Seit einem Jahr ist nichts mehr wie es war. Das Coronavirus, das Covid-19 verursacht, ist noch immer nicht unter Kontrolle. Nur die Impfung kann das Problem lösen, heißt es bei einem Gespräch unserer Zeitung mit Dr. Bernd Seese, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Pneumologie am Thoraxzentrum Bezirk Unterfranken und Dr. Rainer Haußmann, Chefarzt Anästhesie. Für sie hat sich in dem Jahr einiges verändert.

Als es im Februar/März letzten Jahres losgegangen ist, herrschte die Vorstellung, dass alles gut ist, wenn ein Patient die Krankheit überstanden hat, sagt Dr. Bernd Seese. "Aber weit gefehlt." Im Juni/ Juli kamen dann die ersten Patienten mit dem Post-Covid-Syndrom. Sie haben die akute Infektion überstanden, fühlen sich aber nicht gesund und fit. "Sie fühlen sich schlapp, sind mitten aus dem Leben gerissen." Solche Patienten brauchen auch ein strukturiertes Aufbautraining und eine psychologische Beratung, damit sie aus ihrer Talsohle herauskommen. Dabei handele es sich durchaus nicht nur um Hochbetagte. 40- und 50-Jährige kommen zur Reha in das Thoraxzentrum.

"Manche können kaum zwei Schritte laufen, sind ans Bett gefesselt", beschreibt der Chefarzt den Zustand der Patienten. Diese durchlaufen zunächst die Pneumologische Frührehabilitation im Thoraxzentrum. Dort werden sie dann fit gemacht für die normale Rehabilitation.

Noch etwas ist anders als vor einem Jahr: "Wir haben gelernt mit den schweren Verläufen anders umzugehen", so der Ärztliche Direktor. Am Anfang der Erkrankungswelle gab es Behandlungsempfehlungen, die eine möglichst rasche künstliche Beatmung über einen invasiven Beatmungszugang empfahlen. "Schwer Erkrankte sollten schnell künstlich beatmet werden, indem Sauerstoff über einen Schlauch in die Lunge gepumpt wird." Diese Vorstellung war auch getragen von dem Ziel, so weniger Viren im Umfeld der Patienten an Mitarbeiter zu verbreiten.

Diese Behandlung birge aber auch Risiken. "Als Lungenfachärzte sind wir seit Jahren mit alternativen Formen der Atemunterstützung vertraut, die mitunter nebenwirkungsärmer für die Patienten sind", so Bernd Seese. "Von Anfang an gingen wir daher den Weg, solange wie möglich ohne eine invasive Beatmungshilfe auszukommen. Dieses Konzept hat sich im Laufe des Jahres dann international durchgesetzt." Inzwischen werden die Patienten so lange wie möglich über eine High Flow Technik beatmet, das heißt, ein Druckluft-/ Sauerstoffgemisch wird mit hoher Flussgeschwindigkeit über die Nase zugeführt. Der Vorteil: Die Lunge ist während der Beatmung nicht so stark belastet, wodurch dauerhafte Einbußen der Lungenfunktion vermieden werden können und letztlich auch die Sterblichkeit gesenkt wird.

Was sagen die Chefärzte zu den Mutationen des Corona-Virus? "Das Problem können wir noch nicht richtig abschätzen", sagt Rainer Haußmann, Pandemiebeauftragter der Klinik, dazu. Drei große Fragen seien da zu beantworten. Haben die Mutationen Einfluss auf die Ansteckungsfähigkeit des Virus? Ändert sich der Krankheitsverlauf bzw. die Schwere der Erkrankung? Wirkt der Impfstoff auch bei den Mutationen? Untersuchungen aus England weisen auf eine deutlich erhöhte Übertragbarkeit hin. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Patienten öfter schwerer erkranken. "Aktuell kann man sicher davon ausgehen, dass eine Impfung auch bei den bisher aufgetretenen Mutationen vor schweren Krankheitsverläufen schützt", meint Rainer Hausmann. Über die Verbreitung der mutierten Viren könne man im Moment auch nichts Genaues sagen, weil bisher nur stichprobenartig auf die mutierten Formen getestet wurde. Mutationen seien auch nichts Ungewöhnliches, Grippeviren verändern sich ständig, sagt Bernd Seese dazu.

Manche Leute sagen, die Krankenhäuser hätten im Sommer das Personal aufstocken können, um für die 2. Welle noch besser gerüstet zu sein. Das ist nach Aussage der Chefärzte am Thoraxzentrum jedoch nicht so einfach umzusetzen. Es handele sich um hochqualifiziertes Personal, das nicht einfach zu bekommen sei, sagt Rainer Haußmann. Ein paar zusätzliche Beatmungsgeräte könne er sich hinstellen, meint Bernd Seese dazu. Qualifiziertes Personal aber sei bundesweit gefragt und ein Krankenhaus, bekommt eine Reservetruppe an Pflegekräften nicht einfach bereitgestellt und finanziert .

"Hier hat sich die überaus erfolgreiche Zusammenarbeit mit der orthopädischen Bezirksklinik in Werneck bewährt", so Bernd Seese." Im Rahmen der Covid-Pandemie konnten von dort Pflegekräfte für die Unterstützung unserer pneumologischen Frührehastation und zur Betreuung von Post-Covid-Patienten abgestellt werden." Das sei ein wesentlicher Beitrag zur Kooperation auf Bezirksebene in Krisenzeiten.

Und wann wird der Lockdown gelockert? Es wäre unseriös, da eine Prognose abzugeben, sagt Rainer Haußmann. Das hänge vor allem von der Impfung ab. Im Gegensatz beispielsweise zu Israel seien bei uns bisher nur sehr wenige Menschen geimpft. Da der Schutz durch die Impfung offensichtlich sehr hoch ist, sei man auf einem guten Weg. "Man sollte sich und andere schützen, so kann jeder dazu beitragen, dass der Lockdown so kurz wie möglich gehalten werden kann", betont Rainer Haußmann. Noch gebe es keine Informationen, wann genug Impfstoff zur Verfügung steht. "Impfung ist der einzige Weg zur Normalität zurückzukehren."

Aber auch dann wird uns Corona weiter begleiten, meint Bernd Seese. "Die Pocken wurden ausgemerzt, Covid wird uns noch eine unbestimmte Zeit begleiten."

Es gebe nur zwei Möglichkeiten, Krankheit in den Griff zu bekommen. Entweder durch eine unkontrollierte Immunisierung der Bevölkerung mit der entsprechenden Anzahl von Toten oder durch die kontrollierte, rasche Impfung. "Da ist der Staat gefordert", betont Bernd Seese.

"Ängste aus der Bevölkerung, dass das Klinikpersonal die Krankheit nach draußen tragen könnte, nehmen wir ernst". Aber: "Wir testen alle Patienten", sagt Rainer Haußmann. Bei positiven Patienten werden entsprechende Hygienevorkehrungen getroffen. Das Personal arbeitet gemäß dem Hygienekonzept des Thoraxzentrums mit persönlicher Schutzausrüstung und es werden regelmäßig Reihentestungen durchgeführt. "Es ist eher unwahrscheinlich, dass wir etwas nach draußen schleppen."