Corona bedeutet für viele eine Verschlechterung ihrer Lebensumstände. Besonders hart getroffen werden dabei die sozial Schwachen und Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, Drogensüchtige oder Obdachlose. Das lässt sich auch in Bad Kissingen beobachten.

Einer, der Situation genau im Blick hat, ist Christian Fenn. Er ist nicht nur seit mehr als 20 Jahren als Streetworker unterwegs, sondern auch Vorsitzender des Vereins Kidro, der in Bad Kissingen niedrigschwellige Drogen- und Obdachlosenhilfe leistet.

Natürlich haben Corona und die damit verbundenen Einschränkungen die Arbeit des Hilfsvereins verändert. Noch stärker aber die Lebensbedingungen der Menschen, die hier Hilfe und Unterstützung suchen und finden. Da gibt es vielfältige Aspekte.

Fenn nennt als ein Beispiel die Wärmestube im Domizil des Vereins in der Maxstraße. Wie eine Gaststätte ist sie seit längerem geschlossen. Statt einem warmen Essen gibt es dort nur noch belegte Brötchen zum Mitnehmen. Damit ist die Grundversorgung gesichert, so Fenn. Früher allerdings hätten die Leute hier "etwas Gescheites" bekommen, wie Fenn das nennt.

An Situation gewöhnt

Jedoch sei das nicht das primäre Problem. Entscheidender seien für viele die sozialen Kontakte gewesen, die sie hier gefunden hätten, um der Vereinsamung zu entgehen. Man habe sich hingesetzt, Kaffee getrunken, gegessen - sich einfach getroffen. Das alles sei nun nicht mehr möglich, der Gastraum geschlossen, der Verzehr der Speisen vor Ort nicht mehr erlaubt.

"Es ist aber schlecht möglich, jemanden, der kein Dach über dem Kopf hat, wegzuschicken und ihm zu sagen, er soll daheim essen", so Fenn. Zu Beginn der Pandemie hätten sich viele direkt vor der Türe an die Straße gesetzt und gegessen. Inzwischen hätten sich die Leute aber an Situation gewöhnt.

Warten auf die Wäsche

Mancher lässt sich auch etwas einfallen, um bleiben zu können. So besteht weiter die Möglichkeit, bei Kidro seine Wäsche zu waschen. So kann man hier die Zeit verbringen, bis die Waschmaschine fertig ist. Und seit den Corona-Einschränkungen läuft die Maschine dauernd, witzelt Christian Fenn. Man bewege sich hier, wie in anderen Bereichen auch, in einer Grauzone. Aber Warten sei erlaubt. Und wenn hier manchmal Obdachlose säßen, mit Abstand und einem Mundschutz, den sie vor Ort erhalten könnten, sei das eindeutig günstiger, als dass "sie ohne Abstand und Maske in einer Obdachlosenunterkunft herumhängen."

Auch beim Thema Kleiderkammer bewegt man sich in einer solchen Grauzone. Bis die Inzidenzwerte vor einigen Tagen über die 100 kletterten, war der Besuch von Einzelnen dort noch möglich. Nun müssten täglich Leute weggeschickt werden, da die Einrichtung geschlossen sei. Was solle man aber tun, wenn jemand glaubhaft machen kann, dass er nichts mehr zum Anziehen hat? Für Fenn ist klar: "Dann kriegt der was!"

Man sei schließlich eine Einrichtung, die dazu da sei, Menschen zu helfen, die aus dem Rahmen gefallen sind. Und da bewege man sich eben manchmal in Grauzonen. Er sei überzeugt, dass dies keine Verstöße gegen Corona-Regeln seien. Entsprechend habe er keine Bedenken, falls es einmal zu Kontrollen käme, was aber bislang nicht der Fall gewesen sei.

In den Räumlichkeiten würden die Infektionsschutzregeln strikt eingehalten, Abstand gehalten und auch die "Kundschaft" habe es akzeptiert, Masken zu tragen. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr gebe es da kaum Verweigerer. Die Masken, die allmählich knapp werden, habe übrigens die Stadt Bad Kissingen zur Verfügung gestellt.

Verschwörungsmythen

Auch wenn die Regeln im Haus akzeptiert würden, seien die Klienten von Kidro ansonsten nicht sonderlich vorsichtig, weiß Fenn. Nachfrage nach Impfungen - wenn überhaupt vorhanden - sei sehr gering. Zum einen hätten in diesen Kreisen Verschwörungsmythen in größerem Umfang um sich gegriffen. Zum anderen hätten die Betroffenen so ihre Erfahrungen gemacht. Da kämen sie gar nicht auf die Idee, etwas für sich zu erwarten. Schließlich sei - übrigens auch ihm - in der hiesigen Szene kein Corona-Fall bekannt, was viele in der Annahme bestärke, dass es sie eh nicht erwische.

Manche der Corona-Einschränkungen sieht Streetworker Fenn für seine Klientel als teils kontraproduktiv an. Was soll ein Obdachloser in der Zeit der Ausgangssperre tun?, fragt er. Die Antwort gibt er gleich selbst: Sich nicht erwischen lassen oder bei Kumpels übernachten, was nicht im Sinn des Infektionsschutzes wäre. Ungünstig sei auch, dass die sonst üblichen Treffen an öffentlichen Plätzen nun nicht mehr möglich seien. Natürlich fänden sie weiterhin statt. Nun nicht mehr an der frischen Luft, sondern in irgendwelchen Wohnungen.

Blühender Drogenhandel

Auch im Drogenbereich haben sich, nach seinen Erfahrungen, zusätzliche Probleme ergeben. Zu Beginn der Pandemie sei die Versorgung kurzzeitig eingeschränkt gewesen. Inzwischen blühe der Handel wieder. Die Nachfrage sei offensichtlich gewachsen. Zudem sei es viel langwieriger geworden einen Entgiftungsplatz zu erhalten oder in ein Substitutionsprogramm zu gelangen. So habe jüngst von zunächst vier Ausstiegswilligen nach mehrwöchiger Wartezeit schließlich nur einer die Entgiftung angetreten. Zudem gelte: An der Tankstelle könne man nachts nichts mehr kaufen, der Dealer aber sei rund um die Uhr erreichbar.

Und dann gibt es noch einen Aspekt, der Fenn Sorgen bereitet. Die Zahl derer, die Hilfe benötigen, dürfte in der Folge von Corona größer werden. Vor der Pandemie sei es gelungen, den einen oder anderen in einen Job zu vermitteln. Inzwischen gingen viele Jobs verloren. Und wer werde da als erster entlassen? Thomas Pfeuffer