Es war eine Aufführung, die so recht angetan war, das Theaterring-Publikum aus der Kulturbrache der langen Corona-Monate herauszuführen. Zum einen konnte sich endlich wieder eine große Zahl von Theaterfreunden im Kurtheater versammeln. Zum anderen bot ihnen die seit Jahrzehnten in Bad Kissingen gefeierte Truppe des Euro-Studio Landgraf mit ihrer Version von Peter Shaffers Erfolgsstück "Amadeus" auch ein rundum stimmiges, spannendes Theatererlebnis, das sich durchaus mit der berühmten Filmfassung von Milos Forman messen konnte.

Rollen ausgezeichnet besetzt

Nicht nur waren alle Rollen ausgezeichnet besetzt, auch Ausstatterin Barbara Krott vermochte auf der kleinen Bühne zu zaubern: mit wunderbaren Kostümen aus der Mozartzeit samt albern wirkenden Hochfrisuren und mit einer liebevoll ständig verwandelten kleinen Bühne im Hintergrund der großen, auf der kaiserliche Auftritte ebenso wie angedeutete Aufführungen stattfinden konnten. Im Vordergrund rechts ein kleiner Flügel, links der große Ohrensessel, in dem sich Salieri verbergen und spionieren kann. Umbauten wie die Verwandlung von Mozarts Arbeitstisch in sein Totenbett und den Armensarg waren, wie die gesamte Handlung, großartig eingetaktet, hielten die Sehlust des Publikums ständig aktiv. Die zahlreichen Einspielungen von Mozarts Musik erfolgten punktgenau, und durch eine gut austarierte Technik für Salieri ließen sich dessen Kommentare gut verstehen, auch wenn die Musik mal laut wurde. Regisseur Udo Schürmer ließ mit einer genauen, oft humorvollen Personenregie nicht nur die neun Hauptakteure zu runden Charakteren werden, sondern schaffte es auch, die sechs Nebenrollen, darunter nicht nur Salieris Bedienstete sowie auch die Primadonna Katharina Cavalieri mit Britta Werksnis oder die zwei behenden Lauscher, Zuträger Salieris, die Venticelli, mit Nikolaij Janocha und Gideon Rapp absolut plausibel zu besetzen. Der Kaiser und sein Hofstaat sind ganz in Outfits des 18. Jahrhunderts gekleidet. In seinem Auftreten betont Dirk Waanders als Freimaurer Baron Gottfried von Swieten in kostbarem Schwarz die Ernsthaftigkeit des am Kaiserhof so einflussreichen Ordens. Als wirkliche Karikaturen von Hofschranzen erscheinen der baumlange Graf Johann Kilian von Strack mit schwarzem Anzug, Schärpe und Fistelstimme und Graf Franz Orsini-Rosenberg als das ebenso wohlbeleibte Beinahe-Double des Kaisers mit seinem Brokatmantel und der lächerlichen Hochfrisur. Diese merkwürdigen Figuren entscheiden in ihrer Beschränktheit und Selbstherrlichkeit über Mozart und lassen sich bereitwillig von Salieri zum Werkzeug für dessen Vernichtung machen. Den Kaiser Joseph II. von Österreich gab Martin König als mächtigen Simpel, körperlich und geistig aufgeblasen und völlig unfähig, das Genie zu erkennen.

Mitten in diesem Panoptikum völlig empathieunfähiger Selbstdarsteller erscheinen sowohl die beiden Mozarts als auch Salieri als Außenseiter. Kristin Hansen ist als Konstanze Mozart das naive junge Mädchen aus dem Volk, das aber ahnt, dass ihr Wolfgang etwas Besonderes ist. So vermittelt sie im Laufe der Handlung durchaus, dass sie Mozart eine absolut liebevolle Gattin ist und nur durch Salieris Erpressung zu ihrem Beinahe-Seitensprung gebracht wird. Die beiden Hauptdarsteller, Kontrahenten, Kollegen Mozart und Salieri sind denkbar unterschiedlich. Mozart ist der kindliche Spieler, der sein Talent zwar erkennt und zum Ärger seiner Konkurrenten auch hinausposaunt, der aber nicht rational umgehen kann mit seinen Fähigkeiten. So wird er zum Opfer des ihm Unterlegenen, zum Spielball von Salieris Neid und Missgunst. Marcus Abdel-Messih ist eine Idealbesetzung für die Rolle und spielte die vielen Facetten Mozarts, seine selbstverständliche Genialität wie auch seine Infantilität und Dummheit in Sachen Menschenkenntnis sowie seine Gebrochenheit am Ende ungeheuer überzeugend. Wolfgang Seidenberg zeigte mit großer Differenziertheit, wie sehr Salieri Mozarts Fähigkeiten aus Liebe zur Musik schätzt, wie sehr ihn aber auch sein Neid zu rigorosem, absolut mitleidlosem Umgang mit dem von ihm durchaus als naiv und manipulierbar erkannten jungen Kollegen treibt. Seine Enttäuschung darüber, dass Gott ihm nicht gibt, was er ihm mit seinem "gottgefälligen" Leben abzutrotzen versucht, aber auch seinen Wahnsinn am Ende aus Reue spielte Seidenberg eindrucksvoll, aber nicht effekthascherisch übertrieben wie im Spielfilm.

So hat die Truppe des Euro-Studio Landgraf wieder einmal ihr Kissinger Publikum zu überzeugen und am Ende völlig zu begeistern vermocht. Heftiger Beifall und wiederholtes rhythmisches Klatschen brachte sie ein ums andere Mal wieder auf die Bühne nach diesem umwerfenden Theaterabend.