Wie eine Spaltpilz trennte der AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke die Stadt Forchheim am Mittwochabend in zwei Lager. Sie verunglimpften einander als "Nazis" und "Rassisten", als "linker Narrensaum" und "rot-grüne Brüllaffen".

So standen sich in unversöhnlicher Konfrontation laut Polizei 200 AfD-Anhänger und 1000 Teilnehmer einer Gegendemonstration gegenüber. Zu dieser hatte ein Zusammenschluss aus unter anderem dem Forchheimer Bündnis "Bunt statt braun" sowie dem "Bündnis gegen Extremismus jeder Art" aufgerufen.

Der Gegner auf der jeweils anderen Seite schmeichelte erkennbar dem Selbstbild beider Gruppen. "Wir sind die Mehrheit der Gesellschaft", sagte Ludwig Preusch von "Bunt statt braun" - und meinte damit: Wir sind die, die Europa und eine humanitäre Flüchtlingspolitik verteidigen.


"Deutschland geht vor die Hunde"

Noch existenzieller auf einen Gegner angewiesen ist die AfD. "Wenn irgendwann keine Gegendemonstranten mehr kommen, haben wir etwas falsch gemacht", sagte Georg Hock.
Der Lichtenfelser, der zu den Gründungsmitgliedern der oberfränkischen AfD zählt und derzeit als einziger Oberfranke im Vorstand der bayerischen AfD sitzt, führte am Mittwoch durch die vom Kreisverband Forchheim organisierte Parteiveranstaltung.

Auch fünf Jahre nach ihrer Gründung speist sich der Erfolg der AfD noch immer auch aus dem offenbar stimulierenden Gefühl, allen Anfeindung zum Trotz das Vaterland gegen eine wirklichkeitsvergessene Mehrheit zu verteidigen.

Die AfD ist ein Kult des aufwendig inszenierten heroischen Außenseitertums. Deshalb auch kündigte Hock Björn Höcke als ewig Falsch-Verstandenen und Falsch-Zitierten an. Deshalb auch berief sich Dominik Pflaum in seiner Rede auf keinen Geringeren als den Religionsstifter Martin Luther. Wie Luther stehe im Angesicht mannigfaltigen Staatsversagens auch er hier und könne nicht anders: "Ich kann es nicht mehr mit ansehen, wie unser Deutschland vor die Hunde geht", sagte der Vorsitzende des AfD-Kreisverbands Forchheim.

Mit schneidender Stimme sprach Pflaum von "Altparteien", der "Herrschaft des Unrechts" und der "Selbstzerstörung unserer Kultur". Pflaums mit Sinnsprüchen Hölderlins und anderen Klassikern des bildungsbürgerlichen Zitatenschatzes aufgehübschte Rede stand hörbar in der Tradition Höckes und Hocks. "Ich bin mit Georg Hock befreundet und hole mir Rat bei ihm", sagte Pflaum gegenüber dieser Zeitung.

Im Gegenzug lobte Hock den Forchheimer Kreisvorsitzenden für dessen Mut, Höcke überhaupt nach Forchheim eingeladen zu haben. Wie Höcke gehört auch Hock zu den Unterzeichnern der "Erfurter Resolution", mit der die AfD auf einen nationalkonservativen Kurs verpflichtet werden soll. "Höcke ist einer der Hoffnungsträger unserer Partei", sagte Hock.


Von Wölfen und Schafen

Höcke bot seinem Forchheimer Publikum ein Best-of seiner in zahllosen Auftritten erprobten Garanten für Gejohle und "Höcke, Höcke"-Rufe: die höhnischen Attacken auf die "Despotin im Kanzleramt"; das entrückte Lamento über die Rechtschreibreform und die Wunden, die diese im Sprachbewusstsein der Deutschen gerissen habe; die gleichnishafte Endzeitfantasie von wölfischen Migranten, die über zu Schafen umerzogene Deutsche herfallen.

Kübel voller Häme schüttete Höcke über Heinrich Bedford-Strohm aus. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche hatte erst vor wenigen Tagen auf der Trauerfeier das flüchtlingspolitische Engagement der mutmaßlich von einem marokkanischen Lkw-Fahrer ermordeten Studentin Sofia L. gewürdigt. "Vielleicht wäre sie noch am Leben, wenn sie aus dem Misstrauen heraus gelebt hätte", sagte Bedford-Strohm, um dann zu fragen: "Aber wäre das das bessere Leben gewesen?" In Forchheim ereiferte sich Höcke über den "pervertierten Glauben" eines "Hobby-Politikers" und attestierte Bedford-Strohm, "in der Endphase der geistigen Wohlstandsverwahrlosung angekommen" zu sein.

Politisch ernstgenommen werden muss Höcke trotz derartiger ins Kabarettistische ragenden Polemiken dennoch: Gerade seine auch in Forchheim unter dem Namen "solidarischer Patriotismus" skizzierte Verknüpfung von Identitäts- und Sozialpolitik könnte die AfD in traditionell linken Milieus als neue soziale Schutzmacht verankern.
Zum Abschluss schmetterten Höck, Hock und Pflaum auf offener Bühne die dritte Strophe der Deutschland-Hymne. "Deutschland, das seid nicht ihr", schrien ihnen die Demonstranten dabei in ihre vor Stolz glühenden Gesichter.