Drakonische Strafen wegen vorsätzlicher und gefährlicher Körperverletzung hat das Jugendschöffengericht am Donnerstag gegen zwei Männer aus dem rechtsradikalen Milieu verhängt. Johannes G. (Namen von der Redaktion geändert) muss für zwei Jahre und zwei Monate ins Gefängnis. Sein Verteidiger kündigte Berufung an. G.'s Komplize Jan K. erhielt 18 Monate auf Bewährung. Er muss 1800 Euro an eine Organisation zur Bekämpfung von Rechtsextremismus bezahlen und darf ein Jahr lang keinen Alkohol trinken. Dieses Urteil wurde sofort rechtskräftig.

Beide stockbetrunken

Damit setzte das Gericht ein Zeichen gegen Neonazis. Es ging zum Teil weit über die Anträge der Staatsanwältin hinaus. Sie hatte für G. 21 Monate mit Bewährung gefordert. Die Verteidiger hatten für ihre Mandanten kein Strafmaß formuliert. Bei der Urteilsverkündung betonte Vorsitzender Richter Matthias Göbhardt, man werde in Bad Kissingen keinen Rechtsextremismus zulassen.

G. und K. hatten an einem Freitagabend im November kräftig "getankt" und waren voll bis zur Oberkante Unterlippe. G. hatte gemessene 2,12 Promille Alkohol im Blut, bei K. wurde zwar keine Probe entnommen, aber auch er war betrunken.

Grundlose Attacke

Gegen Mitternacht wankten sie durch die Bad Kissinger Straßen, als ihnen Michael O. entgegen kam. Er erschien mit 1,72 Metern und 60 Kilo als ein leichtes Opfer. G. und K. konnten nicht ahnen, dass O. als Karatesportler bei Weltmeisterschaften recht erfolgreich gekämpft hat.

K. sprang ihn unvermittelt und ohne Vorwarnung an. O. setzte sich zur Wehr: "Leg' dich nicht mit mir an", sagte er, setzte Schocktechniken ein, blockte den Angriff ab. Vergeblich. Als er K. an eine Mauer drängte, mischte sich G. ein und schlug O. mit der Faust mehrfach auf den Kopf. O. ergriff die Flucht, wurde eingeholt und geprügelt. G. beschimpfte ihn als "Ausländerschwein"und "Jugo-Arsch". Erneut konnte sich O. absetzen, wieder wurde er eingeholt und, jetzt am Boden liegend, gehauen und getreten.

Aus einer nahen Kneipe eilte Hilfe herbei: Die zarte Iris H. und Mario B., ein Bär von einem Mann, mischten sich ein und drängten die Schläger ab. G. gelang es dennoch, als O. einen Notruf an die Polizei absetzte, seinem Opfer mit einem Faustschlag die Nase zu brechen.

Göbhardt zollte vor allem Iris H. ob ihrer Zivilcourage ausdrücklich hohen Respekt. B. spielte sein Eingreifen herunter. Die Schläger hätten ihr Opfer "umgenietet" und auf es eingeschlagen. "Da bin ich halt los."

"Wir werden einmarschieren"

K. wurde die Sache zu heiß, er machte sich davon und fuhr mit dem Taxi heim. G. markierte den großen Macker. Er musste von drei Polizisten gebändigt werden. Seine Kumpane und er würden Bad Kissingen kurz und klein schlagen, "morgen werden wir einmarschieren", drohte er. Das hat aber niemanden beeindruckt. G. konnte seinen Rausch in einer Zelle ausschlafen.

Für die Staatsschützer war es kein Problem, K. als Tatverdächtigen zu ermitteln. Sie kennen sich in der Szene gut aus. O. begab sich für einen Tag in stationäre Behandlung. Neben der gebrochenen Nase hatte er eine Gehirnerschütterung, zahllose Prellungen und Abschürfungen erlitten. Zwei Wochen war der IT-Berater arbeitsunfähig.
Vor Gericht machte er als Nebenkläger deutlich, warum er sich zurückgehalten und keine "letale Kampftechnik" angewandt hatte: Die hätten bei G. und G. zumindest schwere Verletzungen verursacht, er selbst wäre dann angeklagt worden.

