Sie hat alles verändert. Die Gebietsreform in Bayern, die am 1. Januar 1972 umgesetzt wurde, gehört zu den einschneidendsten Veränderungen im letzten Jahrhundert. Gemeinden, die immer ihre Selbstständigkeit bewahrt hatten, gaben sie nun auf. Andere gründeten Verwaltungsgemeinschaften. Und kleine Städte wie Münnerstadt waren plötzlich Großstädte, zumindest was die Fläche angeht. Denn flächenmäßig ist Münnerstadt seither größer als Würzburg.

Bis am 2. Dezember 1971 die Bürgermeister der Stadt und die zehn Bürgermeister der umliegenden Gemeinden die Eingemeindungsverträge unterzeichneten, war es ein langer Weg. Aber immerhin schafften die Stadt und die Gemeinden es noch in der Freiwilligkeitsphase. Burglauer und Strahlungen kamen nicht wie erwartet nach Münnerstadt, wechselten Jahre später sogar den Landkreis.

Alles genau geregelt

Die erste Gemeinde, die nach Münnerstadt kam, war Windheim. Unter der Überschrift "Münnerstadt und Windheim als kommunale Einheit" war am 10. Februar 1971 in der Zeitung zu lesen, dass die Einleitung des vorbereitenden Verfahrens bereits im Windheimer Gemeinderat und im Münnerstädter Stadtrat beschlossen war. Die Initiative hatten die Windheimer ergriffen. Freiwillige Gemeindezusammenschlüsse wurden damals finanziell gefördert. 185 819 Mark gab es an zusätzlichen Schlüsselzuweisungen. Die Windheimer wussten ganz genau, was sie von den staatlichen Finanzleistungen wollten: eine Ortskanalisation, den Ausbau der Ortsdurchfahrt und eine Leichenhalle. So ist es im Eingemeindungsvertrag, der am 2. Dezember 1971 unterschrieben wurde, auch festgehalten. Es sollte ein wenig anders kommen.

Gemeindestempel noch vorhanden

Es ist alles noch vorhanden. Klaus Schebler (Neue Wege), der heutige Ortsreferent von Windheim, zeigt den alten Gemeindestempel. "Gemeindeverwaltung - 8731 Windheim - Post Haard" ist darauf zu lesen. Weil Windheim postalisch zu Haard gehörte, habe man sich auch zunächst in Richtung Haard und Nüdlingen orientiert, sagt er. "Das hat sich aber ganz schnell zerschlagen." Dann sei die Gemeinde zweigleisig gefahren, habe gleichzeitig Verhandlungen mit Bad Bocklet und Münnerstadt aufgenommen. Das Ergebnis: "Bad Bocklet hat das gleiche versprochen wie Münnerstadt, mit Ausnahme der Leichenhalle", sagt Klaus Schebler. So war die es, die den Ausschlag gegeben hat, dass sich die Windheimer politisch zur Lauer orientierten und nicht zur viel näher gelegene Saale. Die Windheimer seien schlaue Bauern, meint Klaus Schebler. Aber es sei ja durchaus lobenswert, dass sie das Beste für ihre Gemeinde herausschlagen wollten. Allerdings: Auf die Leichenhalle warten sie noch heute.

Sie wird wohl auch nicht mehr kommen. Ortsreferent Gregor Beck hatte kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Stadtrat im Jahr 2002 das Thema noch einmal ins Gremium gebracht, damit der Vertrag endlich erfüllt wird und Windheim eine Leichenhalle oder wenigstens eine Aussegnungshalle bekommt. Aber der Stadtrat entschied sich dagegen. Angesichts der geringen Zahl von Sterbefällen erschienen den Kommunalpolitikern der Aufwand die Kosten zu hoch.

Damals habe es immer geheißen, dass Windheim kein Geld mit nach Münnerstadt gebracht habe, sagt Klaus Schebler. In der Kasse sollen damals aber 40 000 Mark gewesen sein, hat er herausgefunden. Die habe Windheim mit in die Vereinigung gebracht. Allerdings: Belege gibt es dafür nicht.

Alles ist im Eingemeindungsvertrag geregelt worden. Der war übrigens ein Vordruck, "Windheim" ist an den passenden Stellen eingefügt worden. Manchmal gibt es aber auch zusätzlich eingetragene Optionen, wie bei der Ortsdurchfahrt, der Kanalisation und der Leichenhalle. Bei der Förderung des örtlichen Brauchtums gibt es ebenfalls einen Zusatzpassus: "Den örtlichen Vereinen ist der Lehrsaal in der Schule unentgeltlich als Probe- und Vereinsraum zur Verfügung zu stellen, sofern dieser für gewerbliche oder öffentliche Zwecke nicht benötigt wird."

Zuerst noch Sprechzeiten im Dorf

Eine ganze Weile habe der jeweilige Ortsreferent noch Sprechzeiten im alten Lehrerhaus neben der Schule gehabt. Dort konnten die Windheimer auch noch Behördengänge erledigen, beispielsweise einen Ausweis beantragen, sagt der Ortsreferent. Aber das ist mittlerweile alles Geschichte.

Andere Relikte sind geblieben, wie die Glocke. "Damit ist der Ortssprecher früher durch das Dorf gelaufen und hat Neuigkeiten ausgeschellt." Heute nimmt Klaus Schebler sie noch mit auf Bürgerversammlungen, um im Notfall mit Hilfe der Glocke zur Ordnung zu rufen. Aber das sei schon lange nicht mehr nötig gewesen. Der alte Spieß (Waffe), der wöchentlich von Haus zu Haus weitergereicht wird, ist auch noch geblieben. Wer den Spieß gerade hatte, ging damit durch das Dorf und bewachte die Häuser wenn alle am Sonntag in der Kirche waren. Heute versammeln sich die Bewohner nach dem Gottesdienst, um Neuigkeiten zu erfahren, wenn es welche gibt.

Vor 50 Jahren hat Windheim als erste von später zehn Stadtteilen den Vorstoß gemacht, nach Münnerstadt zu gehen. Die Bayerische Staatsregierung wollte übrigens nur zustimmen, wenn auch Reichenbach oder Burghausen nach Münnerstadt gehen. Enklaven wollte man damals nicht. Am Ende waren Reichenbach und Burghausen mit von der Partie.