Bad Kissingen/Würzburg — Ein frühes und rigides Auswahlverfahren, hohe Anforderungen und zu geringe Förderung - Schule ist oft nicht kinder- und familienfreundlich. Grund genug für den Diözesanfamilienrat, das Thema "Leistungsdruck bei Kindern" in den Mittelpunkt seines Frühjahrstreffens zu stellen. Als Gegenmodell zu einer "Paukanstalt", die Leistung über alles stellt, wurde in der Würzburger St. Ursula-Schule das in der Diözese erarbeitete, seit März vorliegende Positionspapier "Familienfreundliche Schule" präsentiert.
Es gibt Kinder, die ihre Leistungskraft löffelweise via Tonikum zu erhöhen versuchen. Andere sind durch verschiedene Belastungen seelisch bereits so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sie Psychopharmaka nehmen müssen. Rund 150 000 Kinder haben in Bayern ein akutes psychisches Leiden, betonte der emeritierte Professor Andreas Warnke, selbst vierfacher Vater und ehemaliger Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg. Auch in Unterfranken ist im Durchschnitt jedes zehnte Kind aufgrund einer psychischen Störung behandlungsbedürftig. Leistungsstress ist einer von vielen Faktoren für die steigende Zahl seelisch leidender Kinder.
Dass sie Prüfungen und Noten als sehr belastend erleben, veranschaulichten Schülerinnen der St. Ursula-Schule. Auf den Balken eines großen Holzkreuzes im Schulfoyer hefteten sie Zettel mit Aussagen, was sie derzeit am stärksten "zu Fall bringt". Beim Osterfeuer sollen die Sorgen verbrannt werden.
Kinder und Eltern empfinden zumindest subjektiv einen immer größeren Leistungsdruck, bestätigt der Marktheidenfelder Religionslehrer Michael Kroschewski, Vorsitzender des Familienbunds der Katholiken (FDK) in der Diözese Würzburg. "Der Mensch steht nicht mehr im Mittelpunkt des Bildungssystems", ist für ihn das Hauptproblem.
Wobei der Leistungsdruck oft schon im Kindergarten beginnt, ergänzt seine Vorstandskollegin Julia Kretz-Franz aus Aura im Sinngrund: "Vorschulkinder müssen heute immer mehr können."
Das Thema Schule sei in vielen Familien omnipräsent. Kretz-Franz: "Phasenweise wird das familiäre Leben zu 90 Prozent davon bestimmt." Das bestätigte Renate Grindel, Pfarrgemeinderätin in Schwarzach bei Kitzingen: "Wir Eltern werden schon in der Grundschule gezwungen, Nachhilfelehrer zu sein." Die Angst, dass ihr Kind die schulischen Anforderungen nicht schafft, sei schon in den ersten Schuljahren immens: "Das finde ich einfach schlimm."

Agnes Brath: Ansprüche zu hoch

Dass zu hohe Ansprüche, wenig Auszeit und falsche Fokussierungen Grundschülern das Leben schwer machen, beobachtet auch Gymnasiallehrerin Agnes Brath, Dekanatsbeauftragte aus Bad Kissingen. "Warum müssen Grundschüler schon Englisch lernen?", fragt sie sich. Nach ihrer Beobachtung bleibt dabei das gründliche Erlernen der deutschen Sprache auf der Strecke. "Wichtig wäre in den ersten vier Schuljahren, dass Kinder richtig schreiben und lesen lernen, dass ihre Aufmerksamkeit trainiert wird, dass sie malen und sich sportlich betätigen dürfen und so ein positives Bild von Schule bekommen", wünscht sie sich.
Nicht nur Schulstress kann Kinder seelisch und körperlich krank machen, betonte Warnke. Viele Kinder leiden unter gravierendem Zeitmangel in der Familie. "Die Anwesenheitszeiten der Eltern zu Hause haben sich deutlich reduziert", so der Psychiater. Fachleute prägten hierfür den Begriff "Long Distance Parenting": Statt ihre Eltern direkt fragen zu können, müssen Kinder heute oft zum Telefon greifen, um Alltagsprobleme mit ihren Eltern zu besprechen.