"Wir leben ja schließlich hier"

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Günther Albrecht lässt sich von Valentina Plättner und Lidia Weiß erklären, wo sie in der früheren Sowjetunion gelebt haben ...

Warum sie einen Deutschkurs für Aussiedler besucht? Da muss Lidia Weiß nicht lange überlegen. "Ich habe sechs Enkel. Die haben immer wieder zu mir gesagt ´Oma, du sprichst so komisch deutsch´. Da musste ich doch was tun."

Als sie nach Deutschland kam, gab es zwar von Amts wegen einen Sprachkurs, doch der dauerte nur ein halbes Jahr. Und bei ihrem ersten Job als Putzfrau konnte sie ihre Sprachkenntnisse kaum verbessern.
Valentina Plättner pflichtet ihr bei: "Gut deutsch zu sprechen, das ist unser Traum". Und Tatiana Kechter ergänzt: "Wir leben ja schließlich in Deutschland, dann müssen wir auch deutsch reden." Lidia Junker kann sogar auf früher Erlerntes zurückgreifen, wenn auch manche ihrer Formulierungen heute etwas antiquiert klingen. Sie hat nämlich als Kind mit ihren Eltern in der Sowjetunion noch deutsch gesprochen.
Sieben Frauen und ein Mann kommen regelmäßig am Montagabend in einen Raum des Pfarrzentrums, den die katholische Pfarrgemeinde unentgeltlich zur Verfügung stellt. Dort wartet Günther Albrecht auf sie. Seit März 2008 bietet der ehemalige Lehrer seinen kostenlosen Kurs "Deutsch für Aussiedler" an. Albrecht hat 40 Jahre an der Hauptschule unterrichtet, davon 32 Jahre in Hammelburg.
Dort hatte er auch mit Kindern russischer Aussiedler zu tun. "Ich hatte sehr schnell ein gutes Verhältnis zu ihnen gefunden und einige russische Wörter gelernt. Da ich nach meiner Pensionierung gern etwas Ehrenamtliches tun wollte und ein wenig Russisch konnte, kam ich auf die Idee, diesen Leuten Deutschkenntnisse zu vermitteln", erklärt der 71-Jährige seine Beweggründe.
Die Kursteilnehmer, meist zwischen 50 und 60 Jahre alt, sind im russischen Sprach- und Kulturraum aufgewachsen. "Dort war Deutsch nicht erwünscht. Für sie ist es daher nicht leicht, unsere Sprache fehlerfrei zu erlernen", weiß Günther Albrecht. Der Unterricht erfordert somit viel Geduld, von Schülern und Lehrer. In erster Linie geht es darum, durch ständiges Üben den mündlichen Ausdruck zu verbessern, die Sprechfertigkeit zu üben und Grammatikfehler auszumerzen.

Kein "es" und kein "sein"


Die Schüler bekommen Arbeitsblätter für den Unterricht, lesen hier auch kürzere Zeitungsartikel und schreiben Diktate. Hausaufgaben sind ebenfalls zu erledigen, die beim nächsten Treffen gemeinsam kontrolliert werden. Probleme bereitet den meisten Russlanddeutschen die richtige Wortfolge im Satz. Außerdem gibt es in ihrer Muttersprache nicht den Artikel, das Wörtchen "es" sowie das Hilfszeitwort "sein" in der Gegenwart. "Der Russe sagt nicht, heute ist es kalt, sondern heute kalt", gibt Albrecht ein Beispiel.
Die Aussiedler lernen in dem Kurs auch deutsche Sitten und Bräuche kennen wie Fasching, Heiligenfeste oder Silvester. Natürlich darf ein Exkurs über den Weinbau in Hammelburg ebenso nicht fehlen. Zudem steht das Lernen von einigen Volksliedern auf dem Programm wie zum Beispiel "Hoch auf dem gelben Wagen." Für den Alltag ist es überdies wichtig, die Notrufnummern parat zu haben oder zu wissen, was bei einem Arztbesuch gesagt und getan werden muss.

Weitere Teilnehmer willkommen


Insofern ist der Kurs allen Übersiedlern zu empfehlen, die sich in der deutschen Gesellschaft zurechtfinden wollen. "Einige weitere Teilnehmer wären durchaus wünschenswert", wirbt Günter Albrecht um neue Schüler.
Sprache bietet auch immer wieder Anlass zu lustigen Missverständnissen, und deshalb geht es im Pfarrzentrum bisweilen recht heiter zu. So lobte Günther Albrecht einmal einen seiner Schützlinge mit den Worten: "Der Sascha passt auf wie ein Luchs." Nun wussten die Teilnehmer aber nicht, was ein Luchs ist. Stolz auf seine bescheidenen Russischkenntnisse erklärte Albrecht, auf Russisch heiße Luchs "riss". Verständnislosigkeit in den Augen der Schüler. Also schrieb er das Wort in kyrillischen Buchstaben an die Tafel. Großes Gelächter, er hatte das Wort falsch ausgesprochen und dadurch gesagt: "Er passt auf wie ein Reiskorn."
Wenn er nun einmal ungeduldig mit den Kursteilnehmern ist, bekommt er mitunter lächelnd die Retourkutsche "Herr Albrecht, riss!" zu hören. "Da wird mir dann wieder bewusst, wie schwer es ist, im Alter noch eine neue Sprache zu lernen", gesteht der Pädagoge.