Der frühere Präsident des Europaparlamentes, SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz besuchte gestern Bad Kissingen, um Wahlkampfhilfe für Landtagskandidat Norbert Schaub und Bezirkstagskandidat Tobias Schneider zu machen. Oberbürgermeister Kay Blankenburg und die Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar (alle SPD) führten ihn durch die Stadt vom Rathaus über den Marktplatz bis hin zum Kurpark und in die Wandelhalle. "Wir zeigen Dir Highlights, aber auch viele Baustellen" , erklärte Dittmar. Der Gast war begeistert von der Stadt, stellte viele Fragen und kam auch mit Bürgern ins Gespräch. Trotz des schlechten Wetters begleiteten ihn etwa zwei Dutzend SPD-Mitglieder bei seinem Rundgang durch die Stadt. Viele von ihnen betätigten sich als Rosen-Kavaliere und verteilten rote Rosen an die Damen. Mit dabei in unmittelbarer Nähe des Politikers waren stets einige junge Herren, die auffällig unauffällig gekleidet waren und sich auch so verhielten. Es waren Beamte des Bundeskriminalamtes, wie unter der Hand zu erfahren war. Ihr Fahrzeug mit neutralem Berliner Kennzeichen, Blaulicht auf dem Dach und Polizei-Kelle gut sichtbar im Wagen-Inneren, stand derweil im Innenhof des Rathauses. Unterwegs wurde Schulz von einer Frau angesprochen, die meinte, nach den Landtagswahlen bliebe doch alles beim Alten. "Wir geben nicht auf", munterte Schulz sie auf. Er erkundigte sich beim Oberbürgermeister nach einem Schild, das auf den "Tattersall" hinwies. "Der Name erinnert an Sir William Tattersall", klärte ihn Kay Blankenburg auf. Ein Bürger stellte ihm die Frage, ob es wirklich gut war, dass die SPD auf Bundesebene wieder eine Große Koalition einging. 80 Prozent der Gesetze müssten Europa-kompatibel sein, der Bundesrat sei bunt zusammengewürfelt. Das sei nur mit stabilen Koalitionen im Bundestag und nicht mit wechselnden Mehrheiten möglich, betonte er. Richtig humorvoll war seine Antwort auf die Frage eines Mannes nach dem Verhältnis zwischen CDU und CSU: "Wenn das Schwestern sind, möchte ich nicht zu Familienfeiern eingeladen werden." Es wurde auch auf die "schwierigen EU-Mitglieder" Ungarn und Polen angesprochen. "Bei den Polen habe ich Hoffnung, dort gibt es eine starke Opposition", sagte er. Die Lage in Ungarn sieht er pessimistischer: "Ich kenne Viktor Orban. Von den rechten Politikern ist er der radikalste. In Ungarn werden zum Beispiel die Medien gleichgeschaltet."

Natürlich musste er auch das Bad Kissinger Heilwasser versuchen. "Schmeckt eisenhaltig", stellte er nach einem Schluck Rakoczy-Wasser fest. Besonders beeindruckt war der Gast natürlich vom Regentenbau und vom Max-Littmann-Saal: "Das ist wirklich wunderschön", und wollte wissen "unterhält das die Stadt?" Der Oberbürgermeister darauf: "Gott sei Dank nicht." Auf der Bühne des Saals trat er ans Pult und trug das Gedicht "Besorgungen" von Eugen Roth vor - so fehlerfrei, als hätte er es extra für diesen Kurzauftritt auswendig gelernt.

Martin Schulz gilt als Liebhaber einer guten Bratwurst. Deshalb endete der Rundgang nach eineinhalb Stunden, eine halbe Stunde mehr als geplant, am Imbiss in der Mühlgasse. Dort stärkte sich der Bundestagsabgeordnete mit einer Bratwurst mit Pommes. Die beste Bratwurst hätte er bisher in Saarlouis gegessen, ließ er verlauten. Man darf gespannt sein, was er in Zukunft erzählt. "Ich zahle natürlich selber, ihr könnt den anderen die Bratwurst bezahlen", wehrte er ab, als jemand seine Rechnung übernehmen wollte. Nächste Station des Politikers war der künftige geografische Mittelpunkt Europas in Gadheim, einem Ortsteil von Veitshöchheim im Landkreis Würzburg. Dort hielt er eine Rede zur Zukunft der EU. Bislang liegt die geografische Mitte in der Gemeinde Westerngrund im Landkreis Aschaffenburg. Wenn Großbritannien die EU verlässt, wandert sie in Richtung Osten nach Gadheim, bleibt aber immerhin in Unterfranken.