Strategieberater Marcus Linford (conos GmbH aus Wien) hat sich im vergangenen Jahr im Auftrag der Stadt die touristische Situation in der Kurstadt genau angeschaut. Dabei ging es darum, eine erste Abschätzung zu geben, wie sich der Welterbe-Titel auf den Tourismus auswirkt und welche Aufgaben auf die Stadt zukommen. Am Mittwoch hat er seine Analyse im Stadtrat vorgestellt. Sein Fazit: Der Welterbe-Titel sichert der Stadt viel Aufmerksamkeit. Ein Selbstläufer und eine Garantie auf steigende Gästezahlen ist das jedoch nicht - gerade wenn die Gäste auch über Nacht bleiben sollen. "Die Steigerung der Übernachtungszahlen durch den Welterbestatus ist keine Selbstverständlichkeit. Jetzt geht die Arbeit für Sie erst richtig los, aber die Voraussetzungen sind perfekt gegeben", sagte er.

Der Touristikexperte sieht ein "sehr großes Potenzial im Bereich des Tagestourismus", also dass etwa Busgruppen in die Stadt kommen, sie besichtigen und dann wieder abreisen. Die Themen Unesco und Kultur seien klassischerweise mit Städtebesuchen verbunden. Für die Stadt als Ganzes kann das von Vorteil sein. Linford erläutert: "Tagestouristen geben über den Tag mehr Geld an einem Ort aus als Übernachtungsgäste." Der zu erwartende Gästezuwachs biete die Möglichkeit, dass auch in besucherschwachen Monaten mehr Gäste in die Stadt kommen und dass sich die Tourismus-Saison so entzerrt.

Hat die Stadt genügend Betten?

Dass die Stadt im Hinblick auf Übernachtungsgäste aus dem Welterbe-Titel Profit schöpfen kann, sieht der Berater als schwierigere Aufgabe an. "Kann die Stadt die Nächtigungsgäste aufnehmen?" fragte er. Er referierte, dass seit 2000 die Zahl der Beherbergungsbetriebe und die der Betten rückläufig sind. Vor der Coronapandemie gab es zwar insgesamt ein Wachstum bei den Gästeankünften und Übernachtungen (mit den Kliniken). Rein bei den Privatgästen seien die Übernachtungszahlen jedoch tendenziell gesunken. Im Vergleich zu Franken und Bayern hatte Kissingen eine unterdurchschnittliche Entwicklung.

Während hochwertige Hotel- und Pensionsbetriebe gut ausgelastet sind, sieht Linford bei qualitativ schwächeren Betrieben Luft nach oben. Bad Kissingen müsse sich um einen attraktiven Bettenmix kümmern.

Hier sieht auch Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) eine große Herausforderung. "Wir haben in vielen Betrieben einen Investitionsstau und zu wenig moderne Hotels", sagte er. Er wolle deshalb in Kooperation mit der Staatsbad GmbH beispielhaft vier bis fünf Betriebe aussuchen, die sich von der Stadt bei Investitionen beraten lassen. Das können Fragen zur strategischen Ausrichtung sein, oder aber zu Fördergeldern und anderen Themen. "Es geht darum, in vier bis fünf Leuchtturmprojekten zu zeigen, was möglich ist", erklärte er.

Tourismusberater Linford hat ferner untersucht, wie viele Besucher jährlich für die Stadt verträglich sind. "Overcrowding" nennt er hier als Stichwort. Aktuell attestierte er der Stadt im internationalen Vergleich ein mittleres Risiko. Ohne Tagesgäste verzeichnet Bad Kissingen (vor Corona) pro Jahr und Quadratkilometer 260 000 bis 370 000 Gäste. Gästezahlen bis 525 000 Besucher pro Jahr und Quadratkilometer könne der Stadtraum verkraften. "Es braucht Lenkungsmaßnahmen, um diese Zahlen verträglich zu verteilen", riet Linford. Hier sei es problematisch, dass in Bad Kissingen die Tagesgäste bislang nicht gezählt werden. Er empfiehlt ein laufendes Monitoring, das erfasst, wie viele Tagestouristen in die Stadt kommen, wo sie sich aufhalten und wofür sie Geld ausgeben, wie die Sitzplätze in der Gastronomie sowie die Park- und Busparkplätze ausgelastet sind. Diese Daten seien nötig, um das tagestouristische Aufkommen zu steuern.

Des Weiteren empfiehlt der Experte, dass die Stadt sich eine Tourismusstrategie passend zum Welterbe gibt und sich mit anderen historischen und Unesco-Städten austauscht. In Sachen Mobilität seien Kombitickets für Bus und Bahn mit dem Eintritt in die Welterbestätten denkbar, Auffangparkplätze außerhalb des Stadtringes, ferner brauche es ausreichend Busparkplätze.

Aktionsplan soll bald vorliegen

Einigen Stadträten war die Enttäuschung darüber anzumerken, dass die Studie abstrakt blieb und dass kaum konkrete Handlungsvorschläge gemacht wurden. "Ich dachte, dass wir uns jetzt schon inhaltlich mit all diesen Punkten auseinandersetzen. Was ist das, was wir konkret machen müssen", bemängelte etwa Steffen Hörtler (CSU). Oberbürgermeister Dirk Vogel ging auf die Kritik ein und kündigte an, die Verwaltung werde zu den anstehenden Haushaltsberatungen einen konkreten Aktionsplan mit den nächsten Schritten vorlegen.

2. Bürgermeister Thomas Leiner (CSU) merkte an, dass es wichtig sei, Multiplikatoren zu finden, die in die Werbung für Bad Kissingen als Welterbe-Stadt einsteigen. Zudem müsste man sich um Dinge wie eine passende Autobahn- und Ortseingangsbeschilderung kümmern. Alt-OB Kay Blankenburg (SPD) sieht keinen Anlass zu großer Eile. "Unesco ist eine Dauerveranstaltung", sagte er. Die Stadt habe Zeit, die Dinge behutsam zu entwickeln, müsse aber ein entsprechendes Budget im Haushalt bereitstellen. Bernd Czelustek (SPD) forderte, sich Gedanken zu machen, wie die Stadt Tagesgäste davon überzeugt, als Übernachtungsgäste erneut nach Bad Kissingen zu kommen. "Das ist eine wesentliche Hausaufgabe, damit die ganze Geschichte rentierlich wird", sagte er. Letztlich nahm der Stadtrat die Studie einstimmig zur Kenntnis und beauftragte die Verwaltung, eine Umsetzung der Empfehlungen zu prüfen.