Wenn ein Mann 32 Jahre lang zuerst Kämmerer, dann Chef im Ordnungsamt und schließlich Leiter des Bauamtes der Stadt Münnerstadt war, dann ist er ein idealer Kandidat für's Erzählcafé im Seniorenzentrum Sankt Elisabeth. Zum Abschluss der Wintersaison konnte Baldur Kolb denn auch Wilhelm Schmitt begrüßen, der sich nicht nur als Rathaus-Beamter einen Namen gemacht hat.

Die Stadt suchte 1975 per Zeitungsanzeige einen jüngeren Beamten des gehobenen Verwaltungsdienstes für die Kämmerei. Wilhelm Schmitt bewarb sich, der Stadtrat entschied sich am 18. Februar für ihn. Bereits am 1. März bereits trat der damals 33-jährige Oberinspektor aus Sulzbach am Main seinen Dienst in der Kämmerei im Münnerstädter Rathaus an.


Parkuhren am Marktplatz

Wilhelm Schmitt erinnert sich noch gut an diese Zeit. Damals gab es Parkuhren am Marktplatz, die alte Brücke über die Lauer, den Sportplatz an der B19 in Richtung Bad Neustadt, das Freibad am Schwimmbadweg und öffentliche Waagen. Die Kleiderfabrik am Schindberg lief noch auf vollen Touren, auf dem Anger fanden Schweinemärkte statt. Die Arbeit wurde öfter durch amerikanische Panzer gestört, die durch die Stadt fuhren: "die Scheiben haben geklirrt, telefonieren war nicht möglich". Zum Arbeitsalltag gehörten damals auch das gerade geöffnete Hallenbad oder die Abrechnung neuer Erschließungsgebiete.

Seinerzeit war die Gebietsreform gerade drei Jahre vollzogen. "Das Zusammenwachsen macht gute Fortschritte", erinnert sich Wilhelm Schmitt, aber auch an eine Bürgerversammlung in Seubrigshausen, in der Plakate aufgehängt waren wie "Freiheit für Seubrigshausen" oder "Kernstadt hui, Stadtteile pfui". Wilhelm Schmitt dachte sich "wo bin ich da gelandet?"


Anzugsordnung im Stadtrat

"Damals, vor 40 Jahren, war im Stadtrat eine gewisse Anzugsordnung die Regel, zum Reden stand man auf", erinnert sich Schmitt. Nach den Sitzungen gingen alle zur Nachsitzung in eine der örtlichen Gaststätten. Dort wurde dann richtig Politik gemacht. Im Kegelclub der Stadtverwaltung, dem mit wenigen Ausnahmen alle Kolleginnen und Kollegen angehörten, lernte Wilhelm Schmitt eine Sparkassenangestellte näher kennen. Als seine Schwester mit zwei Töchtern bei ihm auf Besuch war, wurde seiner Schwiegermutter in spe gleich zugetragen "Frau Dotterwich, passense auf, der ist verheiratet und hat zwei Kinder!" 1978 wurde trotzdem geheiratet.
Ganz genau erinnert sich Wilhelm Schmitt an den schon legendären 11. November 1989. Nach der Grenzöffnung erreichte eine größere Kolonne von Trabis die Stadt. Kämmerer Wilhelm Schmitt hatte die Aufgabe, den Besuchern ihr Begrüßungsgeld in Höhe von jeweils 100 DM auszubezahlen. Es war Samstag, das Rathaus eigentlich geschlossen und die Banken sowieso. Schmitt besorgte dank guter Drähte zur Raiba zuerst 25 000 DM, die aber nicht reichten. Es kam zu vielen persönlichen Gesprächen, ein Besucher zog eine Flasche Kräuterlikör aus der Tasche und sie tranken zusammen ein Schluck. "Dieser Tag war das nachhaltigste Erlebnis in meinem Berufsleben überhaupt" erinnert sich Schmitt.


Keine "Hau-ruck-Hochzeiten"

Am 1. April 1996 wechselten auf Anweisung von Bürgermeister Betzer drei Amtsleiter ihren Arbeitsplatz. Nach 21 Jahren als Kämmerer war Wilhelm Schmitt nun Leiter des Ordnungsamtes und auch Standesbeamter - "keine einfache Situation". Es sei ihm wichtig gewesen, bei der Trauung auf die Brautleute und ihre Lebensgeschichte einzugehen, schilderte Schmitt, "Hau-ruck-Hochzeiten, wie in den Großstädten, 20 Minuten fertig, waren nicht mein Ding".

1998 übernahm Wilhelm Schmitt die Leitung des Bauamtes. Hier waren die Altstadtsanierung, die Gestaltungssatzung, die Fortschreibung des Flächennutzungsplanes und mehrerer Bebauungspläne Dauerthemen.
Ab 1996 ging es auch um die Sanierung und Erneuerung der städtischen Wasserversorgung mit Gesamtkosten von rund zwölf Millionen Euro und um die Sanierung der Abwasseranlagen, die 13 Millionen € kostete. Die Bevölkerung entschied sich mehrheitlich, die dadurch entstandenen hohen Schulden über Wasser- und Abwassergebühren ab zu bezahlen.


2007 in den Ruhestand

"Ich bin da heute noch anderer Meinung, hätte die Stadt die Beitragsfinanzierung gewählt, während die Investitionen in Wasser und Kanal bezahlt", so dazu Schmitt. Ende 2006 beendete er seinen Dienst, feierte anschließend Überstunden und Urlaub ab und ging zum 31. März 2007 in Pension.
Die Tätigkeit als Amtsleiter im Rathaus ist nur eine Facette im Leben des Wilhelm Schmitt. Bei der Städtepartnerschaft mit Stenay war er von Anfang an mit dabei, beim Heimatsspiel macht er seit vielen Jahren mit, im Verein Bürgerbad ist der Beisitzer im Vorstand, in der Bürgergenossenschaft im Aufsichtsrat, er gehört dem Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde an. Damit hat sich die Frage, ob die Integration des Zugereisten gelungen ist, fast schon erledigt.


Elferrat der Kolpingsfamilie

Nur eines fehlt noch: sein Wirken als Organisator des Elferrates der Kolpingsfamilie: 1988 ging er als Parkwächter in die Bütt, anschließend bis heute als "Mürschter Nagel mit Kopf". Franz Beck ging seinerzeit auf ihn zu, ob er nicht den politischen Part in der Bütt übernehmen könnte. Das tat er dieses Jahr zum 27. Mal. Seine Büttenreden sind bei den Zuhörern beliebt und bei Lokalpolitikern manchmal gefürchtet.