Es ist üblich, dass am Ende der Sanierung eines Kirchturmes in der Turmkugel eine verplombte Zeitkapsel mit aktuellen politischen und kirchlichen Daten der gegenwärtigen Zeit platziert wird. So fanden Handwerker bei der Kirchturmreparatur in Haard im Sommer 1957 eine Urkunde und eine Zeitung mit Hitlerbild in der Turmkugel von 1934, welche die damalige politische Stimmung der Gemeindeobrigkeit während der Zeit des Nationalsozialismus wiedergibt. Das Landbauamt Bad Kissingen erhielt eine Abschrift. Sie ist hier auszugsweise wiedergegeben. Verfasser war Lehrer Josef Vollmer.

"Urkunde der Gemeindebehörde Haard. Wir schreiben heute den 15.5.1934. Seit Erbauung der Kirche im Jahre 1869/71 wurden zum ersten mal das Kreuz und die Kugel vom Turm abgenommen. Da es für spätere Geschlechter wissenswert ist etwas von der heutigen Zeit zu hören, so will ich einiges niederschreiben."

Der Lehrer Vollmer ging zunächst auf den Ersten Weltkrieg ein. Von Haard nahmen am Weltenbrand 72 Männer teil. 14 davon ließen ihr Leben in einem sinnlosen Krieg.

Begeisterung des Chronisten für Hitler

Eine andere Textpassage befasste sich mit Hitlers Aufstieg. Josef Vollmer schien von dem österreichischen Gefreiten begeistert zu sein. "Schon gleich nach dem Kriege beginnt ein einfacher Frontsoldat, Adolf Hitler, den Kampf gegen die roten Elemente, gegen den Geist des Marxismus." Was folgt, sind Jubelarien auf den Diktator Adolf Hitler. Vollmer verweist auf eine Volksabstimmung am 12. November 1933, in der sich laut dem ihm 95 Prozent aller Deutschen mit Hitler einverstanden erklärten. Wie viel Wahrheit an den Umfrageergebnissen ist, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Klar ist aber, dass die NSDAP meisterhafte Propaganda betrieb. Die aufgelisteten 95 Prozent sind somit anzuzweifeln.

Dass die Nationalsozialisten überall ihre Finger im Spiel hatten, zeigt sich bei der Bürgermeisterwahl vom 4. Mai 1933. Nicht nur das Bezirksamt sondern auch die NSDAP bestätigten das Wahlergebnis. Die Haarder wählten Richard Beck als 1. Bürgermeister, Thomas Burger zum 2. Bürgermeister.

Was am Ende im Zeichen des Hakenkreuzes aus Deutschland geworden ist, ist bekannt: Durch staatliche Arbeitsprogramme und massive Rüstungsproduktion sank Arbeitslosigkeit. Mit dem Überfall auf Polen, am 1. September 1939 begann der II. Weltkrieg, der sechs Jahre dauerte und am 8. Mai 1945 endete.

Nicht nur Deutschland, sondern die halbe Welt lag danach in Schutt und Asche. 56 Millionen Menschen kamen bei direkten Kriegshandlungen ums Leben und rund 80 Millionen Verwundete und sind im Nachgang an den Kriegsfolgen gestorben.

Enorme Verbrechen

Sechs Millionen Juden sowie Oppositionelle, Kriegsgegner, Kommunisten, Sozialdemokraten, Sinti und Roma, Homosexuelle und Künstler wurden in den Konzentrationslagern von den Nationalsozialisten ermordet. 9,6 Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge suchten ein neues Zuhause und mussten im zerstörten Deutschland untergebracht werden. Die Siegermächte teilten Deutschland unter sich auf.

Am 28. September 1945 berichtete die Haarder Lehrerin Rosa Münz: "Das Jahr 1945 brachte uns das Ende des furchtbarsten Krieges. Der Schulsaal hatte ein großes Loch und die Lehrerwohnung war zerstört. Einige Häuser waren beschädigt.18 Haarder junge Burschen und Männer waren im Krieg gefallen. Der Allmächtige möge uns bewahren vor einem nochmaligen Krieg der unendliches Leid über die Völker und Länder gebracht hat."