Angesprochen wurde Hans Wagner immer wieder. Natürlich war es in und um Bad Brückenau ein Thema, dass der Heilquellen-Lauf in diesem Jahr nicht stattfand. Eine Veranstaltung, die fest zum Sportkalender der Kurstadt gehört, die in den besten Jahren über 700 Sportler an die Sinn gelockt hatte. Eine gute Sache für die Stadt und den ausrichtenden TV Bad Brückenau. "Die 25 Jahre mache ich noch voll", hatte Hans Wagner vor geraumer Zeit gesagt. Und meinte den Jubiläumslauf im Vorjahr. Jetzt ist Schluss. Weil der 59-Jährige sich irgendwie allein gelassen fühlte. Thomas Dill, Ulli Weiß und Josef Boha heißen aktuelle und ehemalige Mitstreiter, die Hans Wagner ausdrücklich genannt haben will. Doch das Gros der Arbeit blieb halt am gebürtigen Zeitlofser hängen.

"Ich hatte vorgeschlagen, ein Organisations-Team zu gründen mit fünf oder sechs Personen, die sich die Arbeit teilen.
Ich hätte da mitgemacht, aber es fand sich einfach niemand." Hans Wagner klingt nicht resigniert, nicht wütend. Hätte aber allen Grund zu negativen Emotionen. Diverse Sitzungen wurden einberufen. "Es geht schon irgendwie weiter. Auch ohne dich", hatte man zu Hans Wagner gesagt. Der hätte sich gefreut, wenn es weitergegangen wäre. Jetzt liegt die Vergangenheit vor dem Hausmeister an der Grundschule samt Kindergarten. Verpackt in vielen Ordnern mit akkurat gestalteten Listen und Zeitungs-Ausschnitten.

Was zu tun war, hatte Hans Wagner schriftlich fixiert. Detailliert. Penibel. "Manche hatten Angst, sie würden das nicht so genau machen wie ich." Andere hatten abgelehnt, weil es ihnen zu viel Arbeit war, weil sie den Familienfrieden nicht aufs Spiel setzen wollten. Hans Wagner hat ebenfalls Familie. Und eine Frau, die hinter ihrem Mann stand. Auch wenn es nicht immer einfach war. "In den Tagen vor dem Lauf bin ich oft erst spät nach Hause gekommen, habe nachts um halbelf was gegessen", erinnert sich Wagner, der jetzt zumindest wieder etwas mehr Zeit hat, um selbst zu laufen.

"Ich bin einer von vielen Personen, die traurig sind, dass es den Lauf nicht mehr gibt. Durch das Engagement von Hans Wagner lag jede Menge Herzblut in dieser Veranstaltung. Gerade bei der Siegerehrung und der großen Auswahl der Preise", sagt Klaus Hudert, der viele Jahre den Heilquellen-Lauf moderierte. "Einmal hatte ich auf der Autobahn einen Platten. Dann haben mich die Brückenauer extra abgeholt", schmunzelt der Schweinfurter. "Man soll den Lauf in der Erinnerung behalten, wie er war. Das war ein Riesenfest, eine sensationelle und wunderschöne Veranstaltung."

Knapp 1000 Mitglieder hat der TV Bad Brückenau. Und eine Lauf-Abteilung, die bundesweit bekannt ist durch nationale und internationale Erfolge. "Die Aktiven helfen ja auch. Halt nur am Veranstaltungstag. Aber damit ist es nicht getan", weiß Wagner, der das ganze Jahr mit der Planung des Heilquellen-Laufs zu tun hatte. Planen kann Hans Wagner, der im TV die Läufer betreut, Meldetermine ebenso erledigt wie das Buchen von Hotels oder sich um Benzinkosten der Athleten kümmert.

"Wir hatten vor zwei Jahren schon beschlossen, den Lauf in allen Ehren zu verabschieden, wenn sich keiner findet, der die Fäden in der Hand hält. Dreimal hatten wir die Hauptverantwortung an andere Personen abgegeben, dreimal wurde das Handtuch geschmissen", sagt Thomas Dill aus der TV-Führungsriege, der 20 Jahre den Lauf federführend betreut hatte. "Ich war die Steuerungseinheit, Hans war im Getriebe das wichtigste Rad."
Die heimische Geschäftswelt stand hinter dem Heilquellen-Lauf. "Wir hatten für die Sieger und für die Tombola zum Teil hochwertige Preise wie Hotel-Gutscheine. Dazu kamen kostenlose Besuche in der Sinnflut." Preise, für die Hans Wagner Klinken putzte, Rechnungen, Quittungen, Dankesschreiben an die Sponsoren und sogar Texte für das zuletzt 60-seitige Programmheft verfasste.

Wo andernorts ein Festausschuss gemeinsame Sache macht, war Hans Wagner zu oft Einzelkämpfer. "Ich hänge am Heilquellen-Lauf. Aber es kostet Nerven, wenn man täglich an alles denken muss." Absprachen mit Polizei, Rotem Kreuz, der Feuerwehr und der Stadt. Das Besorgen von Obst, Getränken, Kopierpapier, Filzstiften oder Reißnägeln. "Ich habe für die Läufer gelebt. Ich wollte, dass die Sportler gerne nach Bad Brückenau kommen und unsere Stadt in guter Erinnerung haben." Das Lob vieler Besucher war eine Bestätigung über all die Jahre, in denen der Lauf immer professioneller wurde. Der Fluch der guten Tat, weil damit der Aufwand stieg. Allerdings auch der Gewinn. "Das war die größte Einnahme-Quelle des Vereins", weiß Wagner.
"Einer muss vorausgehen und die Fahne halten. So eine Person hat sich leider nicht gefunden", bedauert Thomas Dill. "Das Knowhow und Equipment sind da, wir könnten nächstes Jahr sofort starten und bekämen auch einen Termin für den Rhön-Super-Cup."

Im Dachboden der Garage von Hans Wagner ist immer noch das Material verstaut, über viele Quadratmeter. Selbst angefertigte Schilder, Hinweistafeln. Und 6000 Schwämme, die vor sich hintrocknen. "Beim Reinigen der Schwämme wurde ich auch unterstützt", sagt Hans Wagner, der niemanden vergessen will, der mit anpackte. Nach jedem Lauf begann die große Nachbereitung. Reinigen. Reparieren. Und das Verstauen. Arbeit, die oft keiner sieht. Weil man sie vielleicht nicht sehen will.

"Was den Heilquellen-Lauf betrifft, glaube ich nicht an eine Pause. Es ist schwierig, so etwas wieder aufleben zu lassen", denkt Wagner. Einen Waldlauf als Ersatz hatte man sich beim TV Bad Brückenau überlegt, wo nicht so viele Helfer benötigt werden. "Ich befürchte, dass da Sponsoren abspringen würden, wenn der Lauf nicht durch die Stadt führt." Aufgrund mangelnder Unterstützung ist auch der Opa-Lauf nach drei Veranstaltungen schon wieder Geschichte - trotz steigender Zahlen. Überlebt hat der Pink-Lauf. Ein Benefizlauf, den der TV Bad Brückenau gemeinsam mit der Stadt Bad Brückenau ausrichtet. "Ich hänge an dem Lauf. Aber jetzt ist für mich persönlich auch ein wenig Druck weg. Es ist ein bisschen wie eine Befreiung."