Wenn man von Demonstrationen spricht, dann verbindet jeder das mittlerweile mit Pfeifen, Trommeln und Menschen, die Parolen rufen und mit Plakaten durch die Straßen von Bad Neustadt oder Bad Königshofen ziehen. Ganz anders die "stille Demonstration" des Sozialverbandes VdK Bayern in beiden Städten, aber auch schon in Mellrichstadt, sagt Dieter Wirsing, stellvertretender Vorsitzender im VdK-Kreisverband Rhön-Grabfeld.

Nachdem die "stille Demonstration" auch beim Stadtfest in Mellrichstadt gut ankam, hat er am Montagvormittag am Bad Neustädter Marktplatz an die 40 Schilder mit verschiedenen Texten mit seiner Tochter aufgestellt und stand auch für Gespräche zur Verfügung. Die kamen denn auch recht schnell zustande. "Ich habe Angst vor der Zukunft ... Angst vor dem Winter, dass meine Wohnung kalt bleibt ... oder ich kein warmes Wasser zum Waschen habe ... denkt überhaupt jemand an uns?"

Fragen von Passanten, die mit Dieter Wirsing ins Gespräch kommen und immer wieder betonen, dass das, was auf den Schildern zu lesen ist, genau das Problem trifft. "Aber wer hört uns schon?", meint eine ältere Dame resignierend. "Genau das will unsere Kampagne", sagt Dieter Wirsing und erwähnt in diesem Zusammenhang die häusliche Pflege. Hier habe man das Limit längst erreicht. Ein Drittel der pflegenden Angehörigen ist überfordert, sagt er und fügt an, dass die Demo mit den 40 Plakaten deutlich macht, dass Menschen, die Angehörige pflegen, keine Zeit haben, auf die Straße zu gehen, um lautstark auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Deshalb wurden die Wünsche, Sorgen und Forderungen bei Betroffenen dargestellt. Zu lesen sind Zitate, die von Pflegenden Angehörigen an den Sozialverband VdK geschickt wurden. Hauptthema: Nächstenpflege braucht Kraft und Unterstützung.

Thema "Heizung im Winter zurückdrehen"

Dieter Wirsing weiß selbst, wovon er spricht, denn er pflegt seit vielen Jahren seine Frau zu Hause, die schwer behindert ist. Sofort kommt man auf das Thema "Heizung im Winter zurückdrehen". Das sei unverständlich, fügt ein Passant an, denn gerade diese schwachen Menschen bräuchten die Wärme. Deshalb hätten viele hätten Angst vor der Zukunft und würden sich immer wieder die Frage stellen, wie das bezahlt werden soll. Immerhin werden 80 Prozent der Menschen zu Hause gepflegt, und oftmals gehen Angehörige, trotz ihres Alters, auf die Arbeit, um das finanzieren zu können, erklärt Dieter Wirsing. "Wo sind wir eigentlich angekommen in Deutschland, und wie soll das weitergehen", werfen Umstehende ein. Es sei ja nicht mehr so wie vor Jahren, dass es Großfamilien gibt, wo mehrere Generationen "unter einem Dach lebten, die Frau zu Hause ist, und der Mann auf die Arbeit geht".

Überlastete Angehörige

Ein Bad Neustädter weiß von einem Fall, bei dem die Mutter plötzlich zum Pflegefall wurde und die Tochter nun auf der Suche nach einer Möglichkeit ist, diese neben ihrer Arbeit noch zu pflegen. "Einfach schlimm!" Die Mitarbeiterin einer Pflegestation kennt solche Vorfälle aus ihrer Arbeit. "Wenn wir nicht kommen würden, wie sollen die Angehörigen das schaffen." Pflege sei deshalb wichtig und müsse auch bezahlbar sein. Eine Dame, die dazu kommt, weiß von einem Fall, bei dem die Schwiegermutter krank wurde und sie selbst dann die Arbeitsstelle aufgeben musste, um diese zu Hause zu pflegen. "Gerade die ältere Generation versteht es nicht, dass sie alleine gelassen werden und sie sich finanziell eine Pflege nicht leisten können. "Die Reichen können sich das leisten, aber wo bleiben wir?"

Demo sofort genehmigt

Zur stillen Demo, die bayernweit angelaufen ist, weiß Lydia Vorndran, Geschäftsführerin des VdK Kreisverbandes Rhön-Grabfeld, dass insgesamt mehrere hundert Schilder zur Verfügung stehen. Dank galt der Stadt Bad Neustadt und hier dem Verantwortlichen im Ordnungsamt, der die "stille Demo" sofort genehmigte.

Mit mehr als 750.000 Mitgliedern ist der VdK der größte Interessenvertreter für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen in Bayern. Der VdK setzt sich sowohl im Freistaat als auch im Bund seit langem für bessere Rahmenbedingungen in der häuslichen Pflege ein. Außerdem bietet der Sozialverband seinen Mitgliedern sozialrechtliche Beratung zum Thema Nächstenpflege.