Die Kirchenmusik der orthodoxen Ostkirchen übt auf die Zuhörer einen ganz besonderen Reiz aus. Einerseits klingt sie sehr vertraut, andererseits kann man Nuancen ausmachen, die dem mitteleuropäischen Ohr fremd klingen. Man fühlt sich an das "alte Russland" erinnert und kann sich mit hineinnehmen lassen in einen spirituellen Kontext, der fasziniert und die West- und Ostkirchen miteinander verbindet.
Die Zuhörer im Kursaal in Bad Bocklet wurden vom Angelicus-Ensemble
aus Bulgarien in diese Welt versetzt. Sie waren vom A-Capella-Gesang begeistert, der die verschiedenen Fassetten orthodoxer Chormusik eindrucksvoll beleuchtete.
2007 wurde das Ensemble in Sofia gegründet, das Repertoire der Gruppe beinhaltete unter anderem Meisterwerke von unbekannten Komponisten aus dem 11. bis 14. Jahrhundert. Aber auch Werke von bulgarischen Klassikern der Kirchenmusik wie Dobri Hristov und Peter Dinev waren zu hören. Fehlen durften auch russische Komponisten wie Tschaikowski, Rimski-Korsakov und Mussorgksi nicht, so dass für jeden etwas dabei war.
Bereits das zweite Stück, das "Dir singen wir, o Herr", ein bulgarisches Anonym vermutlich aus dem 13. Jahrhundert, übertrug die meditative Stimmung auf das Publikum. Dieses wurde von der inneren Ruhe, die den Sängern anzumerken war regelrecht angesteckt. Mit nur geringem tonalen Umfang beginnend machte sich langsam ein facettenreicher Gesang Luft, der begeisterte. Überhaupt waren die Stücke von einer gewissen Dichotomie geprägt, die sie sehr reizvoll machte: einmal war oft ein raffinierter Wechsel zwischen den Bass- und den Tenorstimmen zu hören, aber auch Piano-Forte-Passagen trugen zur Abwechslung bei.
Natürlich war die Musik auf die jeweilige Thematik des Sujets abgestimmt: beim "Freu Dich und frohlocke, Jungfrau Maria" überwogen harmonisch-leichte Passagen, in der Musik waren viele positive Anklänge spürbar. Temperamentvoller war das "Nun bis in alle Ewigkeit" von Michail Ippolitow-Iwanow, das aber auch nachdenkliche Passagen bot. Für viel Applaus sorgte auch das unvergessliche "Otsche Nasch" bzw. "Vater unser" von Nikolai Rimsky-Korsakov, das meditativ, ruhig und äußerst harmonisch daherkam. Für bewundernde Rufe im Publikum sorgte das beliebte "Ich bete an die Macht der Liebe" von Dimitri Bortnianski, das die Sänger mit viel Gefühl interpretierten.
Beim "Seliger Mann" von Michail Ippolitow-Iwanow überzeugte Bass Jivko Peytschev mit seiner Gesangeskunst auf ganzer Linie. Mit sprechgesangähnlichen Elementen, die den Sänger große Kunstfertigkeit abverlangten, kam dann das "Gelobt seist Du oh Herr" von Pjotr Iljitsch Tschaikowski daher, was auch durch seine reizvollen Leise-Laut-Passagen große musikalische Abwechslung bot.
Zahlreiche weitere Stück folgten, bis das Konzert dann mit dem Segenswunsch "Auf viele Jahre" beendet wurde. Die Zuhörerschaft war begeistert, wie der große Applaus am Ende des Konzerts zeigte.