Der Amerikaner Kent Nagano ist in den letzten 16 Jahren zu einem (fast) regelmäßigen und beliebten Gast des Kissinger Sommers geworden. Natürlich hat er Dirigierverpflichtungen rund um die Welt. Aber ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in Deutschland: von 2000 bis 2006 übernahm er die künstlerische Leitung des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin (seitdem ist er sein Ehrendirigent). Anschließend leitete er bis 2013 als Generalmusikdirektor die Bayerische Staatsoper. Und seit 2015 ist er Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Mit dem DSO kommt Kennt Nagano am Sontag zu zwei Konzerten in den Max-Littmann-Saal. In Berlin haben wir ihn am Telefon erwischt.

Herr Nagano, Sie kommen am Sonntag mit den Berlinern nach Bad Kissingen. Da ...

Kent Nagano: Ja, Bad Kissingen! Bad Kissingen ist für mich eine spannende Kombination von Geschichte, Natur und Kultur, und das Publikum ist seit Jahrhunderten dabei. Die Stadt mit ihrem Konzertsaal hat eine ganz besondere Atmosphäre und für uns als Künstler ist es immer ein besonderer Moment, Zeit zu haben in Bad Kissingen. Das ist ein "very special place".

Das werden die Kissinger gerne hören, aber erst einmal zu Ihnen: Wie haben Sie Corona überstanden, nicht nur als Mensch, sondern auch als Musiker, als Künstler?

Meine Frau und ich, wir haben viel Glück gehabt. Wir sind durch dieses letzte Jahr voller Gesundheit gekommen, waren nicht gefährdet. Und da ich Amerikaner bin: in den USA ist man mit den Impfungen schon sehr weit. Wir waren seit letztem März schon geimpft. Wir sind sehr dankbar und wir fühlen, dass wir einfach Glück gehabt haben. Denn wir kennen die tragische Seite sehr gut. Meine Frau und ich haben mehrere Freunde verloren, die an dieser Pandemie gestorben sind. Und wir kennen so viele Leute, die durch diese ungewöhnlich schwierige Zeit gegangen sind. Wir fühlen uns sehr glücklich, dass wir gesund durchgekommen sind. Und jetzt, gegen Ende der Pandemie, ist die langsame Öffnung der Konzerthäuser und Theater ein wunderbarer Moment für das Publikum und für die Künstler, weil wir alle merken, wie sehr die Gesellschaft durstig ist nach Kunst.

Der Kulturbetrieb waren lange vollkommen lahmgelegt. Hat Sie das sehr belastet? Hatten Sie trotzdem ab und zu Gelegenheit zu musizieren?

Ja, natürlich war das belastend, aber ich habe Glück gehabt. Das ist einfach eine seltsame Zeit. Sie war und ist ja nicht nur persönlich schwierig, sondern auch eine Herausforderung etwa an die ökonomische Kreativität, denn irgendwie musste es ja mit dem Orchester weitergehen. Die andere Seite: Auch für viele andere, mit denen ich gesprochen habe, war nicht alles negativ - zum Beispiel mit Blick auf die Routine. Warum muss ich heute wissen, was ich im Juli 2024 tun werde? Ist das nicht eine Art von Überbehütung? Wo ist da die Spontaneität, wo ist die Flexibilität? Da gerät man schnell in die Gefahr, unflexibel zu werden.

Und wo sehen Sie die positiven Aspekte?

Unter anderem darin, dass man plötzlich viel Zeit hatte, am Klavier zu sitzen, Musik für sich selbst zu spielen, zu recherchieren, Bücher zu lesen, einfach zu reflektieren, nachzudenken. Für meine Frau und mich war das nicht ganz negativ. Es war schon schön, manchmal einfach undefiniert Zeit zu haben. Da sind wir nicht allein. Ich glaube, viele Leute haben das genauso gesehen.

Hat Corona Auswirkungen auf Ihr Musizieren gehabt? Würden Sie sagen: Musik klingt bei mir heute anders als vor Corona?

Ja und nein. Wir sind alle durch eine Phase von unerwarteter Isolation gegangen. Besonders der erste Lockdown war sehr hart. Da waren wir zufällig in Paris. Dort wurde das alles besonders ernst genommen mit Polizeikontrollen und anderem. Zum ersten Mal in unserem Leben haben wir die Champs Elysées vollkommen leer gesehen - das war seltsam. Aber trotzdem waren meine Frau und ich zu Hause. Wir haben unser Klavier dort, und wir haben immer Musik gemacht, natürlich Kammermusik oder Klavierduette - wir haben Musik für uns gemacht. In diesem Sinne war die Musik nie verschwunden. Das ist das große Geheimnis der Musik: Sie ist treu, sie ist immer da, in schönen Momenten, in schlechten Momenten. Sie begleitet uns durch das ganze Leben. Andererseits: die gesellschaftliche Funktion der Musik ist mehr als nur Spielen. Ein Konzert hat eine kulturelle, gesellschaftliche Funktion, in der Live-Kommunikation passiert. Das Publikum kommuniziert mit der Bühne, die Bühne kommuniziert mit dem Publikum, und beide mit dem Komponisten. Das haben wir natürlich vermisst, wenn wir für uns in unserem Wohnzimmer gespielt haben.

Hat sich durch Corona die Interpretation Ihrer Musik verändert? Etwas simpel gefragt: Dirigieren sie eine Beethoven-Sinfonie noch genauso wie vor Corona?

