Sie ist die erste Frau, die Gaststätte und Brauerei des Franziskaner-Klosters auf dem Kreuzberg leitet. Und sie will verändern, behutsam, aber durchaus bestimmt. Angelika Somaruga hat vor gut eineinhalb Jahren die nach ihrer Schätzung umsatzstärkste Gastronomie Unterfrankens übernommen. Damit steht zum ersten Mal seit 1731 kein Ordensmann an der Spitze der Wirtschaft - sondern eine Frau mit eigenem Kopf. Das gefällt nicht jedem.
Ein Gespräch über Security auf dem Heiligen Berg, bissige Gäste und natürlich Bier.

Frau Somaruga, mögen Sie eigentlich Bier?
Angelika Somaruga: Ja, ich trinke gelegentlich Bier. Aber ich gebe offen zu: Ich bin Fränkin und trinke am liebsten Wein. Das kann ich gut vertreten, denn ich leite ja nicht nur den Kreuzberg, sondern auch das Kloster Engelberg mit einem Weinberg. Aber wenn Bier, dann schon Kreuzbergbier.

Es heißt, Ihr Motto sei "Verändern, um zu bewahren". Wie leicht oder schwer fällt das als erste Frau an der Spitze des Kreuzbergs?
Ich sage es mal so: Am Anfang habe ich mir das nicht so schwer vorgestellt. In meiner Naivität habe ich gesagt, ich bin eigentlich schon seit 2001 auf dem Kreuzberg, war bereits Stellvertreterin von Bruder Johannes Matthias. Natürlich hat jeder sein eigenes Wohlfühl-Gefühl, als Frau sieht man das alles anders als ein Mann. Aber es war erstaunlich, wie viel Feindseligkeit mir ins Gesicht geschlagen ist - auch von Seiten, von denen ich es eigentlich nicht erwartet hatte. Klar hatte ich mir im Vorfeld gedacht, dass es als erste Frau nicht einfach sein wird. Deshalb war es ja auch mein Wunsch an die Provinz, dass ich einen Aufsichtsrat an die Seite bekomme, dass wir uns austauschen.

Und von welchen Seiten kam die Feindseligkeit?
Von allen Seiten, in die Tiefe möchte ich da nicht gehen.

Sie arbeiten mit fünf Brüdern und 70 Mitarbeitern. Welche Rolle spielt das Geschlecht im Alltag?
Es war für Außenstehende nicht leicht nachvollziehbar, dass Konvent und Wirtschaft durch meine Berufung eigentlich keine Einheit mehr sind. Man hat dann zum Beispiel plötzlich gesagt, seitdem die Frau Somaruga Geschäftsführerin ist, gebe es andere Kirchenzeiten. Nur, was habe ich mit Gottesdiensten zu tun? Das ist überhaupt nicht mein Metier. Oder generell wurde gesagt, man fände es nicht gut, wenn eine Frau nun in einem Männerorden das Sagen habe. Aber es wird strikt getrennt.

Sie haben trotz aller Widerstände verändert. Was treibt Sie an?
Der Kreuzberg ist für mich ein Rohdiamant, dem an manchen Stellen der Schliff fehlt. Die Wirtshausstühle oder die Lamperie - das gehört dazu, das erwartet auch jeder. Aber das Drumherum kann man verfeinern, beispielsweise die Gasträume. In einem Raum soll immer eine gewisse Harmonie herrschen, und ich habe versucht, das mit Farbe oder Tischwäsche zu erreichen. Was noch ansteht, sind die Toiletten. Da ist alles gefliest, es sieht aus wie ein U-Bahnhof. Der Bereich sollte der Halle angepasst werden, die im alten Stil mit Balkendecke gehalten ist. Der Widerstand gegen solche Neuerungen war eine Anfangshaltung, vielleicht Schutzhaltung.

Aber zunächst wurden kleinste Änderungen ...
... ganz bösartig kommentiert. Jetzt hat man jedoch erkannt, dass ich nicht zum Negativen verändern will, sondern den Wohlfühl-Charakter stärker herausstreichen will. Man muss sich heute am Markt behaupten und wenn nichts auf den Kreuzberg zieht, dann ist irgendwann der Kreuzberg tot.

