Damals hat die Plattenfirma Ariola, bestimmt kein kleiner Name auf dem deutschen Schallplattenmarkt, abgewinkt, als Johannes R. Köhler ihr seine erste Musikproduktion zur Veröffentlichung und Vermarktung anbot: Die Musik lasse sich nicht verkaufen, weil ihr die nötige Aggressivität fehle, war die Begründung. Das ist heute 30 Jahre her. Das Label Ariola gibt es nicht mehr - es ist vom Sony-Konzern geschluckt worden. Aber Köhlers "Musik zum Streicheln" ist gegen alle Unkenrufe zu einer andauernden Erfolgsgeschichte geworden - und zu einem eigenen Markenzeichen.
Die Voraussetzungen waren allerdings auch günstig. Denn Johannes R. Köhler, Jahrgang 1933, war durch seinen Vater schon in jüngsten Jahren mit Musik in Berührung gekommen. Das Akkordeon wurde zu seinem Instrument. Nach dem Krieg, in Wildflecken, war er der Liebling der Amerikaner. Immerhin gab es dort auch genug zu essen.
Mit 18 spielte er in einer Hillbilly-Band in Frankfurt."Daneben waren wir, vier junge Kerle, die erste ,Boy-Group' von Garitz."
Als Köhler - damals im Ballingbasar, in den Teppichhandel einstieg, wurde es ruhiger: "Ich saß da und habe Teppiche repariert. Und dreimal in der Woche im Kurgartencafé gespielt: Ich hatte damals so eine Art Midlifecrisis. Ich hatte zunehmend den Wunsch, mehr zu sein als ein armer Musiker." Und er zog die Konsequenz: "Mit 38 Jahren schrieb er sich an der Würzburger Musikhochschule für ein Vollstudium der Musikwissenschaften ein, das er nach sechs Jahren mit dem Staatsexamen abschloss. Der Komponist Johannes r. Köhler konnte seine Arbeit aufnehmen - die ersten Jahre noch parallele zum Teppichgeschäft: "Meinen letzten Teppich habe ich am 8. Januar 1991 verkauft."

Auslöser war der Tod des Hundes


Dabei hatte die erste Schallplatte 1982 einen traurigen Anlass: Köhlers Berner Sennenhund Amelie war gestorben, und die Melodie, in die er am Klavier seine Trauer fasste, wurde zur Basis des ersten Stückes: "Tränen für Amelie" eröffnet die erste Platte mit dem Titel "Gefühle, der zwölf weitere folgten: "Zärtlichkeit", "Träumereien", "Momente", "Seelentau", "Geborgenheit", "Erinnerungen", "Innigkeit" oder "Behutsamkeit", "Zufriedenheit" heißen sie. Köhler hat sie alle selbst als Dirigent mit den Münchner Symphonikern, dem ehemaligen Sinfonieorchester Kurt Graunke, eingespielt. Gemeinsam haben sie einen weichen, streichergeprägten Klang und das Fehlen von prägnanten Rhythmen. Die Schlagzahl liegt zwischen 66 und 74 pro Minute, also im Bereich des normalen menschlichen Pulsschlages.
Woher dieser Kompositionsstil kommt? "Vielleicht ist es die unverarbeitete Kindheit. Wir waren doch Kriegskinder. Die Seele war scheintot und hat sich jetzt wieder gemeldet." Aber genau dieser Stil hat den Erfolg gebracht. Denn Köhler zielt nicht auf den aktiven Zuhörer, sondern auf den, der die Musik auf sein Unterbewusstsein wirken lässt und der dadurch zur Ruhe kommt: "Wenn jemand bei meiner Musik einschläft, ist das eigentlich ein Kompliment." Diese Sicht kann er auf dicke Ordner stützen, in denen er Briefe gesammelt hat, die dankbare Kunden geschickt haben.

Einsatz in der Medizin


Es ist nicht erstaunlich, dass diese Art von Musik seit einigen Jahren auch in der medizinischen Forschung Anwendung findet, etwa bei der Behandlung von Tinnitus, chronischer Schlaflosigkeit oder Burnout-Syndromen. Dafür hat er auch eine eigene "Medizinische Sonderausgabe - beruhigend" herausgebracht. Und es erstaunt nicht, dass die Arrangements alter Volkslieder bei Demenzpatienten eingesetzt werden, weil deren Langzeitgedächtnis noch am besten funktioniert.

Sogar weit hinten in der Türkei


Köhler hat keine wichtige Messe ausgelassen, um seine Platten bekannt zu machen. So hat er fast alle Bundespräsidenten und Promis aller Couleur kennen gelernt. Und er hat von einer Frau die Anregung bekommen, vom Erlös jeder Platte einen Teil für soziale Zwecke zu spenden. Fast eine Million Euro sind so zusammengekommen - und das Bundesverdienstkreuz.
Durch das Absterben der Kur haben sich die Schwerpunkte verändert. Über den Ladentisch gehen nicht mehr so viele Tonträger wie früher, aber das gleicht der Versandhandel mehr als aus. Mittlerweile sind es über eine Million verkaufte Tonträger, und zwar, wie Köhler nicht ohne Stolz betont, nur aus dem eigenen Betrieb heraus, ohne Zwischenhändler oder Kommission. "Vor allem die Schweizer haben meine Musik entdeckt, seit im Radio seit etwa eineinhalb Jahren die Scheibe "Seelentau" ständig im Programm ist. "Aber ich habe Kunden in der ganzen Welt." Einer von ihnen hat ihm erzählt, dass er die Musik in einer Teestube in der Osttürkei gehört hat.
Im Moment macht er eine schöpferische Pause, widmet sich mehr seiner zweiten Leidenschaft, dem Dichten. Aber er sammelt auch schon Material für eine 14. CD, die er noch herausbringen will:"Im nächsten Jahr werde ich 80."