Es ist ein imposanter Baum. Wirklich. Kerzengerade ragt der Stamm der Eiche in den Himmel. Ganz weit oben, da, wo die Äste im dichten Wald noch Licht bekommen, verzweigt sich die Krone. Die mächtigen Äste sind mit Moos bedeckt. Nur an einer Stelle wächst kein Moos.

"Da war der Horst." Carsten Rohde hat noch nicht einmal den Weg verlassen, da entdeckt er schon die dunkle Stelle auf dem untersten Ast.
Zurzeit ist der Schwarzstorch-Experte aus Mecklenburg-Vor pommern in ganz Deutschland unterwegs, um die Jungvögel zu beringen. Doch im Roßbacher Forst hat er nichts zu tun. Denn der Horst auf der Eiche ist verschwunden.

"Schon im Winter war der Horst weg", erzählt Daniel Scheffler, Leiter der Kreisgruppe Rhön-Grabfeld beim Landesbund für Vogelschutz (LBV). Damals habe er sich nichts dabei gedacht. Der Horst ist vielleicht runtergefallen, vermutete er. Durch den Schnee am Boden konnte er das damals jedoch nicht überprüfen.

Scheffler ist Schwarzstorch-Beauftragter der Regierung von Unterfranken und hat ein Auge auf die et wa 25 Paare, die zwischen Hassbergen und Spessart leben. Am 4. April schaute er wieder im Roßbacher Forst vorbei. "Da habe ich gesehen, dass ein neuer Horst da war", erzählt Scheffler. Er beobachtet den Brutplatz an diesem Tag nur aus einiger Entfernung, um die sensiblen Vögel nicht zu stören. So bemerkt er nicht, dass Reste des alten Horstes am Boden gänzlich fehlen. Elf Tage später ist auch der neue Horst weg.

Laut Scheffler habe der "hiesige Horstbetreuer" bereits Mitte April der Behörde gemeldet, dass in unmittelbarer Nähe des Brutplatzes Bäume gefällt worden seien und der Horst verschwunden sei. Noch im Juni, als Scheffler Cars ten Rohde die Stelle zeigt, ist das Gelände von Spurrinnen zerfurcht. "Jeder gute Förster vermeidet solche Verwundungen des Waldbodens", ist Rohde empört. Die Bäume waren ein guter Sichtschutz für die Vögel und spendeten Schatten. "Es ist die Frage, ob der Storch den Platz jetzt überhaupt noch annimmt", sagt Rohde.

Wer profitiert vom Windpark?

Nun wäre das Verschwinden des Horstes nicht halb so brisant, wenn es nicht Planungen für einen Windpark im Roßbacher Forst gäbe. 110 Millionen Euro sollen investiert werden. Anfang Juni stellten die Unternehmen "Windkraft Bayern" und "Siemens" das Projekt vor dem Wirtschafts- und Umweltausschuss des Kreistages vor. Mit dabei saß der Mann, der vom Windpark erheblich pro fitieren würde, denn ihm gehört ein Teil des Waldes. Es ist Lutz Freiherr von Thüngen, stellvertretender Landrat (FDP).

Wenn von Thüngen eine Spritztour durch seinen Wald macht, dann nimmt er gerne "Dackel" mit, seinen Hund. "Es gibt keinen Horst hier, zumindest nicht in meinem Teil des Waldes", sagt von Thüngen. Denn das Gebiet, um das es geht, gehört nicht nur ihm allein. Ein Teil ist Staatsforst, ein Teil gehört einer Stiftung. Der Großteil aber ist in Privatbesitz und teilt sich in et wa gleichen Teilen auf drei Eigentümer auf. "Wobei mein Ge biet das größte ist", schränkt Thüngen ein. Außerdem seien noch 13 bis 14 Landwirte und die Gemeinden Zeitlofs und Wartmannsroth beteiligt.

