"Liebe in Zeiten des Hasses" heißt der aktuelle Bestseller von Florian Illies über berühmte Liebespaare von 1929 bis 1939, als der Hass ganz Europa zerstören sollte. Der Titel könnte allerdings auch als Beschreibung des berühmten alten Shakespeare-Stückes "Romeo und Julia" dienen, mit dem gerade die Truppe "Globe Berlin" in einer beim Theaterring gefeierten Inszenierung im Kurtheater gastierte.

In der Inszenierung des Regisseurs, Übersetzers und Bearbeiters Christian Leonard taucht in einer kleinen Szene die Möglichkeit auf, dass die Liebe dieser beiden jungen Leute doch bewerkstelligen könnte, dass diese den Graben überbrücken helfen, Frieden möglich machen könnte. Aber Realist Shakespeare, der erste große Dichter der Neuzeit, weiß es anders.

Ehre und Rache und Clangeist

Es ist eine Gesellschaft gewaltbereiter junger Stadtguerillas mit ständigen Kämpfen zwischen den Montagues und den Capulets, in die sein Drama führt, und er zeigt, dass auch der Montague Romeo sehr schnell zum Schwert greift und in einen tödlich endenden Kampf verwickelt wird, sobald die Capulets, Julias Verwandte, provozieren. Sein bester Freund Mercutio wird von Julias Cousin Tybalt auf offener Bühne ermordet, woraufhin Romeo in den Kampf eingreift und - wie es halt passiert, wenn man nur in den Kategorien Ehre und Rache und Clangeist zu denken vermag - dabei von Romeo tödlich verletzt wird. Ein Mechanismus, der ja auch heute immer wieder funktioniert in gewaltbereiten Jungmännercliquen.

Romeo entgeht allerdings der Todesstrafe, weil er der Spross einer der beiden wichtigsten Familien Veronas ist, und muss nur in die Verbannung. Vorher gönnt ihm Shakespeare noch die berühmte heimliche Liebesnacht mit Julia mit der Nachtigall und der Lerche, natürlich nachdem die beiden Liebestollen noch von Romeos Freund Pater Lorenzo getraut worden sind, damit alles seine Ordnung hat. Aber dann scheitern alle Versuche, ein glückliches Ende herbeizuführen, gründlich und die beiden Liebenden begehen - jeweils im fatalen Irrglauben, der andere sei schon tot - Selbstmord.

Dringendes Begehren, Trostlosigkeit von Brutalität und Dummheit

Und in all dieser Hektik junger Liebe, dringenden Begehrens, Trostlosigkeit von Brutalität und Dummheit schafft es Shakespeare dennoch, glaubhafte Charaktere auf die Bühne zu bringen. Und es ist ein großes Verdienst von Regisseur Christian Leonard, dass er seine acht Mimen, die sich die 15 Rollen teilten, sehr scharf zu profilieren und ihre Beziehungen herauszuarbeiten verstand.

Da Shakespeare sich nicht an die Trennung von Tragischem und Komischem hält, wie sie später dann von den französischen Klassikern und deutschen Aufklärern gefordert wurde, ist Julias Amme in Shakespeares Tragödie fast eine Hauptperson. Als "Emma" spielte sie Astrid Köhler als großbusige, ständig um Julias Wohlergehen bemühte Ersatzmutter, die auch mal bei nicht so legalen Bitten in Sachen Treffen mit dem Geliebten hilft und im Verbund mit Küchenchef Piero (köstlich albern: Philipp Myk) für "comic relief" sorgte.

Tödlicher Ernst wird greifbar

Wie bis ins 19. Jahrhundert üblich war Wiebke Action als Julias wirkliche Mutter eine eiskalt agierende, auf Familienehre und lukrative Verheiratung der Tochter fixierte Lady Capulet, die ihr den blasierten reichen Freier Paris zuschanzen will, dessen steife Arroganz Nikolaas von Schrader sehr treffend karikierte. Die vielen Kämpfe, die Shakespeare seinem Publikum gönnte, werden in modernen Aufführungen ja häufig vermieden; die Berliner Truppe ließ ihr Publikum teilhaben an der Spannung erbitterter Kämpfe mit dem Langschwert, die minutiös einstudiert waren, wodurch der tödliche Ernst greifbar wurde, mit dem sich Philipp Myk als Tybalt und Benjamin Krüger als Mercutio über die Bühne jagten. Die beiden alten Herren, Lord Montague und Pater Lorenzo, gab bei diesem Gastspiel der Regisseur und Theaterleiter Christian Leonard selbst. Das hilflose Wohlwollen für Romeo sowie die um Verständnis ringende Hilfsbereitschaft des Paters für das Liebestoben seines langjährigen Schützlings brachte der Chef mit viel Ruhe rüber.

Romeos Wandlung

Sehr gut besetzt waren die beiden Hauptrollen. Romeos Wandlung vom pubertierend schwärmenden Möchtegern-Liebhaber der Rosalinde zu der ihn plötzlich überfallenden totalen Obsession für Julia machte Maximilian Wrede trotz der Geschwindigkeit, in der das passiert, sehr gut nachvollziehbar. Eine sensationelle Vorstellung gab die gerade der Schauspielschule entwachsene Nadja Schimonsky als Julia. Sie war das voll auf ihr Liebesobjekt fixierte, gerade zum Sex erwachte junge Mädchen und schaffte es, die verschiedenen Nuancen dieser Entwicklung in sparsamen, aber eindrucksvollen und anrührenden Gesten deutlich zu machen.

Minimum an Requisiten

Wie Shakespeares auf fast leerer Bühne in seinem Londoner Globe Theatre benötigte das Globe Ensemble Berlin nur ein Minimum an Requisiten wie etwa die eindrucksvolle Kombination von jeweils nur drei Wappenschilden als Repräsentation des Fürsten. Auch seine berühmten Songs zu Live-Musik trugen dazu bei, dass Shakespeares Welt vor 400 Jahren auf der Bühne des Kurtheaters fast unmittelbar greifbar wurde. Das Publikum zeigte mit langem Beifall trotz der Überlänge des Abends, dass man Klassiker durchaus noch eindrucksvoll und überzeugend inszenieren kann.