Es dürfte wohl einzigartig in der KissingerSommer-Geschichte sein, dass plötzlich das Licht ausgeht, die Künstler im Dunkeln spielen und singen. So geschehen beim bemerkenswerten Konzert von Max Mutzke und Marialy Pacheco.

Nicht, dass das Vorspiel auch nur im Ansatz schlecht gewesen wäre, aber diese Zugabe war das Gefühlshighlight des Abends: Max Mutzke, der 40 Jahre alte und auf ewig junge Sänger, bat die Technik, das Licht zu löschen. "Im Dunkeln hört man besser." Das hätte es nicht gebraucht, war aber umwerfend stimmungsvoll, noch besser hätte keiner beim Duett zwischen ihm und der Pianistin Marialy Pacheco hinhören können. Was am Konzertraum lag, am Spiel der Kubanerin und an den Texten von Max Mutzke.

War das Duett eine gute Idee?

Berühmt geworden ist der durch Stefan Raab. Durch den 8. Platz beim Eurovision Songcontest 2004 hat er sich komplett in Deutschlands Herzen hineingebluest mit seinem "Can't wait until tonight". Viel ist seitdem im Leben des Jungen aus dem Schwarzwald passiert. Jazzkantine, Klaus Doldingers Passport, Wolfgang Haffner, Nils Landgren - Mutzke hat mit jungen und alten Größen des Jazz gesungen. Mutzke hat eine Stimme, die es locker mit der kompletten SWR Big Band aufnimmt - und wer sich davon schon mal überzeugt hat, der fragt sich, ob es eine gute Idee ist, dass er nur mit einer Pianistin auftritt. Doch, es ist eine hervorragende Idee. Und was da rausgekommen ist, ist seit 2017 zu hören und zu sehen, denn so lange schon sind die temperamentvolle Latina Pacheco und Mutzke als Duo zu hören.

Es sind seine Lieder, seine Texte, die da neu interpretiert werden, damit Pacheco in seelenvoll begleiten kann. Wenn "Welt hinter Glas" mit Bigband-Sound niemanden im Zuschauerraum auf dem Sitz halten würde, so swingt das bemerkenswert grauhaarige Publikum im Littmann-Saal bedächtig und begeistert kopfnickend mit, wenn Marialy Pacheco leise und zurückhaltend ihre Finger, die Tasten, ihr Herz und ihr Temperament um Mutzkes Zeilen wickelt.

Ach ja, der Saal! Hin und weg war das Duo, dass es hier auftreten durfte. "Ich hatte Angst, im Freien zu erfrieren", erzählt Mutzke, der keinerlei Scheu vor dem Publikum hat und es sogar zum lauten Mitsingen animierte. Das könnte auch an den Masken gelegen haben - darunter singt es sich freier. Der Dauerregen hat die Gäste in den Saal gezwungen, geplant war der Auftritt im Innenhof des Luitpoldbades. Und Marialy Pacheco kreischt voller Freude, dass sie bei ihrem zweiten Auftritt in Bad Kissingen endlich in den "großen Saal" durfte.

Intim im großen Saal

Die beiden gehören auf die große Bühne - und füllen sie mühelos aus, auch wenn die Musik eigentlich für einen intimen Rahmen gemacht ist. Auch wenn es ein leiser Abend ist, ist schon beim Intro von Marialy Pacheco klar, dass diese Frau die Glut befeuern könnte, wenn sie wollte. So aber blieb die Kubanerin im Hintergrund - schade eigentlich. Mit 18 Jahren hat sie in Kuba einen Jazz-Wettbewerb gewonnen. Bei einem Gastauftritt in Deutschland blieb sie - wissend, dass sie sich damit komplett von ihrer Heimat und ihrer Familie verabschieden muss. Denn es folgte ein zehnjähriges Einreiseverbot für Kuba als Strafe.

Kuba, das ist der Musikstil "So"n, das ist der "Buena Vista Social Club", jene legendäre CD, die Gitarrist Ry Cooder mit Altmeistern kubanischer Musik zusammengestellt hat. Einer der alten Herren war Sänger Ibrahim Ferrer. Und bei dessen Pianisten Roberto Fonseca produzierte Marialy Pacheco ihr Debutalbum. Im Juli 2012 hat sie als erste Frau den begehrten "Montreux Jazzfestival"-Award gewonnen.

Was die Zuschauer erlebten: Zwei Musiker, die sich in ihrer Ausdrucksweise in- und auswendig kennen, zwei, die unter einer Decke stecken. Einen Max Mutzke, der - wohl gefühlvoll wie nie - seine umfangreiche Stimme dazu einsetzte, Gänsehäute zu zaubern. Eine Pianistin, die ihren Sänger nie aus den Augen und den Ohren ließ, um mit dem Piano den Texten von Max Mutzke Grundlagen zu bieten.

Gab es etwas auszusetzen? Nichts, denn Mutzke gelang es doch noch, in den Versen nicht in den Kitsch abzurutschen. Manchmal ist er der Grenze gefährlich nah. Aber: Das macht nichts. Würde er englisch singen, käme es den meisten nur auf die Melodie an. Und die waren allesamt umwerfend.