Die gute Nachricht: Im Landkreis Bad Kissingen wird so viel Öko-Strom erzeugt, dass damit zumindest rein rechnerisch rund zwei Drittel des derzeitigen Strombedarfs in dem Gebiet gedeckt werden könnten. Das zeigen Zahlen aus dem Bayerischen Energieatlas (Stand: 31. Dezember 2019). Für alle 26 Kommunen errechnet sich aus dem Energieatlas ein Gesamtstromverbrauch von rund 408 000 Megawatt-Stunden. Dem stehen 270 000 Megawatt-Stunden Ökostrom gegenüber, die vor Ort produziert werden.

Was sich erst einmal nach viel anhört, relativiert sich allerdings, weil der Strombedarf nach Expertenansicht künftig stark steigen wird. "Wir werden die doppelte Menge an Strom brauchen, die wir derzeit verbrauchen", sagt etwa Norbert Schmäling. Der ehemalige ödp-Kreisrat ist Geschäftsführer des Bürgerwindparks "Langes Schiff" in Münnerstadt. Die Energiewende beschäftigt ihn seit Jahrzehnten. Zuletzt hat er mit dem früheren Grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Josef Fell (Hammelburg) eine Studie veröffentlicht. In der rechnen sie vor, wie der Landkreis es schaffen könnte, seinen Energiebedarf komplett mit Erneuerbaren zu decken.

Dass künftig mehr Strom gebraucht wird, liegt daran, dass im Moment noch viele fossile Energieträger im Einsatz sind: Vom Öl-Ofen oder der Gas-Heizung, die im Winter für warme Wohnungen sorgen, bis zum Benzin- oder Diesel-Kraftstoff, der Autos, Busse und Lkw antreibt. Damit die Energiewende gelingt, müssen diese Energieträger ersetzt werden. "Allein um die Mobilität zu elektrifizieren, brauchen wir viel mehr Strom", sagt Schmäling. Er betont: "Wenn Deutschland komplett dekarbonisiert wird, führt das alles zu der Aussage, dass der Strombedarf sich verdoppelt." Um den wachsenden Bedarf nach grün erzeugter Energie zu decken, müssten vor allem Wind- und Solarparks, Wasserkraft-, Photovoltaik- und Bioenergieanlagen noch stärker ausgebaut werden. Technisch sei es möglich, die Versorgung mit Erneuerbaren zu gewährleisten. "Das ist die gute Nachricht", findet Schmäling.

So grün sind die Kommunen im Landkreis

Im Kreis Bad Kissingen sind die Unterschiede zwischen den 26 Kommunen groß, was den Ausbaustand bei den erneuerbaren Energien angeht. In Bad Kissingen und Bad Brückenau machte der Anteil Erneuerbarer Energien an deren gesamtem Stromverbrauch Ende 2019 laut Energieatlas gerade einmal 12,5 beziehungsweise 7,5 Prozent aus. Damit liegen die beiden Kurorte im landkreisweiten Vergleich ganz hinten.

Deutlich bessere Zahlen weist der Energieatlas für Maßbach, Ramsthal, Rannungen, Oerlenbach, Thundorf, Fuchsstadt und Münnerstadt aus. Rein rechnerisch wird auf deren Gemeindegebieten genug grüner Strom erzeugt, um damit ihren jeweiligen Gesamtverbrauch zu decken; es bleibt sogar noch Strom für den Export übrig. In Maßbach und Ramsthal zum Beispiel entsteht laut den amtlichen Daten fast sechsmal so viel Ökostrom wie verbraucht wird. Damit sind die beiden die Spitzenreiter im Landkreis, und sie festigen ihre Position weiter: In Maßbach hat der Versorger EnBW dieses Jahr im Oktober einen 28-Megawatt-Solarpark in Betrieb genommen, in Ramsthal kommt ebenfalls aktuell ein Solarpark hinzu (aktuell im Bau). Die Anlagen sind in den Daten des Energieatlasses noch nicht berücksichtigt.

Stadtwerke: Solarenergie ausbauen

Bei den Bad Kissinger Stadtwerken ist bekannt, dass es Nachholbedarf gibt. "Unser Aufsichtsrat hat dazu am 24. August 2021 beschlossen, dass wir unsere Aktivitäten beim Thema Solarenergie und sonstigen EE-Dienstleistungen ausbauen werden", kündigt Geschäftsführer Manfred Zimmer an. Dazu werde das Unternehmen im kommenden Jahr weiter informieren. Er berichtet, dass 2020 im Kissinger Stromnetz der Anteil an Ökostrom bei rund acht Prozent gelegen hat. Die Stadtwerke betreiben ein Wasserkraftwerk an der Saale sowie sechs große Photovoltaikanlagen. Windräder betreibt der Versorger hingegen keine. Das einzige Windrad auf Kissinger Gemarkung gehört zum Windpark Ramsthal.

Die Hammelburger Stadtwerke beziffern den Ökostrom-Anteil in ihrem Netzgebiet mit neun Prozent. Die scheidende Geschäftsführerin Anja Bindrum betont, dass der Versorger seine rund 4000 Stromkunden ausschließlich mit Strom aus Wasserkraftwerken versorgt. Von den Stadtwerken Bad Brückenau liegt der Redaktion keine Einschätzung vor. Das Unternehmen hat auf die Anfrage zum Stand der Energiewende nicht reagiert

Woran Projekte scheiterten

In näherer Zukunft kommen sowohl neue Wind- als auch Solarparks dazu. Sechs Windräder werden aktuell gebaut, drei bei Sulzthal und drei bei Fuchsstadt. Bei Ramsthal und bei Wartmannsroth entsteht im Moment jeweils ein Solarpark. Zudem liegen den Rathäusern in Oberthulba, Sulzthal, Zeitlofs, Motten und Wartmannsroth konkrete Anfrage für sechs weitere Solarparks vor.

In den vergangenen Jahren schlugen immer wieder Projekte aus verschiedenen Gründen fehl. Teils scheiterten sie am Widerstand von Bürgern, zum Beispiel zwei Windkraftanlagen (2019), die bei Eltingshausen entstehen sollten. Teils scheiterten sie auch am Widerstand in den Gemeinderäten; so fiel 2010 eine Freiflächen-Photovoltaikanlage im Burkardrother Gemeinderat durch.

Oft sind es Schutzgebiete und planerische Vorgaben wie etwa die 10-H-Abstandsregelung für Windräder, die solche Vorhaben verhindern, obwohl sie im Ort sogar gewünscht wären. In Oberthulba zum Beispiel, dessen Gemeindefläche zu einem Großteil in einem Landschaftsschutzgebiet liegt. "Dort ist die Realisierung von Freiflächenphotovoltaikanlagen schwierig, obwohl der Marktgemeinderat dem offen gegenübersteht", sagt Geschäftsleiterin Nicole Wehner. Ähnlich ist die Erfahrung in Wartmannsroth. Dort wollte sich die Gemeinde sogar selbst an den diskutierten Windkraftanlagen beteiligen, letztlich seien diese dann am Regionalplan und an 10-H gescheitert.