Diese Worte, irgendwo gehört, hatten sich im Hirn eingebrannt, hatten meine Synapsen zum Glühen gebracht - und mich irgendwie auch aufgeregt. Von einer verlorenen Zeit hatte jemand gesprochen, natürlich in Verbindung mit der Pandemie, die den Menschen so viel abverlangt. Da gibt es nichts zu beschönigen, nichts zu verharmlosen. Aber ich will weder Zeit verlieren noch gewinnen, sondern sinnvoll nutzen. Und das funktioniert. Am Meer war ich jetzt schon länger nicht mehr, dafür stapfte ich tatsächlich durch ein Fahnenmeer, und das mitten in der Rhön. Gar nicht weit von Mühlfeld, einem 400-Seelen-Dorf, von dem es nur ein Katzensprung ist ins thüringische Unterharles, einem Weiler unweit von Henneberg.

Kein Zufall, denn der TSV Mühlfeld hatte mal wieder eingeladen zu seinem Grenzlandlauf im Rahmen des Rhön-Grabfeld-Cups. Eine Einladung, die mir Respekt abgenötigt hat, weil der Verein ungeachtet aller Einschränkungen und Auflagen an seiner Lauf-Tradition festhalten wollte, dafür einen gewissen Aufwand in Kauf nahm im Wissen, nichts über den sonst üblichen Getränke- und Speisenverkauf verdienen zu können. "In diesem Jahr feiern wir eigentlich unser hundertjähriges Vereinsbestehen. Wenn es dumm läuft, bleibt das die einzige Veranstaltung zum Jubiläum. Aber es ist einfach schön, dass an unserem Sportgelände wieder Leben ist", sagt Vorsitzende Hiltrud Weber, die mit einigen Helferinnen und Helfern vor Ort das kleine Willkommens-Komitee bildete. Und sich freute, dass einer der Ersten am Sportplatz der Bürgermeister war.

An drei Tagen hatte der Verein diverse Zeitfenster angeboten, an denen sich die Läufer unter strikter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln auf die Socken machen konnten: ohne offizielle Zeitmessung. "Laufen ohne Druck", lautete die Devise. Ein sympathischer Ansatz, der die Möglichkeit bot, den Fokus auch auf Natur und sogar Kultur legen zu können.

Viele positive Eindrücke

Nach etwa sechs von zehn Hauptlauf-Kilometern führt die abwechslungsreiche Strecke auf ihrem höchsten Punkt mitten durch den Skulpturen-Park Deutsche Einheit mit Kunstwerken aus Stahl, Glas und Holz, die an die Überwindung von Deutschlands Teilung von 1945 bis 1990 erinnern. Der Gang durch die Goldene Brücke, im Jahr 1996 direkt auf dem Todesstreifen der ehemaligen Grenzsicherungsanlage aufgestellt, ist ein ganz besonderer Moment. Direkt daneben befindet sich unter anderem das Feld der Fahnen, gestaltet von Schülern aus "West" und "Ost". Ein farbenfrohes Fahnenmeer mit Blick auf die offenen Fernen der Rhön. Die letzten Kilometer geht es meist bergab zurück zum Ausgangspunkt. Im Ziel sind etwa 220 Höhenmeter überwunden und 800 Kalorien verbrannt. Gewonnen habe ich auch, nämlich viele positive Eindrücke.

"Unsere Motivation beziehen wir aus dem Lob der Läufer, die es wertschätzen, auf einer ausgeschilderten Strecke unterwegs sein zu können, wo man sich nicht verlaufen kann", sagt Robert Stuhl, der mit familiärer Unterstützung die etwa 30 kleinen Holz-Schilder aufgestellt und auch wieder abgebaut hatte. Dazu kam ein bisschen Farbe und Trassierband sowie eine eingeholte Erlaubnis vom Jäger. Dass das Konzept des Vereins auf fruchtbaren Boden fiel, bewies nicht nur die gut gefüllte Spendensau des TSV Mühlfeld.

Erstaunliche Teilnehmerzahl

"Insgesamt hatten wir 295 Aktive vor Ort, dazu einige Wanderer und Walker ohne Anmeldung. Für die Laufserie haben wir 60 neue Nummern vergeben können. Das zeigt uns, dass wir unter den aktuellen Bedingungen auf dem richtigen Weg sind", sagt Robert Stuhl.

Eine Einschätzung, die auch Sportwissenschaftler Oliver Stoll teilt. "Der aktuelle Zeitgeist schreit gerade nach einer eher Laufmotivation aus eigenem Antrieb, wobei ich viele Läuferinnen und Läufer kenne, die den Wettkampf sehr vermissen. Ich bin gespannt, was davon nach der Pandemie übrig bleibt. Vielleicht ändert sich ja doch die Grundhaltung bei vielen von uns", sagt Stoll, der neben seiner Lehr- und Forschungsarbeit auch in der psychologischen Betreuung und Beratung von Leistungssportlern tätig ist und selbst täglich läuft. "Der Anreiz zu laufen liegt im Tun und nicht in einem Ergebnis", so der Professor für Sportpsychologie und Sportpädagogik an der Universität Halle-Wittenberg.

Ebenfalls vor Ort war mit Eberhard Helm der Vorsitzende des Leichtathletik-Leistungs-Zentrums Rhön-Grabfeld, das die Laufserie ausrichtet. "Ich bin die Runde in Mühlfeld extra anders herum gelaufen, damit ich Leute treffe. Wir machen aus der Not eine Tugend. Und ich bin überzeugt, dass unsere Laufserie ohne den Leistungsdruck noch besser ankommt", sagt der seit 35 Jahren praktizierende Allgemeinarzt aus Ostheim, der den gesundheitlichen Aspekt noch mehr in den Vordergrund rücken will. "Von der Ergebnis-Hascherei muss sich unsere Gesellschaft mal verabschieden. Es geht doch nicht um sehr wenige Profi-, sondern um ganz viele Hobbysportler."