Maren von Bismarck, eine Großnichte des Reichskanzlers Otto von Bismarck, kam gestern zur Eröffnung der Ausstellung "Bismarck: Familie.Politik.Mythos". "Es gefällt mir unglaublich gut hier, weil das Museum vollständig authentisch ist", schwärmte sie von der Oberen Saline. Das Bismarck-Museum dort ist das einzige, das in einer ehemaligen Wohnung eingerichtet ist.
"Hier ist auch der komplette Tagesablauf abgebildet", erzählt die Großnichte des Eisernen Kanzlers, die nach der Enteignung in der DDR ins Schloss Wonfurt im Landkreis Haßberge umzogen ist.

Insgesamt 66 Wochen zur Kur

"Ich bin regelmäßig zu Gast in Bad Kissingen", sagt Maren von Bismarck. Sie und ihr Mann haben offenbar die Vorliebe ihres berühmten Großonkels zu Bad Kissingen geerbt: 15 Mal weilte Bismarck hier zur Kur, insgesamt 66 Wochen, in denen "Bad Kissingen zum Mittelpunkt des Deutschen Reiches" wurde, wie Kulturreferent Peter Weidisch während der Eröffnung zitierte.
"Bismarck ist nicht aus der Zeit gefallen. Er ist aktuell", betonte Weidisch. "Aber: Wir haben heute einen vom Mythos befreiten Bismarck." Das biete die Chance für eine neue Auseinandersetzung mit dem Reichskanzler. Auch Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD) freute sich, dass die Deutschen heute "selbstreflektierend, aber nicht zerfleischend" auf das 19. Jahrhundert schauten: "Heute wird auf den Reichsgründer mit dem notwendigen Abstand, aber auch mit Respekt zurückgeblickt", sagte Blankenburg. Bismarck habe eine ganze Epoche geprägt, und diese Epoche sei für Bad Kissingen ganz entscheidend gewesen: "Zu Beginn des Bismarck-Jahrhunderts waren die Kissinger noch Ackerbürger, am Ende wurden sie geadelt durch das Weltbad." Im Geburtsjahr Bismarcks 1815 habe es lediglich 200 Kurgäste gegeben, zu seinen Lebzeiten habe sich diese Zahl auf 20 000 gesteigert. "Diese Zeit war ein Quantensprung für uns."
"Wir bilden uns natürlich ein, dass der Eiserne Kanzler mit so einer Vitalität wirken konnte, weil er sich hier bei uns erholte", schlug Blankenburg aber auch den Bogen zu den werbeträchtigen Aufenthalten an der Saale. Aus dieser Epoche stamme vieles, was noch bis heute Bestand habe: Etwa ein Teil der kunstvoll gemauerten Kanalisation. Für den "großen Mann, der auch ein wenig Kissinger war", errichteten die Bad Kissinger 1877 das erste Bismarck-Denkmal überhaupt, 1885 wurde er zum Ehrenbürger ernannt.

Bad Kissingen "lieb und teuer"

Finanz-Staatssekretär Albert Füracker (CSU) wünschte der Ausstellung im Namen von Ministerpräsident Horst Seehofer viel Erfolg. Füracker näherte sich über Anekdoten mit einem Schmunzeln Bismarck - und schlug einen Bogen vom preußischen Kanzler zu den bayerischen Förderern des Staatsbades. Bad Kissingen sei dem Freistaat noch heute lieb und teuer, sagte der Staatssekretär und verwies auf das Luitpoldbad und die geplante Behördenverlagerung: "In keinem Ort dieser Größenordnung investiert der Freistaat so viel Geld wie hier."

Ein ambivalentes Bild zeichneten Historiker bei der Eröffnung der Ausstellung "Bismarck: Familie.Politik.Mythos": Zum einen habe der Eiserne Kanzler große Verdienste in der Einigung des Deutschen Reiches und in der Sozialpolitik, zum anderen seien viele seiner Maximen nicht auf das heutige Deutschland übertragbar, wie es zum 200. Geburtstag zum Teil behauptet werde. "Wir müssen heute in Europa ganz andere Wege gehen", sagte etwa Kurator Professor Lothar Machtan.
Die Ausstellung "Bismarck: Familie.Politik.Mythos" ist eine Kooperation der Otto-von-Bismarck-Stiftung und des Bismarck-Museums Bad Kissingen. Sie ist auf drei Standorte verteilt: In Bismarcks Geburtsort Schönhausen in der Altmark (Sachsen-Anhalt) geht es um die Familie, in Friedrichsruh (Schleswig-Holstein) um den Mythos und der letzte Teil im Bad Kissinger Museum ist überschrieben mit "Schlüsselworte für Deutschlands Politik in Europa: Bismarcks Kissinger Diktat von 1877".
Bismarcks Zeitgenosse Theodor Fontane, ebenfalls gerne in Bad Kissingen zu Gast, beschrieb den Reichskanzler als eine Mischung aus "Übermensch" und "Schlauberger", berichtete Professor Ulrich Lappenküper, der Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung. Bismarck habe durch die Einigung Deutschlands die Landkarte in Europa im 19. Jahrhundert entscheidend verändert. In dieser Epoche lägen die Grundlagen für viele Geistesströmungen, die noch heute nachwirken: "Wer unsere Gegenwart begreifen will, muss sich mit dem so genannten langen 19. Jahrhundert beschäftigen", sagte Lappenküper, und forderte, "die Leistungen Bismarcks zu würdigen, ohne seine Defitite zu verschweigen."
Ausstellungskurator Lothar Machtan nannte es eine Herausforderung, die Geschichte des Kissinger Diktats in "optisch ansprechender Erzählkunst in einen vorgegebenen Raum" zu packen. Otto von Bismarcks Sohn Herbert habe das Diktat 1877 in Eile niedergeschrieben. Laut Kulturreferent Peter Weidisch wurde der Reichskanzler beim Attentat in Kissingen 1874 an der rechten Hand verletzt und konnte deshalb keine langen Texte mehr selbst schreiben, ohne zu ermüden. Es sei also nichts Ungewöhnliches, dass er Staatsgeschäfte diktierte.
Auf mehreren Seiten gibt der Kanzler im Kissinger Diktat Anweisungen, wie Deutschland die umliegenden Großmächte durch ausgleichende Diplomatie an sich binden kann. Verhindern wollte er damit Bündnisse gegen und Kriegserklärungen an das Deutsche Reich. Allerdings habe er Kriege der anderen Mächte untereinander durchaus in Kauf genommen. Das Kissinger Diktat sei auch deshalb so wichtig, weil es eine der grundlegenden Schriften Bismarcks gewesen sei: Oft habe er pragmatisch entschieden und seine Meinung geändert, aber: "An diese Maxime hat sich der Mit-Architekt Europas ein Jahrzehnt lang gehalten", beschreibt Machtan die Wirkung des Kissinger Diktats.
Allerdings kratzte der Kurator auch am Sockel des Eisernen Kanzlers: "Bismarck war ein Einschüchterungs- und kein Versöhnungsmensch", lautet eines seiner Urteile, und: "Bismarck hat die Dominanz des totalitären Staates vertreten." Deshalb tauge er nicht als Vorbild für einen demokratischen Staat oder die Völkerverständigung im modernen Europa. Die "Flickschusterei" seiner Bündnispolitik habe auf dem Vertrauen auf und den Respekt vor seiner Person basiert. Auch deshalb habe sie nach Bismarcks Sturz keine Zukunft gehabt.