Schon der Titel der Großstadtkomödie "Wir lieben und wissen nichts" aus der Feder eines der angesehensten deutschen Gegenwartsdramatiker, Moritz Rinke, klingt wie eine Bankrotterklärung für das, was unsere europäische Kultur für ihre wesentlichen Ingredienzen hält: Gefühl und Verstand. Das Aufeinandertreffen zweier Paare unterschiedlichen Alters ist aber eigentlich eine klassische Komödiensituation, die Rinke in unsere Post-Moderne versetzt.

Durch eine Wohnungstauschannonce im Internet lernen sie sich kennen; die einen wollen für zwei Monate von Zürich in eine deutsche Stadt, die anderen beiden nach Zürich. Eür Rinke wird dieses Treffen von vier absolut unterschiedlichen Personen zu einem Sprengsatz, den er wie in Zeitlupe ganz genüsslich auseinanderfliegen lässt.


Die Kunst des Redens

Ausgerechnet der Internet-Kommunikationsexperte Roman sagt zu seiner Frau Magdalena: "Wir haben immer gesagt, wenn wir nicht reden, dann trennen wir uns auch nicht." Obwohl Rinke sein Stück fest im Konfliktpotenzial unserer Gesellschaft verankert, Themen wie Globalisierung mit all ihren negativen Auswirkungen, Verlust der auf wirklicher Liebe basierenden Nähe, Technik als Fetisch in allen Lebensbereichen inklusive der Fortpflanzung ("Fruchtbarkeits-App"), Flucht aus der Kontaktunfähigkeit in den Dialog mit der Maschine, Zen-Kurse für gestresste Banker anspricht, wirkt seine Handlung nie wie eine sozialwissenschaftliche Abhandlung. Er haut in den Gesprächen seiner vier Protagonisten uns Menschen des 21. Jahrhunderts die unüberschaubare, oft faszinierende, oft aber auch unverständliche und absurd anmutende Welt in den hochentwickelten Industrienationen um die Ohren. Aber Rinke schafft es auch, sein Publikum mit pointierten Dialogen, überraschenden Einfällen mit viel Sprach- und Situationswitz bei Laune zu halten.


Explosionskraft

Zum Theaterring kam das Stück mit dem Euro-Studio Landgraf und in der Inszenierung von Rüdiger Hentzschel. Der vermochte es mit sehr viel Fingerspitzengefühl, die Explosionskraft der Personenkonstellation zu entwickeln, den Zuschauer zuschauen zu lassen, wie sehr die ungewohnte, auch unangenehme Situation die alten Rollenmuster der Paare aufbricht.

Eigentlich haben der nicht sonderlich erfolgreiche Kulturkritiker Sebastian, langzeitliiert mit seinem krassen Gegenteil, der als Zen-Coach für Bankmanager äußerst erfolgreichen Hannah, und die als Tier-Physiotherapeutin angestellte Magdalena mit ihrer allumfassenden Empathie für Tier und Mensch viel gemeinsam. Und die beiden perfekt getakteten Machertypen Hannah und Roman erkennen auch ihre Wesensverwandtschaft und sexuelle Anziehungskraft füreinander. Doch das Stück zeigt, dass auch zwischen diesen sich doch eigentlich ähnlichen Menschen Welten liegen.


Hervorragend besetzt

Für die vier an den großen Bühnen in Deutschland und im Film beheimateten Schauspieler, mit denen Euro-Studio Landgraf die beiden Paare besetzt hat, waren die vielschichtigen Personen mit ihren geschliffenen Dialogen eine Herausforderung, bei der sie ihre große Präsenz und ihr darstellerisches Können auf die Bühne bringen konnten. Uwe Neumann legte seine anfänglich etwas übertriebene Umtriebigkeit ab und zeigte einen durchaus differenzierten Technologie-Freak, dessen hyperaktives Engagement, aber auch seine erotischen Gefühle ihn in einer Traumwelt leben lassen, so dass er weder die Entfremdung von seiner Frau, noch die massive Anmache Hannahs, noch seine Kündigung richtig wahrnimmt.

Seine Frau Magdalena spielte sehr überzeugend Teresa Weißbach als eine naiv verliebte Partnerin, die im Zusammenprall mit den beiden anderen aus ihrer allzu abhängigen Beziehung herausfindet und sich aufmacht auf ihren eigenen Weg. Elisabeth Degen schaffte es, Sebastians Lebensgefährtin Hannah als mal positiv, mal egozentrisch agierendes ständig auf der Bühne anwesendes Kraftfeld wirken zu lassen, als Frau, die weiß und durchsetzt, was sie will. Vor allem, was sie von Sebastian will, Anwesenheit, ein Kind zur von ihr bestimmten Zeit, Unterstützung in ihrer Karriere.


Viele Facetten

Helmut Zierl als Sebastian widersetzt sich als ständiger Kritiker, Nörgler und Trödler ihren Plänen und der modernen Welt, will von vornherein den Umzug boykottieren und vor allem seinen Lebensentwurf vom schreibenden Genie gegenüber der Wahrheit seines Scheiterns als Kulturwissenschaftler und Liebhaber durchsetzen. Helmut Zierl spielte äußerst präzise all seine faszinierenden wie auch seine abstoßenden Facetten bravourös aus.