elternbeiträgen." Auch ein finanzieller Ausgleich für Eltern, die Beiträge trotz Schließung zahlen müssten, sei derzeit nicht vorgesehen.

Aus Kirschs Sicht sind die Träger gezwungen, den Druck an die Eltern weiterzugeben. Und der sei angesichts der besonderen Betreuungssituation ohnehin schon hoch. Auch in Awo-Einrichtungen hat es in der zweiten Welle mittlerweile Corona-Fälle gegeben, Kinder und Mitarbeiter mussten in Quarantäne gehen. Für den Awo-Geschäftsführer sind auch die Erzieherinnen und Erzieher "Corona-Helden", die sich einen staatlichen Bonus mehr als verdient hätten. "Sie waren immer da und haben unter schwierigen Bedingungen das System am Laufen gehalten."