Ebenhausen
Unser Thema der Woche // GLEICHBERECHTIGUNG

Typisch Junge, typisch Mädchen - gibt es das überhaupt?

Kiga-Leiterin Daniela Koch spricht im Interview über verdutzte Papas und erklärt, wie Kinder ihre Antwort finden: Was bin ich eigentlich?
Alle sollen alles ausprobieren können, sagt Daniela Koch. Mit ihrem Konzept arbeitet sie automatisch gegen Rollenstereotypen.  Foto: bcs
Alle sollen alles ausprobieren können, sagt Daniela Koch. Mit ihrem Konzept arbeitet sie automatisch gegen Rollenstereotypen. Foto: bcs

Wer durch die Eingangstür des Ebenhausener Kindergartens gegangen ist, steht direkt vor der Werkbank. Bunte Schraubzwingen klemmen an der Tischplatte, ein mechanischer Bohrer, Laubsägen - alle dürfen hier klopfen und schrauben, kleben und drehen, Jungs wie Mädels. Gleichberechtigung: ein zentrales Thema für Leiterin Daniela Koch und ihr Team. Eben gab es Mittagessen. Die Kleinsten ruhen, die Großen bauen einen Schutzwall um die Holz-Burg. Ein Bub stopft sich gerade ein Kissen unter seinen Pulli. Er spielt seine schwangere Mama nach, erzählt Daniela Koch. Wie geht sie als Erzieherin damit um? Daniela Koch: Wir bieten seit 20 Jahren Verkleidungsgegenstände für die Kinder an: Kleidchen, Pumps, Kostüme: Feuerwehr, Bauarbeiter. Mädchen rennen im Ritterkostüm herum und Jungs mit rosa Glitzerkleidchen und Pumps.

Und wie fallen die Reaktionen bei den Eltern aus?

Es gibt Mamas, die lachen einfach nur. Und es gibt Mamas, die fragen: "Oh Gott, was hab´ ich falsch gemacht?" Manche Papas schlucken und sind peinlich berührt. Sie wissen im ersten Moment nicht, wie sie damit umgehen sollen. Bei Mädchen wird es eher akzeptiert, wenn es in eine "Jungenrolle" schlüpft als umgekehrt. Früher haben sich die Kinder wieder umgezogen, bevor die Eltern kamen. Vor zehn Jahren dachte ich mir: egal. Jeder darf sich ausleben.

Arbeiten Sie und Ihr Team bewusst gegen Rollenstereotypen?

Für mich ist es wichtig, dass Kinder für sich in verschiedenste Rollen schlüpfen können. In dem Moment kommt es nicht darauf an, ob Junge oder Mädchen - was bis zum Vorschulalter für die Kinder sowieso absolut unwichtig ist.

Wann spüren Kinder, wozu sie sich zugehörig fühlen: Mädchen, Junge oder etwas dazwischen?

Es gibt schon Dreijährige, die das ganz klar wissen. Ganz deutlich merken wir das bei den Vorschulkindern. Dann gibt es auch Jungs- und Mädchentische (lacht). In dem Alter wird ihnen vieles bewusst und es ist ihnen wichtig, bestimmte Dinge unter ihresgleichen zu besprechen. Trotzdem gibt es immer wieder Mädchen, die am Jungs-Tisch sitzen dürfen und umgekehrt.

Wie zieht ein Kind für sich die Grenze?

Das Umfeld, die Freunde, die Umwelt und natürlich die Eltern spielen eine große Rolle. Was lebt die Gesellschaft vor - im Fernsehen, im Bilderbuch. Aber: Kinder spüren, was sie sind.

Und wenn Sie sich mal nicht ganz sicher sind?

Ich hatte in den ganzen 25 Jahren nie ein Kind, das sich die Frage gestellt hat:Bin ich das oder bin ich das. Einmal gab es ein Kind, das bis zum Alter von viereinhalb gesagt hat: Ich bin ein Mädchen. Dann im Vorschulalter war für ihn aber ganz klar: Ich bin ein Junge!

Sie und Ihre Kolleginnen erziehen geschlechtsneutral. Haben Mädels und Jungs denn verschiedene Vorlieben, was das Spielzeug angeht?

Wir haben weniger Mädchen als Jungs, die Fußball spielen. Bei allen anderen Sachen könnte man das nicht sagen. Kochen und backen, malen und werkeln, klettern, Höhlen bauen: Beide Geschlechter nehmen alle Angebote gleich wahr.

Gleichberechtigung als Basis für Chancengleichheit?