Große Erinnerungslücken

Turnschuhe statt Springerstiefel, Zerknirschtheit statt Getöns: G. und K. gaben sich vor Gericht als Biedermänner. Beide machten erhebliche Erinnerungslücken geltend, fanden für ihr Verhalten nur eine Erklärung: der Alkohol. Aber dieses Problem hätten sie jetzt im Griff, versicherten beide treuherzig. O. ("ich hatte null Promille") mutmaßte, dass wohl auch noch andere Drogen im Spiel waren.

K. sagte, er habe sich aus der Szene der Neonazis - "Jugendsünde" - verabschiedet. Beide hatten sich am ganzen Körper "schmücken" lassen: mit Tattoos, die Hitler- und Heß-Bilder zeigen, Totenköpfe, SS-Runen, Haken- und Keltenkreuzen. G. scheint der Ideologie allerdings treu zu sein: Gegen ihn läuft ein Verfahren, weil er Hitler-Portraits in Facebook gepostet haben soll.

Richter Göbhardt nahm die Angeklagten wegen ihrer politischen Gesinnung nach allen Regeln der Kunst auseinander. Warum O. so gemein attackiert wurde, blieb jedoch unklar.

K. entschuldigte sich nochmals bei O. Auf anwaltlichen Rat hin hatte er O. 1000 Euro als Wiedergutmachung angeboten. Die tatsächliche "Rechnung" war dann deutlich höher. Knapp 4000 Euro haben G. und K. bislang jeweils an Schmerzensgeld, Verdienstausfall und Anwaltskosten O. erstatten müssen.

G. und K. waren strafrechtlich bislang nicht in Erscheinung getreten. Beide sind in ihren Berufen erfolgreich und in ihren Heimatorten integriert. G. gab sich als Biedermann, der monatlich 400 Euro in einen Bausparvertrag einzahlt und demnächst mit seiner Freundin in eine gemeinsame Wohnung ziehen will. K. sagte, er wolle irgendwann die Meisterprüfung machen.

Ein Jahr keinen Alkohol

Weil K. zur Tatzeit noch keine 21 Jahre alt war, wurde vor dem Jugendschöffengericht verhandelt, aber nach Erwachsenenstrafrecht geurteilt.

Die Staatsanwältin hatte bei G. den Vorwurf der vorsätzlichen Körperverletzung bewiesen gesehen. Bei seinem Komplizen kam, wegen der Tritte, noch gefährliche Körperverletzung sowie Beleidigung hinzu. Für K. forderte sie 21 Monate mit Bewährung und 2600 Euro Geldauflage. Bei G. hielt sie 18 Monate "mit" sowie 1600 Geldauflage für angemessen. Außerdem sollte das Gericht für beide ein einjähriges und von der Polizei zu überwachendes Alkoholverbot verhängt werden. Das ist zwar im Gesetz so nicht ausdrücklich vorgesehen, aber als Auflage durchaus möglich.

Das hielten die Verteidiger der Angeklagten für nicht angezeigt. Rechtsanwalt Stefan Böhmer (Erlangen), der schon mehrfach als Verteidiger von Angeklagten der rechten Szene in Erscheingung getreten ist, sah gar in den Kontrollen "eine unangemessene, überflüssige Belastung der Polizei".

Nicht mehr "Herr der Sinne"

Er meinte, es sei nicht klar geworden, warum sein Mandant, G., und K. auf O. los gegangen seien. Hubertus Krause sagte zur Verteidigung von G., dessen Erinnerungslücken seien keine Schutzbehauptung. K. habe für seine Tat Verantwortung übernommen und sich bei O. entschuldigt. Er sei nicht mehr Herr der Sinne gewesen, der Vorfall sei nicht zu erklären. Als Strafe seien "maximal " zwölf Monate auf Bewährung und 1200 Euro Auflage ausreichend.

Joachim Piekarski, der Anwalt von Nebenkläger O., hatte sich, wie Böhmer und Krause auch, der Staatsanwältin angeschlossen. Er bedauerte, dass kein reiner Tisch gemacht worden sei. Und: "Da dürfen die beiden Angeklagten von Glück reden, dass O. sein Können (als Kampfsportler, die Redaktion) nicht angewendet hat." Ihnen nahm er die Gedächtnisschwächen - "zu billig" - nicht ab.

K. nahm das Urteil an. Es ist nach Rechtsmittelverzicht der Staatsanwältin rechtskräftig.