Sie "ziehen" mit Fairtrade-Kaffee, Bio-Eis oder Milch von Rhöner Kühen. Das liegt im Trend. Passt es auch zum Heiligen Berg der Franken?
Ja, das passt zu unserem Slogan, den wir uns vorletztes Jahr zugelegt haben - "Glauben und Genießen". Franziskus und die Franziskaner sind stark von der Bewahrung der Schöpfung geprägt und das ist einfach nur eine Umsetzung in der Wirtschaft.

Traditionell strahlt das Kloster eine spirituelle Atmosphäre aus. Wie lässt sich das mit Bier und Massentrinken vereinbaren?
Das ist einfach der Ort hier. Als man angefangen hat, den Pilgern Bier anzubieten und herzustellen, war man sich wahrscheinlich nicht bewusst, was man da schafft. Es hat teilweise Züge angenommen, die so nicht gewollt waren. Ich habe versucht, das ein bisschen runterzubrechen, indem ich zeitweise Security beschäftige. Einfach aus dem Gedanken heraus: Egal, was ist und ob hier eine Brauerei ist, es ist immer noch ein Kloster, an allererster Stelle. Das ist glaube ich bei der Bevölkerung ein bisschen untergegangen, dass es nicht um Masse geht, sondern um Qualität und dass es ein heiliger Ort ist - auch wenn man vielleicht keine Brüder mehr sieht. So ist es nicht. Im Vordergrund soll stehen, dass man gepflegt essen und trinken kann. Der Kreuzberg sollte nicht den Ruf haben: Da gehen wir hin und machen Rambazamba. Das Komasaufen möchte ich nicht haben.

Wo kommt Security im Kloster zum Einsatz?
Nicht im Kloster, in den Wirtschaftsbereichen. Dort haben sie Rundgänge gemacht, Leute beobachtet und für Ruhe gesorgt. Was zum Beispiel keiner glaubt: Der schlimmste Tag im Jahr ist Karfreitag. Da kommen viele, die ein Problem mit der Kirche haben, betrinken sich, führen sich auf. Es ist auch einmal jemand in den Toiletten zusammengebrochen. Meine Mitarbeiter wollten helfen, da wurden manche Gäste aggressiv, einer wollte partout auf die Toilette und pöbelte nach dem Motto, was interessiert mich das, wenn hier einer im Sterben liegt. Das hat mich schon ganz schön erschreckt.

Ist man nicht auch auf die Massen angewiesen?
Auf die Massen würde ich nicht sagen. Wir wollen nicht um jeden Preis Bier verkaufen. Wir haben die Wallfahrten, wir sind ein Besuchermagnet, aber wir wollen alles kanalisieren. Das Mystische des Ortes, das man hier am Kreuzberg einfach hat, soll vermittelt werden. Die Auswüchse wollen wir nicht, da muss man aufpassen.

Wäre das alles als Mann leichter?
Das glaube ich schon. Das gebe ich ganz offen zu.

Hunderttausende kommen jedes Jahr auf den Kreuzberg. Sie scheuen aber das Rampenlicht.
Ja, das ist nicht so meins. Es nimmt einem ein Stück Freiheit. An einem Sonntag wollte ich hinauf in den Berggasthof Elisäus. Es waren aber so viele Leute aus Bad Brückenau, wo ich wohne, da, die mich ansprachen und Verbesserungsvorschläge hatten. Irgendwann habe ich wirklich gekocht.

Und wie viele Leute kommen wirklich jedes Jahr?
Man sagt immer 600 000. Aber das stimmt nicht. Ich gehe von 800 000 aus. Allein am 3. Oktober kommen meist 10 000 Leute. Der umsatzstärkste Tag war tatsächlich der 3. Oktober 2014, da reichte die Küchenschlange bis hinaus zur Kirchentreppe. Das war das Verrückteste, was ich hier je gesehen habe.

Angelika Somaruga
Die Geschäftsführerin der Franziskaner Klosterbetriebe GmbH stammt aus Pfaffenhausen und lebt in Bad Brückenau (beide Lkr. Bad Kissingen). Sie ist 57 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Die gelernte Hotelkauffrau mit Zusatzqualifikation als Personalfachkauffrau arbeitete zunächst in leitender Funktion in einem Hotel in Bad Brückenau. Auf dem Kreuzberg ist sie seit 2001 in den Bereichen Buchhaltung und Personalverwaltung tätig. Die Stelle als Geschäftsführerin hat sie im August 2014 angetreten. Die Klosterbetriebe beschäftigen derzeit 70 Personen in Festanstellung. Jährlich kommen nach Angaben von Somaruga 800 000 Besucher auf den Kreuzberg. top/sp