Die Älteren unter uns kennen die Buch-Illustrationen von Ilse Wende-Lungershausen vermutlich noch aus den eigenen Kindertagen: Adrett gekleidete Mädchen und Buben, die in Büchern wie "Übermut tut selten gut" oder "Hannerls glückliche Tage" die Szenerie beherrschen. Es sind Bilder der Berliner Illustratorin Ilse Wende-Lungershausen (1900 bis 1991), die an mehr als 100 Kinderbüchern mitgewirkt haben soll.

Einen Einblick in ihr Schaffen gibt seit November 2020 (und noch bis zum 18. April) die Sonderausstellung "Blumenkind und Blendax-Max" im Museum Obere Saline. Dort erfahren Besucher auch, dass die 1991 verstorbene Künstlerin sogar familiären Bezug zu Bad Kissingen hatte.

Echte Herausforderung

Für das Museum der Kurstadt ist es, wie für viele andere Museen, eine echte Herausforderung, den Kulturbetrieb während der Pandemie am Laufen zu halten. Denn ein Lockdown wechselt den anderen ab. Nach dem Bund-Länder-Gipfel Anfang März 2021 war dann klar, dass Museen ab 10. März wieder öffnen dürfen - allerdings abhängig vom Inzidenzwert des jeweiligen Landkreises. Liegt dieser unter 50, kann man dem Museum spontan einen Besuch abstatten. Liegt er über 50, müssen sich Besucher anmelden. Allerdings lag am Mittwoch, 14. April, die Inzidenz erstmals wieder über der für Museen kritischen 100er-Marke.

Schade, denn die Sonderausstellung mit Wende-Lungershausens Illustrationen in Kinderbüchern, Spielen und auf Postkarten hätte sicher weit mehr Besucher angezogen als das Museumsteam verbuchte.

Denn schließlich geht's bei den Exponaten nicht nur um bunte, freundliche Bilder, an denen sich Kinder aktuell begeistern können. Vielmehr handelt es sich um historische Buchkunst, die ältere Besucher schon lieben lernten, als sie selbst noch Kinder waren.

Der Blendax-Max

Beschäftigt man sich mit Wende-Lungershausens Werk, trifft man auf Geschichten, die heute teilweise in Vergessenheit gerieten, wie Johanna Spyris "Heidi" und Emmi von Rhodens "Trotzkopf". Es sind Bücher, die nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Generationen von Kindern fesselten. Nicht zu vergessen ist der Entwurf der Werbefigur des Blendax-Max für die Blendax-Werke in Mainz. Es handelte sich um Illustrationen für das regelmäßig erscheinende Werbeblättchen "Die Blendax-Kinder" (1937 bis 1958).

Ilse Wende-Lungershausen besuchte eine private Kunstschule in Berlin und war zunächst Modezeichnerin im Kaufhause Gerson. Später machte sie sich als Gebrauchsgrafikerin und Illustratorin selbstständig. Sie entwarf Quartett-Spiele und Anziehpuppen aus Papier. Darüber hinaus entwarf sie Puppen für die Firma Schildkröt und erstellte eine Vielzahl von Mode-und Werbe-Illustrationen für die Firmen Blendax und Hipp.

Breite Bekanntheit erlangten die von ihr illustrierten Postkarten. Zudem hat sie zahlreiche Kinderbücher mit Bildern ausgestattet, und sie hat auch selbst Bücher geschrieben. Zur Biografie von Wende-Lungershausen gehört auch, dass sie 1933 ein nationalsozialistisches Propagandabuch für Kinder illustrierte ("Klaus, der Hitlerjunge", 1933) , dessen Autor ihr Ehemann Bernhard Wende war.

1943 nach Bad Kissingen gezogen

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Ilse Wende-Lungershausens Wohnung in Berlin ausgebombt. Sie zog mit ihrem Sohn 1943 nach Bad Kissingen.

Denn ihr Mann Bernhard Wende, der 1942 im Krieg gefallen war, stammte aus der Kurstadt. Seinem Vater gehörte damals die Villa Silesia (heute zum Hotel Frankenland gehörig). Mit ihrem Sohn Klaus Bernhard lebte Ilse Wende-Lungershausen bis 1950 in Bad Kissingen. Später zog sie nach Ravensburg.

Der Verwandtschaft blieb sie bis ins hohe Alter treu. Bernhard Wendes Mutter war eine geborene Götting und die Tante des späteren Fotoatelierbesitzers Ernst Götting. Ihren 90. Geburtstag feierte Ilse Wende-Lungershausen dann noch einmal in Bad Kissingen im großen Familienkreis, erzählt Ernst Göttings Tochter Uschi Kriener, die Großnichte der Illustratorin, im Gespräch mit dieser Redaktion.

Gedenktafel am Familiengrab

Begraben wurde Ilse Wende-Lungershausen auf dem Bad Kissinger Parkfriedhof, weil im Familiengrab auf dem Kapellenfriedhof niemand mehr bestattet werden durfte. Ihr Grab auf dem Parkfriedhof ist jedoch schon lange aufgelöst, weiß Hilla Schütze zu berichten. Sie sammelt seit Jahren Wende-Lungershausens Werke. Sie und Uschi Kriener hatten eine schöne Idee: Anlässlich der Ausstellung in der Oberen Saline ließen sie eine Gedenktafel an die Illustratorin am Familiengrab im Kapellenfriedhof anbringen.

Die Ausstellung gibt mit Exponaten aus der Sammlung Hilla Schütze, privaten Leihgaben von Uschi Kriener und weiteren Exponaten aus der Sammlung eines Berliner Grafikers und Illustrators einen Einblick in das umfassende Werk der Künstlerin.

Die Ausstellung ist noch bis 18. April zu sehen, allerdings nur nach vorheriger Anmeldung, unter Tel.: 09 71/8074 230, und falls es die Inzidenz noch zulässt.Isolde Krapf