Immer wieder werden Stimmen laut, die behaupten, der stellvertretende Landrat verdiene sich mit dem Windpark eine goldene Nase. "Ist Verdienen verboten?", fragt von Thüngen, während er seinen Geländewagen durch den Wald steuert. "Natürlich verdiene ich daran. Und deshalb treibe ich das auch voran!" Und dann sagt der Freiherr einen Satz, den man so gar nicht erwartet hätte: "Ich gehe davon aus, dass das Projekt scheitert."
Denn noch liegt der Forst im Landschaftsschutzgebiet (LSG), und verschiedene Gutachten in Sachen Naturschutz stehen noch aus. Der Kreistag überlegt, die Grenzen des LSGes zu ändern, um einen Konzentrations-Standort für Windkraft in der Rhön zu ermöglichen. Landrat Thomas Bold (CSU) ist dafür. Thüngen natürlich auch. "Es wäre ein ganz großer Verlust, wenn das nicht klappen würde", sagt Thüngen.

Anzeige gegen Unbekannt

Und der verschwundene Horst? Die gefällten Bäume? "Ich weiß es nicht, es geht mich auch nichts an, denn es ist nicht mein Wald", stellt von Thüngen klar. "Ich gehe davon aus, dass das eine vorsätzliche Störung war", sagt Scheffler. Dann bückt er sich und hebt einen einzigen, dünnen Zweig auf, an dem noch Storchen-Kot klebt. Zwei Jahre lang sei der Horst beobachtet worden, sagt Scheffler. "Dann müsste der Horst etwa 100 Kilogramm wiegen", schätzt Rohde. Der neue Horst gar nicht mit gerechnet. "Wir reden hier also von mindestens 100 Kilo Nistmaterial, das einfach verschwunden ist!", stellt Scheffler fest. Und Rohde fügt hinzu: "Das ist äußerst merkwürdig."
Merkwürdig findet das auch Dieter Fünfstück. Der Leiter der LBV-Kreisgruppe Bad Kis singen hat zusammen mit Daniel Scheffler Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Es werden Ermittlungen aufgrund des Bundesnaturschutzgesetzes und Tierschutzgesetzes geführt, die aber noch nicht abgeschlossen sind, bestätigt Herbert Markert, Leiter der Polizeiinspektion Bad Brückenau. "Allerdings kann nicht sicher von mutwilliger Zerstörung ausgegangen werden", macht Markert deutlich. Die Witterung könne als Ur sa che nicht ausgeschlossen werden. Scheffler sagt, er schließe die Witterung als Ursache "ganz klar aus".

Bauantrag für Windmess-Mast

Sollte der Horst dagegen von Menschenhand zerstört worden sein, handelt es sich um eine Straftat. Das bestätigt Stefan Seufert, Pressesprecher am Landratsamt Bad Kissingen. Inwieweit Veränderungen in der Umgebung des Horstes strafbare Vergrämungsmaßnahmen sind, wäre im Einzelnen zu prüfen. Aber selbst wenn der Horst weg ist, heiße das noch lange nicht, dass auch der Schwarzstorch weg sei. Dem Landratsamt selbst lie gen keine Zahlen über das Vorkommen der Schwarzstörche im Roßbacher Forst vor. Aber der LBV dokumentiert die Ver breitung der Vögel. "Mitte der 1980er Jahre haben sich die Störche wieder in der Bayerischen Rhön angesiedelt, und zwar im Roßbacher Forst", sagt Scheffler. Die streng geschützte Art sei Anfang des vorigen Jahrhunderts in Mitteleuropa quasi ausgestorben. "Der letzte Schwarzstorch in Bayern wurde um die Jahrhundertwende in Heiligkreuz erschossen", sagt Scheffler. Heiligkreuz aber liegt nur einen Steinwurf vom Roßbacher Forst entfernt.
"Windkraft Bayern" möchte aufgrund der laufenden Ermittlungen keine Stellungnahme zum Storchen-Horst abgeben. "Wir hoffen, dass sich das auf klärt und dieser Vorfall kein K.-o.-Kriterium für unser Pro jekt ist", sagte Geschäftsführer Norman Petersohn. Aktuell führt das Unternehmen Vor-Untersuchungen durch. Die aufwendigen und auch teuren Genehmigungsverfahren zur ar tenschutzrechtlichen und Umweltverträglichkeitsprüfung gehe man aber erst an, wenn si cher sei, "dass sich das Projekt wirtschaftlich darstellen lässt". Dafür möchte die Firma einen eigenen Wind-Mess-Mast aufstellen. Der Bauantrag dafür lie ge bereits beim Landratsamt, berichtet Petersohn.