Die Regierung nennt sie im Kampf gegen Corona "Ruhetage", für Menschen wie Doris Leutbecher sind sie der angekündigte Wahnsinn. Die 53-Jährige ist seit ihrem 15. Lebensjahr "mit Leib und Seele" Kassiererin, wie sie sagt. An Ostern machen Lebensmittelgeschäfte wie der Edeka-Frischemarkt Bauer in Münnerstadt den meisten Umsatz, haben die Kassiererinnen den stärksten Tag im Jahr. Heuer kommt noch mehr auf Menschen wie Doris Leutbecher zu: Am Gründonnerstag, 1. April, sollen Lebensmittelgeschäfte geschlossen bleiben. Das heißt: Der Tag davor wird Großkampftag - und geht mit massivem Einsatz am Ostersamstag weiter.

Überrascht von den Beschlüssen

Völlig überrascht war Doris Leutbechers Chef, Edeka-Inhaber Elmar Bauer (62), als er am Dienstag früh die neuen Beschlüsse der Regierung und der Ministerpräsidenten hörte: Donnerstag zu, ausschließlich der Lebensmitteleinzelhandel "im engen Sinne" wird am Samstag geöffnet. Noch am Dienstagvormittag hoffte er, "dass dieser Beschluss noch einmal korrigiert wird", aber da ist wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens. Elmar Bauer: "Das schmeißt unsere komplette Logistik über den Haufen. Wir wissen nicht, ob der Großhandel sich darauf so schnell einstellen kann", erklärt er und verdeutlicht seine Probleme anhand eines Beispiels: "Normalerweise haben wir am Gründonnerstag die Frischeprodukte wie Erdbeeren vorrätig. Nur: Die müsste ich jetzt für Mittwoch bestellen und dann vermutlich einen Großteil wegwerfen, weil die einfach nicht bis Samstag frisch bleiben." Seine erste Überlegung: "Dann müssen wir uns in Punkto Frischware auf den Samstag konzentrieren."

Gründonnerstag Hauptumsatztag im Jahr

Der Gründonnerstag ist "unser Hauptumsatztag, da passiert oft mehr als an Weihnachten - es ist ein Unding, dass an diesem Tag zugemacht wird". Er fühle "selbstverständlich" mit dem anderen Einzelhandel mit, der seit Wochen im Lockdown ist und versucht, beispielsweise mit Click & Collect über die Runden zu kommen, "aber problemlos läuft das auch bei uns nicht".

Am Tag nach dem Regierungsbeschluss gab es unter den rund zehn Kassiererinnen im Edeka - wohl wie überall im Land - nur ein Gesprächsthema: Wie schaffen wir diese beiden Tage? Doris Leutbecher: "In erster Linie mit Geduld. Es ist ja eine einfache Rechnung: Unsere Verkaufstage reduzieren sich an Ostern von drei (Mittwoch, Donnerstag, Samstag) auf zwei (Mittwoch und Samstag) - aber wir haben alle nur zwei Hände." Zwei Hände, fünf Kassen - dem gegenüber Kunden und Kundinnen in Osterhektik, die dafür sorgen wollen, dass der Kühlschrank über die Feiertage nicht leer wird. Elmar Bauer: "Unser Hygienekonzept funktioniert gut im Alltag. Aber natürlich weiß ich, dass an Ostern nicht von Alltag zu sprechen sein wird." 90 Wagen hat er draußen stehen, 90 Kunden können also gleichzeitig im geräumigen Verkaufsraum einkaufen. "Aber wir können an Ostern nicht gewährleisten, dass es nicht zu noch längeren Schlangen an den Kassen kommen wird."

"Da biste einfach platt"

Doris Leutbecher weiß schon durch die vergangenen Tage, dass das Ostergeschäft anzieht. "Die Kunden kaufen jetzt Zwiebeln, Kartoffeln, Getränke und Konserven. Die frischen Dinge werden später einkauft." Auch sie geht von längeren Wartezeiten, auch an der Fleischtheke, aus. "Auch wenn natürlich alle Kassiererinnen eingespannt sein werden." Seit sie 15 Jahre alt ist, seit ihrer Lehre, ist sie Kassiererin. Sie liebt ihren Beruf. "Ich wollte nie etwas anderes sein", doch vor diesen Tagen hat sie "großen Respekt". Sie weiß: "Nach solchen Einsätzen brauchst du abends zuhause wirklich nichts mehr. Da biste einfach platt. "

Elmar Bauer unterbricht sie kurz im Gespräch: "Es ist großartig, was die Kolleginnen leisten. Sie haben meinen höchsten Respekt." Denn das Kassengeschäft werde nicht leichter. Doris Leutbecher: "Da muss ich mich voll konzentrieren: hier die Waage kontrollieren, dann Payback, da Deutschlandkarte, hier Handy, da eine App, dort ein Gutschein. Es wird immer komplexer. Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich liebe meinen Beruf - aber manchmal macht er mir keine Freude."

Nervtötendes Verhalten einzelner

Vor allem dann nicht, wenn - vereinzelt, aber umso nervtötender - die Kunden dazukommen, die partout nicht einsehen wollen, warum sie für ein Produkt aufgrund der Corona-Maßnahmen zwingend einen Wagen nutzen müssen. "Nur so wissen wir, wie viele Menschen wirklich gerade im Markt sind", erklärt Elmar Bauer. Er bleibt in solchen Situationen gelassen, "aber auf Diskussionen lasse ich mich nicht mehr ein".

"Es kommen alle dran"

Angst, sich selbst mit dem Virus anzustecken, hat Doris Leutbecher nie gehabt, sagt sie - auch wenn sie nah mit Menschen zusammenarbeitet. "Angst ist ein schlechter Ratgeber." Trotz der bevorstehenden Großkampftage bleibt Doris Leutbecher aber genau die, wofür sie ihre Kunden lieben: optimistisch, humorvoll und auch bestimmt. "Wir dürfen uns jetzt nicht verrückt machen, es ist, wie es ist. Und es kommen alle dran, einer nach dem anderen. Mit Vernunft und gegenseitiger Rücksicht schaffen wir das. Und mit der Erinnerung, dass wir Kassiererinnen auch nur zwei Hände haben."