Man bemerkt die Geschwindigkeit gar nicht. Wäre da im ICE-Zugabteil nicht an der Decke die Geschwindigkeitsanzeige angebracht, Tempo 300 fiele einem kaum auf.

Allerhöchstens beim Blick aus dem Fenster realisiert man die hohe Geschwindigkeit. Sieht Felder förmlich vorbeifliegen, immer wieder unterbrochen durch Tunnelfahrten, wo das Auge die einzelnen Tunnellichter aufgrund der Geschwindigkeit wie eine Lichterkette erfasst. Schon irre, mit Tempo 300 durch den Thüringer Wald zu rasen. Wobei "durch" wortwörtlich zu verstehen ist. Die ICE-Neubaustrecke wurde auf einer Länge von insgesamt 41 Kilometern regelrecht durch das thüringische Mittelgebirge gebohrt.


Schneller mit dem Zug als mit Auto oder Flieger

Bei der Premierenfahrt zeigten sich auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und der Personalvorstand der Bahn, Berthold Huber, von der Neubaustrecke angetan. Immerhin ist das jetzt fertiggestellte ICE-Teilstück zwischen Ebensfeld und Erfurt der schnellste Abschnitt der insgesamt zehn Milliarden Euro teuren Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin. Mit Tempo 300 durch Tunnels und über Talbrücken, das ist schon beeindruckend. Aber deswegen wurde die Strecke natürlich nicht gebaut.

Die Bahn will im innerdeutschen Verkehr die Konkurrenz auf der Straße und in der Luft abschütteln. Ab Dezember in drei Stunden und 55 Minuten von München nach Berlin fahren können, und zwar von Zentrum zu Zentrum, da kann das Auto nicht mithalten, und auch der Flieger tut sich schwer.


Fahrgastanteil soll verdoppelt werden

Auf dieser Strecke halte die Bahn derzeit einen Fahrgastanteil von 20 Prozent, so Dobrindt. Dieser Marktanteil soll auf 40 Prozent und dann 3,6 Millionen Fahrgäste verdoppelt werden, gibt sich der Minister ausgesprochen optimistisch. Kein Wunder bei den versprochenen Fahrzeiten. Von Bamberg aus geht's künftig in 45 Minuten nach Erfurt und in zwei Stunden und 45 Minuten nach Berlin. Bis Ende 2018 und einem weiteren Infrastrukturausbau wird es dann nahezu stündliche ICE-Halts in Bamberg geben.

Auch Coburg wird ICE-Halt mit drei Anbindungen an Werktagen. Von hier aus geht es dann in zweiein halb Stunden nach Berlin und in zwei Stunden und 15 Minuten nach München.


Hochgeschwindigkeitsstrecke bietet auch Vorteile für den Güterverkehr

Dobrindt verwies auf ein neues Konzept mit günstigeren Tarifen auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken. Das den Frachtverkehr auf der Schiene kostengünstiger und damit attraktiver machen. Seitens der Bahn wurde auf die geradezu historische Dimension hingewiesen, die sich mit der neuen ICE-Strecke zwischen München und Berlin ergebe. Mit ihr ergebe sich die größte Angebotsverbesserung in der Geschichte der deutschen Bahn. Rund 17 Millionen Menschen würden von dieser neuen Reisemöglichkeit profitieren. Für ein Drittel aller Fernzüge der Bahn gebe es entsprechend ab Dezember einen neuen Fahrplan. Das sei der größte Fahrbahnwechsel in der Bahngeschichte. Dann würde von 45 Orten in ganz Deutschland ein direkter ICE mindestens einmal pro Woche über die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke fahren, beispielsweise ab Stralsund oder Garmisch-Partenkirchen.


Weitere Baumaßnahmen nötig

Die Geschichte der ICE-Strecke zwischen München und Berlin ist allerdings damit noch nicht zu Ende geschrieben. Es fehlt nach wie vor der Ausbau der derzeitig genutzten Bestandsstrecken zwischen Baiersdorf nördlich von Erlangen und Hallstadt nördlich von Bamberg. Auch die ICE-Durchfahrt für Bamberg muss erst noch in Angriff genommen werden. Die hier- für notwendigen Baumaßnahmen werden den regionalen Zugverkehr wohl noch über Jahre beeinträchtigen und die zahlreichen Pendler in Franken auf eine harte Geduldsprobe stellen.