Mein Ausflug in den südlichen Bamberger Landkreis fällt auf einen Bilderbuch-Sommertag. 28 Grad Celsius, kaum ein Wölkchen am Himmel. Auf dem Weg nach Herrnsdorf kommen deshalb echte Sommer-Gefühle auf. Vom Auto aus beobachte ich die Radfahrer, die sich in der Morgensonne abstrampeln. Wanderer schwingen auf Feldwegen ihre Stöcke, Hausbesitzer lassen im Schatten Füße und Seele baumeln.

Mein Pfeil hat nordwestlich des Frensdorfer Ortsteils eine kleine Obst-Wiese getroffen. Die finde ich schnell, den Besitzer allerdings nicht. Bei der ortsansässigen Tankstelle kann man mir nicht weiterhelfen. "Ich bin nicht von hier. Fragen Sie einen Bauern", rät mir die freundliche Angestellte. Ein guter Tipp. Auf einem Acker unweit der Wiese zieht ein älterer Herr mit einer Hacke eine Schneise in den Erdboden. "Falls es regnet", erklärt er dem Laien. Auf einem Zettel zeige ich ihm den Punkt, den ich getroffen habe.
"Die Wiese dort oben? Die gehört uns", sagt der Mann nach kurzer Analyse.


Abstieg in den Wald
Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, auch ein Foto muss nicht sein. Aber eine erstaunliche Geschichte kann er mir erzählen. Geht man auf der Wiese an den Obstbäumen und Birken vorbei, entdeckt man im Wald nach einem kurzen Abstieg einen Felsenkeller. Hier, berichtet der Herrnsdorfer, hat sein Großvater ab 1927 sein selbst gebrautes Bier gelagert. Bei Bedarf wurde der Gerstensaft aus dem kühlen Versteck geholt. "Wie viel er brauen durfte, war abhängig von der Hektar-Fläche der Felder. Je mehr Land, desto mehr durfte man brauen", erzählt der 76-Jährige.

Sein eigenes Bier lagert der Herrnsdorfer dort nicht. Ohnehin genehmigt er sich nur ab und zu ein Bierchen. "Ein Seidla zur Brotzeit" darf es schon sein - allerdings erst nach getaner Arbeit. "Das ist mit dem Schlepper zu gefährlich", weiß der Landwirt, der sich in seinem Heimatort pudelwohl fühlt. "Es gibt nichts Schöneres."
Nach einer Inspektion des ehemaligen Bierkellers - in den mit Spinnweben bedeckten Eingangsbogen wurde die Jahreszahl 1927 in den Fels gehauen - will ich überprüfen, ob mein Gesprächspartner Recht hat. Und wirklich: Herrnsdorf ist putzig. Die Reiche Ebrach fließt am südlichen Ortsrand vorbei, drumherum ist viel Wald, im Ortskern stehen alte Häuser.

Zudem hat der 500-Einwohner-Ort zwei Wirtschaften zu bieten. Das Gasthaus Herrmann und den Brauereigasthof Barnikel. Hier empfängt Juniorchefin Kerstin den sonnen-müden Reporter mit einem kühlen Radler. Der Familienbetrieb hat bis vor ein paar Jahren das Bier noch selbst gebraut. "Die Chronik geht bis 1366 zurück." Mittlerweile wird das Bier in Aufseß produziert und dort ein Mal pro Woche abgeholt.

Kerstin Barnikel mag ihr Leben als Gastwirtstochter. Weil Herrnsdorf auf dem Jakobusweg liegt (führt unter anderem von Lichtenfels bis Nürnberg), kehren in der Traditionsgaststätte regelmäßig Wanderer aus aller Herren Länder ein. "Es waren schon Russen, Chinesen und Iren hier." Dabei entstehen immer wieder gute Freundschaften. "Bei uns sind mal zwei Tschechen versackt. Das war Liebe auf den ersten Blick. Die beiden kommen seither jedes Jahr hierher."

Natürlich kehren auch die Herrnsdorfer bei den Barnikels ein. Während ich mein Kaltgetränk genieße, studiert ein Stammgast auf der gegenüberliegenden Bierbank die Zeitung und lässt sich ein helles Lager schmecken. Kurz bevor ich weiterziehen will, lugt ein anderer Stammgast durch die Eingangstür. "Hier kann man auch sehr gut essen. Die Currywurst müssen Sie probieren", gibt er mir mit auf den Weg.


Kaffee im Garten
Am Ortsrand komme ich am Haus von Ralph Kiening vorbei. Der Filmemacher ist vor knapp zwei Monaten nach Herrnsdorf gezogen. Er lädt mich in seinen Garten ein. Bei einem Kaffee erzählt er mir von den netten Nachbarn und seinen Leidenschaften, der Musik und dem Film.

Sein erster Dokumentarfilm - das Portrait einer 72-Jährigen, die offen über ihre Sadomaso-Neigung spricht - schlug 2011 hohe Wellen. "Es gab positive Reaktionen, aber ich habe auch zwei Auftraggeber verloren." Die zweite Produktion, ein Film für Insider der SM-Szene, ist bereits abgedreht.

Trotz leckerem Kaffee und bester Unterhaltung muss ich mich irgendwann verabschieden. Das passt dem Gastgeber ganz gut. "Ich muss noch eine Menge vorbereiten. Ich habe nämlich heute Geburtstag."