Sie sind mitten unter uns und haben viel mitgebracht: Gepäck, Familie, aber auch Erinnerungen, Ängste, Traumata. Dazu erleben die Flüchtlinge hier immer wieder das Gefühl, unerwünscht zu sein, verloren in einer Gesellschaft, die eine fremde Sprache spricht. Genau die Gefühle bildet das Theaterstück "Jasmin, der aus dem Orient kommt" ab.

Für Maja Kirchner sogar sehr intensiv. Die 27-Jährige war schon als Jugendliche Teil der Eine-Welt-Gruppe in Bad Brückenau, die im November ihr 30-jähriges Bestehen feiern kann. Die Veranstaltungen zu den Feierlichkeiten beginnen mit diesem biographischen Theaterprojekt, das Maja Kirchner in Meiningen entdeckt und nach Bad Brückenau geholt hat.
Vier syrische Flüchtlinge zeigen unter der Regie eines Schauspielers vom Meininger Theater ihre jüngste Vergangenheit. Die Betonung liegt auf "zeigt", denn es ist kein erhobener Zeigefinger zu spüren. Wohl aber die Beklommenheit, die Angst, mit der die vier Syrer aus ihrer Heimat geflüchtet und in unserem Land angekommen waren. "Sie spielen ihre eigene Geschichte und schaffen es, rüberzubringen, so dass man wirklich versteht", ist Maja Kirchner fasziniert von dem Projekt.

Gesprochen wird hauptsächlich arabisch, mit Tafeln wird entweder ins Deutsche oder Englische übersetzt, teilweise bleibt der Zuschauer genauso planlos, wie die Flüchtlinge einst auf der Flucht. Aber genau das hilft, wirklich zu verstehen: Nicht das Verbale steht im Vordergrund, sondern die durch Gestik, Mimik und Körpersprache aufgebaute Spannung: "Das Stück nimmt einen mit", wird Maja Kirchner es sich ein drittes Mal anschauen. "Es findet sich jeder in dem Stück wieder", so Kirchner, da die Besetzung sehr heterogen ist. Mutter und Tochter sowie zwei junge Männer, alle bereits im Berufsleben, haben das Stück in ihrer Freizeit vorbereitet. "Was hinter den Dingen steckt", interessiert Maja Kirchner besonders. Daher ist sie von dem Stück so begeistert, denn es zeigt die Hintergründe für Krieg und Flucht auf.


Waren mit Hintergrund

dHintergründe zeigen, das war von Anfang an ein wichtiger Aspekt, den die Eine-Welt-Gruppe anstrebte. Die Waren, die die Ehrenamtlichen und Helfer verkaufen, zeigen auf der Verpackung Hintergründe zum Produkt: Herkunftsland, die soziopolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen oder Geschichten von Menschen. "Der Warenverkauf wird kombiniert mit Inhalten", erzählt Dirk Hönerlage. Die Ware ist nicht nur Ware, sondern ein Medium, das die Begebenheiten in den Ursprungsländern aufzeigt, und Zeichen für Veränderung.

Die Veränderung war ein langer, 30-jähriger Prozess. Heute ist der Eine-Welt-Laden in Brückenau etabliert. "Inzwischen fragt die Stadt bei uns nach, ob wir wieder beim Pink-Lauf einen Stand haben werden," ist Vorsitzender Dirk Hönerlage und Mann der ersten Stunde der Eine-Welt-Gruppe glücklich.


Viele Veranstaltungen und Aktionen

Das war nicht immer so. Die Eine-Welt-Gruppe begann als Arbeitskreis, der sich nach einer Annonce 1987 formiert hatte. Ideen hatte die wachsende Gruppe schon immer. Zig Veranstaltungen, Aktionen und Projekte kann Dirk Hönerlage heute aufzählen: Gottesdienste, Weihnachtsmärkte, Ferienprogramm, Tanz- und Trommelkurse, Lesungen, Seniorennachmittage, Kabarett- und Theaterabende. Dennoch fing es "unglaublich mager an." Vom ersten Kaffeeverkauf blieben zehn Mark übrig. "Wir haben auch Lehrgeld gezahlt", erinnert sich Hönerlage. Es lief nicht immer alles rund, es gab viele Aufs und Abs, "aber wir hatten immer viel Spaß", betont der 60-Jährige.


Vereinsgründung 2001

Nannte sich die Vereinigung anfangs "Dritte-Welt"-Initiative, konstituierte sie sich 2001 als Verein. Doch war der juristische Status für die Mitglieder stets von sekundärer Bedeutung, wichtig war und ist der Kern der Sache.
Projekte wurden begonnen und laufen noch immer. Die Aktion "RUA - Hilfe für Straßenkinder in Brasilien", "Wasser für Menschen" in Uganda und natürlich der Eine-Welt-Laden in Bad Brückenau. Der Laden in der Ludwigstraße ist hier das wichtigste Projekt, denn von hier aus wirken Öffentlichkeitsarbeit und Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei setzt die Gruppe auf Wechselbeziehungen.

Über inzwischen viele Kontakte zu Ehrenamtlichen im Ausland sehen die Mitglieder, was mit ihrem Einsatz und Geld vor Ort umgesetzt wird. Die Eine-Welt-Gruppe versteht sich in erster Linie als politische non-profit-Vereinigung und möchte Aufklärungsarbeit leisten. Enge Zusammenarbeit erfolgt nun mit dem Kino, den Kirchen, Schulen und Kindergärten, man kann sagen: "Wir sind angekommen."

Zur Info: Das 30-jährige Bestehen feiert die Eine-Welt-Gruppe mit drei Veranstaltungen. Am Freitag, 29. September führen vier Flüchtlinge das Theaterstück "Jasmin, der aus dem Orient kommt" in der Galerie FORM + FARBE auf. Beginn ist um 19 Uhr. Wer sich von dem Stück und dem Schicksal der vier Laien-Schauspieler angesprochen fühlt, hat anschließend die Möglichkeit, mit der Theatergruppe über seine Eindrücke, aber auch seine Fragen zu sprechen.
Der Film "Tomorrow", der mit einem César als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, zeigt am Dienstag, 3. Oktober, um 18 Uhr in den Rhön-Lichtspielen in Bad Brückenau auf, wie die Welt von morgen aussehen könnte.
Mit dem Vortrag "Wasser für Menschen" zeigt die Eine-Welt-Gruppe, wie es mit ihrem Projekt in Uganda weiter gegangen ist. Der Vortrag beginnt am Freitag, 27. Oktober, um 19 Uhr in der Georgi-Halle.