Nach zwei Jahren mit extremer Trockenheit und Spätfrösten im Mai schien das regenreiche Jahr 2021 ein gutes Weinjahr zu werden. Doch vor allem die Ökowinzer schlagen jetzt Alarm. Der Pilz Peronospora, im Volksmund falscher Mehltau genannt, setzt Frankens Weinbergen zu.

Heinrich Hofmann von der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim sagt: "Ich habe in meinen gut 30 Berufsjahren noch nie ein Jahr mit einem solch starken Befall gesehen." Dabei unterscheide der Pilz nicht, ob die Trauben biologisch oder konventionell angebaut werden. Im biologischen Weinbau seien die zugelassenen Präparate zur Abwehr jedoch weit weniger effektiv.

Betroffen seien Winzer deutschlandweit, sagt Ludwig Knoll, der sein Weingut am Würzburger Stein seit 16 Jahren ökologisch betreibt. Die extremen Wetterlagen seien Auswirkungen des Klimawandels. Der Mehltau sei, verglichen mit dem verheerenden Starkregen an der Ahr im Juli, da noch ein kleineres Problem. Bei der Erntemenge rechnet der Würzburger Winzer in seinem Weingut mit Ausfällen von rund 50 Prozent. Und es könne noch schlimmer kommen.

Auch Konventionelle betroffen

Auch konventionelle Weinbauern hätten in diesem Jahr massive Probleme mit einem der größten Feinde im Weinbau, sagt Beate Leopold, Geschäftsführerin des Weinbaurings Franken e.V. mit Sitz in Kitzingen. Durch den kühlen Mai sei der Austrieb verspätet gewesen, dann brachte der Juni hohe Temperaturen und viel Regen. Die Natur sei regelrecht "explodiert", sagt Leopold. Die Winzer seien mit der Pflege der Stöcke gar nicht mehr nachgekommen, auch weil die Weinberge wegen der zunehmend hohen Bodenfeuchtigkeit kaum befahrbar waren.

Und Pflanzenschutzmittel seien gleich wieder abgewaschen worden oder hätten wegen des starken Wachstums kaum Wirkung entfaltet. Ideale Bedingungen für den falschen Mehltau, sagt Leopold.

Die einzelnen Regionen Unterfrankens sind unterschiedlich stark betroffen. Es gebe Weinberge, in denen keine Traube mehr hänge, und solche, die überhaupt nicht befallen seien, berichtet LWG-Mitarbeiter Heinrich Hofmann. Vor allem das südliche Maindreieck um Segnitz, Frickenhausen und Sulzfeld sei wegen des sehr frühen Regens dort stark betroffen. Von Würzburg an mainaufwärts habe der Befall erst später begonnen. Je früher der Pilz auftauche, desto stärker seien die Schäden an den Trauben.

"Wir hatten von Juni bis August so viel Niederschläge, wie 2018 und 2019 im ganzen Jahr nicht", sagt Ulrich Luckert, der mit seinem Bruder den Zehnthof in Sulzfeld (Lkr. Kitzingen) seit 2007 ökologisch betreibt. Auch er rechnet mit 50 Prozent Ernteausfall. Der Pilz-Befall sei stark von der Rebsorte abhängig, so Luckert: Während beim Silvaner einige Lagen bis zu 90 Prozent unbeschadet geblieben seien, sei der Müller-Thurgau in seinen Weinbergen in diesem Jahr ein Totalausfall.

Mit Brennnesseltee in Kombination mit biologischen Kupferpräparaten und Backpulvermischungen habe er gegen den Schadpilz gekämpft, berichtet Winzer Georg Baldauf aus Ramsthal (Lkr. Bad Kissingen). In normalen Jahren gelinge das auch, 2021 nicht. Baldauf schätzt seinen Ernteausfall auf 30 Prozent.

Gerhard Roth, der 1974 als einer der ersten Winzer Frankens sein Weingut in Wiesenbronn (Lkr. Kitzingen) auf ökologischen Landbau umstellte, erinnert sich an das Jahr 1977: Damals habe er letztmalig einen vergleichbaren Befall durch den falschen Mehltau erlebt. Heuer rechnet Roth mit mindestens 40 Prozent Ernteausfall - allerdings ganz unterschiedlich, je nach Lage.

Bioweinbau in Gefahr?

Ein Rückschlag für den Bioweinbau? Nach über 40 Jahren werde er sich von einem schlechteren Jahr nicht vom Kurs abbringen lassen, sagt Ökopionier Gerhard Roth. Er habe aus Überzeugung umgestellt und sei sich sicher, dass ökologischer Anbau der einzige Weg in die Zukunft sei, sagt auch Ludwig Knoll. Aber er kenne Winzerinnen und Winzer, die die geplante Umstellung in diesem Jahr abgebrochen hätten.

Durch den Frost habe er 2020 rund 80 Prozent Ausfall gehabt, durch den Pilz und die ökologische Bewirtschaftung verliere er dieses Jahr noch einmal 50 Prozent, schätzt der Sulzfelder Winzer Ulrich Luckert: "Irgendwann muss man die Frage der Wirtschaftlichkeit stellen."

Wie Ludwig Knoll versteht Luckert nicht, warum ein früher im ökologischen Weinbau zugelassenes Mittel gegen den falschen Mehltau für Biobauern inzwischen verboten ist: "phosphorige Säure". Er kämpfe dafür, dass sie in Ausnahmesituationen wenigstens begrenzt wieder eingesetzt werden dürfe, sagt Knoll: "Es kann nicht sein, dass wir uns alle mehr ökologische Landwirtschaft wünschen, aber gleichzeitig die Existenzgrundlage dafür genommen wird." Hätte er nur zwei- bis dreimal die phosphorige Säure ausbringen dürfen, die Schäden wären heuer weit geringer, sagt Luckert.

So bleibt den Biowinzern nur die Behandlung mit natürlichen Kupferpräparaten. Die würden bei Wetterlagen wie in diesem Jahr aber viel zu schnell vom Regen wieder abgewaschen, sagt LWG-Weinbauexperte Heinrich Hofmann. Den Winzern bliebe nicht viel mehr übrig, als täglich mit viel Handarbeit die Laubwand im Weinberg zu belüften, um ein weiteres Ausbreiten des Mehltaus zu verhindern.

Wer durch einen Weinberg spaziert, erkennt einen Peronospora-Befall übrigens an den welk wirkenden, fleckig-gelben Blättern. Sie wurden teilweise von den Winzern schon zurückgeschnitten, um die weitere Ausbreitung zu verhindern, so Beate Leopold. Befallene Trauben erkenne man an bläulich eingetrockneten Beeren, auch Lederbeeren genannt.

Mehltau gehört zur Familie der Schimmelpilze, ist aber nicht giftig. Sind im Garten Tafeltrauben-Pflanzen befallen, können unversehrte Beeren - gründlich abgewaschen - durchaus verzehrt werden. Volker Quack