Das ehrenamtliche Kontakt-Team hat seit 2015 mit viel Herzblut das leerstehende Gelände der Lagarde-Kaserne jedes Jahr für vier Tage mit Leben gefüllt. Etwa 20 000 Menschen besuchten an diesem Wochenende das stetig gewachsene Kultur-Festival, das zum letzten Mal auf dem Kasernengelände stattgefunden hat. Ein neuer Ort wurde bisher noch nicht gefunden. Eine kleine Kostprobe der kulturellen Vielfalt, die am Freitag zu erleben war.

Schreiben sichtbar machen

Während draußen der Bass wummert, lauschen die Besucher in der Schreinerei gespannt den Worten von Selmar Schülein. Der Autor hat den ganzen Nachmittag skizziert, gemalt, gekritzelt und getippt. Das Format hat er "Schreibung" getauft. Gut sechseinhalb Stunden saß er an einem kleinen Tischchen mit Laptop und Mate, "um den Prozess des Texteschreibens sichtbar zu machen." Rausgekommen sind 13 Seiten Werk, die er zum "Trocknen" an eine Wäscheleine fein säuberlich aufhängt. Titel: "Die beschissengeilste Rohkostplatte meines Lebens". Eine kurze Geschichte über einen Vierzehnjährigen, der in einer bayrischen Provinzstadt fast zum Punk wurde, als im Sommer 2002 zum Bundestagswahlkampf Edmund Stoiber auftritt. Das Publikum hat auf jeden Fall sichtbar Spaß, wahrscheinlich nicht zuletzt, "da das Werk auch Autobiografisches beinhaltet", wie der Autor mit einem Grinsen gesteht. Die beschriebenen Punks habe es wirklich auf seiner Schule gegeben. Mit dem Text wolle Schülein darauf hinweisen, dass die Outlaws aus den Stadtbildern verschwinden.

Draußen scheinen die letzten Sonnenstrahlen den vier Jungs aus Wien ins Gesicht und beleuchtet: Es macht nicht nur ihnen Spaß, was sie da auf der Bühne veranstalten. Mit Kontrabass, Trompete, Klarinette und Akustikgitarre ausgestattet bringen sie die Menge vor der Außenbühne mit einfühlsamem Jazz zum Schwingen. Der Wiener Schmäh bleibt zuhause, stattdessen gibt's charmante Texte auf Deutsch und Italienisch. Aber sie können auch härter: Matthias Vieider am Mikro macht mit "Via con me" den Platz zur Tanzparade. Den letzten Anstrich kriegt das Ensemble mit einem Megafon, welches die frohe Botschaft von entspannter, tanzbarer Musik in die Menge bläst.

Das Spiel der Farben lässt die Zuhörer in der alten Turnhalle in eine andere Welt eintauchen. Gespannt verfolgen unzählige Augenpaare den Wirbel der Schlägel, die auf Vibrafon, ein modernes Xylofon, und Schlagzeug einprasseln. Die Band "Ork" aus Straßburg schafft einen Raum zwischen Elektro, Rock und auch etwas Jazz. Schnell aufbrausend, dann doch wieder gefühlvoll, gar bedächtig, nehmen sie die Hörer mit auf eine Reise, auf der Musik keine bloße Aneinanderreihung von Akkorden und Tönen ist, sondern Zustand.

Pastor mit Partybrille

Das Flackern der Glühbirnen, Orgelsounds gemischt mit Dubsteb von der Platte und der Nebel künden ihn an: Pastor Leumund. Mit lila Trainingsanzug, Partybrille und Hotpants tritt er vor die versammelte Gemeinde, um gemeinsam mit Mitstreiter Mittekill gepackt ins 80er-Outfit die Zuschauer im dicht gedrängten Saal zum Toben zu bringen. Bevor er den "Neuraum", wie das Kontakt-Team den neuen Veranstaltungsort getauft hat, mit seiner Exegese flutet, verteilt der selbsterklärte Geistliche sein Weihwasser per Klobürste auf die anwesenden Jünger. "Wo ist der Notausgang vom Kapitalismus?" Wenn selbst Gott keine Antwort hat, hilft nur noch eins: "Da müssen wir die außerplanetarische Opposition anrufen!" Nach Zeilen wie "Sind die Gedanken frei/ oder sind wir vom Brainwash high?" hat man den Eindruck, nicht mehr auf diesem Planeten zu sein. Aber egal ob Bamberg oder Weltraum: Die Verbindung zu den Fans steht.