Es ist schade, dass grundsätzlich gesagt wird, Jungs seien besser in Mathe. Ich merke das nicht. Oft liegt es am Selbstbewusstsein des Kindes. Später in der Schule: Ist der Lehrer sympathisch oder nicht? Es gibt so viele Faktoren. Ob Junge oder Mädchen, das ist keiner.

Gibt es das denn nun überhaupt: typisch Junge, typisch Mädchen?

Jungs wie Mädchen wollen mal toben. Jungs wie Mädchen wollen zwischendurch mal ihre Ruhe haben. Typisch Junge, typisch Mädchen gibt es nicht.

Aber?

Es ist manchmal schwierig, wenn es zu Streitereien kommt. Oft wird der Junge geschimpft, der gehauen hat. Dass dem Neckereien vom Mädchen vorausgegangen sind, wird oft übersehen.

Streiten, spielen und versöhnen sich Mädels und Jungs anders untereinander?

Ganz massiv. Es gibt große Unterschiede, wie Mädchen und Jungs an einen Konflikt rangehen. Mädchen haben eher die verbale Variante: "Du darfst nicht mehr zu meinem Geburtstag kommen." "Du bist nicht mehr meine Freundin." "Ich hab dich überhaupt nicht mehr lieb." Bei Jungs geht´s eher mal in den Schwitzkasten oder in den Zweikampf oder das Holz wird mal auf das Gebäude geknallt - und fünf Minuten später spielt man wieder miteinander. Mädchen sind oft nachtragender. Aber auch das kann man nicht grundsätzlich sagen.

Gibt es noch Eltern, die ihren Kindern ein altbackenes Rollenverständnis vorleben?

Es gibt ganz wenige Eltern, die das noch stark verkörpern. In anderen Kulturkreisen ist das Rollenverständnis manchmal ein anderes. Hier wie dort gibt es Prinzessinnen und Prinzen. Man kann es nicht verallgemeinern. Genauso gibt es kleine Jungs, die den Spielzeug-Kinderwagen mit der Puppe der großen Schwester zum Kindergarten schieben.

Thema Vorbilder: Männliche Erzieher sind rar gesät. Fehlt den Kindern dadurch etwas?

Wenn wir mal wieder einen Praktikanten haben, merken wir: Die Kinder toben anders. Jungs unter sich spielen anders Fußball, da wird auch mal härter hingetreten. Vor allem bei Familien mit alleinerziehenden Müttern würde eine Vaterrolle im Kindergarten oft guttun. Und überhaupt: Männer sehen vieles anders als Frauen - und umgekehrt. Das meine ich ganz ohne Wertung. Ein Blick aus einer anderen Perspektive würde sicher das ein oder andere verändern.

Mädchen und Jungen sind gleichberechtigt, aber nicht gleich?

Genau. Man kann sie auch nicht gleichmachen. Man sollte ihnen die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren. Vielleicht wird aus dem Mädchen, das besonders gut den Hammer schwingen kann, mal die kreativste Ingenieurin. Genauso ein Junge, der gerne ganz diffizile Bastel-Arbeiten macht. Ich möchte niemanden in seinem Können unterdrücken. Ganz schade ist: Ein Kind kann ganz viel, traut sich aber nicht, es zu zeigen. Wir im Team wollen jedem Kind die Freiheit lassen, sich dahin zuzuordnen, wo es will. Mir ist es wichtig, dass die Ressourcen, die in einem stecken, auch ausgelebt werden können.

Das Interview führte

Carmen Schmitt.

Daniela Koch arbeitet seit 25 Jahren als Erzieherin im Kindergarten in Ebenhausen. Vor 15 Jahren hat sie die Leitung übernommen. Die 47-Jährige lebt mit ihrer Familie in Elfershausen. Es ist ihr ein persönliches Anliegen, dass Kinder ihre Talente erforschen, entdecken und ausleben - egal ob Bub oder Mädel. 51 Kinder zwischen drei und sechs Jahren gehen gerade in den Action-Kindergarten in Ebenhausen. Im Laufe des Jahres kommen zehn weitere dazu. Vier Schulkinder werden im Kindergarten nach dem Unterricht betreut. Dazu kümmert sich das Team der Erzieherinnen um zehn weitere Kleinkinder unter drei Jahren. Bei einem Kindergartenfest bedankte sich Daniela Koch einmal nur bei den Mamas für die leckeren Kuchen und Salate. Die backenden Papas beschwerten sich prompt. Seither lobt sie immer beide, erzählt sie.