Die Interpretation verändert sich eigentlich ständig, auch ohne Corona. Ich habe persönlich sehr viel profitiert von der Recherchezeit. Ich habe viel gelesen, viele Analysen gemacht, natürlich auch bei Beethoven. Ich habe profitiert von der Zeit, auf meinen Instrumenten zu spielen, also Bratsche und Klavier. Und so konnte ich mich mit vielen Fragen beschäftigen, die dabei aufgetaucht sind und die Interpretation natürlich beeinflussen. Letzthin haben wie die Fünfte von Beethoven gemacht, und da standen diese Fragen kristallklar in meinem Kopf. Aber wir alle - Interpreten genauso wie Publikum, wissen, dass es keine endgültigen Antworten gibt. Deshalb gehen wir zum 50. oder 100. Mal in ein Konzert mit Beethovens Fünfter, weil wir als Publikum überzeugt sind, dass es die Möglichkeit gibt, dass wir etwas neu hören in der Partitur, die wir eigentlich so gut kennen. Dadurch, dass ich die Zeit hatte, mir die ganzen Fragen zu stellen und in Impulse umzusetzen, hat sich Corona ausgewirkt - aber das könnte auch ohne Virus funktionieren.

Wie sind Sie wieder eingetaucht in die Orchesterarbeit? Denn da gab und gibt es ja doch strenge und ziemlich behindernde Hygienevorschriften.

Das ist richtig. Mit Abstand kann man nicht normal üben mit unserem Orchester - wir müssen in kleinen Gruppen üben. Das heißt, dass ich viel engere und intimere Kontakte mit meinen Kollegen im Orchester habe. Die waren alle so begeistert, dass alles viel persönlicher, wie eine große Form von Kammermusik war. Viele Kollegen sind zu mir gekommen und haben gesagt: Das ist so wichtig, weil man das Gefühl hat, wir können direkt sprechen und ganz anders, als wenn ich auf die 2. Geige 6. Pult deute. Diese intime, persönliche Bindung braucht Musik, und da haben wir von der Pandemie profitiert in den letzten sechs Monaten. Ich glaube, dass jetzt, wenn langsam die Öffnungsphase kommt, dieses Gefühl bleibt. Man spürt in der Zusammenarbeit der Musiker mit mir eine andere Definition von "belebend" oder "Freude" oder "Energie" - es ist wirklich ein anderer sehr positiver Rahmen. Ich komme nach Bad Kissingen mit dem DSO. Und ich kann sagen: Die letzten vier Proben waren nur Freude. Hoffentlich wird das Publikum unsere Musik lieben. Sicher fühlen sie diese Freude.

Sie dirigieren am Sonntag ein Konzert zweimal. Mal nicht ganz ernsthaft gefragt: In welches der beiden sollte man gehen? Klingen die beide gleich?

Es ist immer unmöglich, zwei Konzerte vollkommen gleich zu spielen. Oder anders gesagt: ein Live-Konzert ist immer anders als ein aufgenommenes Konzert, denn, wie wir schon gesagt haben: Ein Konzert ist ein Fall von Live-Kommunikation zwischen Publikum, Komponist und Interpret. Jedes Konzert hat ein anderes Publikum, also ist die Kommunikation anders. Da wird auch das Konzert ein anderes sein.

Am Sonntag treffen sie vielleicht auf einen alten Bekannten aus Berlin, mit dem sie lange zusammengearbeitet haben: auf Alexander Steinbeis. Er übernimmt für 2022 die Intendanz des Kissinger Sommers.

Ja, herzlichen Glückwunsch! Ich habe viele "admiration" für ihn.

Haben die Kissinger da eine gute Wahl getroffen?

Ich bin nicht so arrogant zu sagen, was das Beste für Bad Kissingen ist. Aber ich weiß, dass Alexander Steinbeis einer aus einer ganz kleinen Elitegruppe ist, die die Wissenschaft um die Musik mit menschlicher Sensibilität und ganz klarer budgetärer Kompetenz verbindet. Sehr oft hat man einen großartigen Musiker oder Musikwissenschaftler, der aber keine Ahnung hat, wie ein Budget funktioniert. Oder man hat einen wunderbaren Geschäftsführer, der keine Ahnung von der Musik und ihrer Wirkung hat. Ich weiß nur von den 20 Jahren Kontakt mit Alexander Steinbeis, dass er sehr erfolgreich in allen drei Aspekten ist. Also ich sehe für Alexander Steinbeis und für Bad Kissingen ein großes Potenzial für etwas sehr Interessantes in den nächsten Jahren.

Haben Sie vielleicht dieses Mal ein bisschen Zeit für Bad Kissingen, oder müssen Sie gleich wieder weg?

Ich komme das erste Mal einen Tag früher ganz frei. Ich habe niemals Zeit gehabt - jedes Mal, wenn ich nach Bad Kissingen gekommen bin, war das meistens im Laufe einer Tournee. Aber dieses Mal habe ich den richtigen Luxus, einen Tag zu haben, um abschalten zu können, und zum ersten Mal habe ich auch vor, ein Bad zu nehme. Ich habe nie die Zeit gehabt, die Bäder von Bad Kissingen zu besuchen und in ein Bad zu steigen. Ich freue mich sehr.

Das Gespräch führte Thomas Ahnert