Es ist dunkel da unten, und eng. Aufrecht stehen: Fehlanzeige. Bei einem Innendurchmesser der Kanalrohre von 1,40 Meter ist mehr als geducktes Gehen nicht drin. "Da darf man keinen Hexenschuss haben", scherzt Hans-Ulrich Hoßfeld vom Planungsbüro.

Fast alle der 27 Besucher des Tags der offenen Baustelle am Donnerstag Nachmittag trauten sich in die neue Kanalisation an der Amtsgerichtskreuzung. Mutig. Denn dazu mussten sie erstmal ganze sechs Meter nach unten. So tief liegt der neue Kanal unter der nördlichen Von-Hessing-Straße und einem Teil der Maxstraße. Das schreckte aber nur die wenigsten ab: Helm auf, gut festhalten, und schon waren sie mittendrin, in den Bad Kissinger Unterwelten. Übrigens bis auf drei Frauen ausschließlich Männer. 15 Meter ist der unterirdische Vortrieb des neuen Kanalstrangs bisher bereits voran gekommen. 15 Meter von insgesamt 215.
Die Bürger staunten nicht schlecht, das direkt vor Ort sehen zu können. Baff waren sie vor allem von dem Riesen-Bohrer. Er frisst sich durch den über 100 Jahre alten Kanal. Gleich hinter ihm werden die drei Meter langen Kanalstücke mit hydraulischen Pressen vorgeschoben.

"Pro Tag wollen wir zehn Meter schaffen", erklärte Hoßfeld den interessierten Bürgern. Bis Weihnachten soll der neue Kanalstrang die Zielgrube zwischen der Kupsch-Filiale und der katholischen Kirche erreicht haben. Den Termin hält Hoßfeld für realistisch, der lehmige Boden sei für den Vortrieb gut geeignet. In der Anfangsphase Mitte Oktober verliefen die Arbeiten wegen eines Grundwassereinbruchs aber zunächst noch schleppend. "Das Wasser stand ein Meter hoch, da mussten wir erstmal warten und die Technik trocken legen."
Die Zielgrube inklusive Suchschlitze für Archäologen soll nächste Woche ausgehoben werden. "Auf den Verkehr hat das aber keine neuen Auswirkungen", sagt Hoßfeld. Und der Verkehr war unter den Besuchern ohnehin großes Thema: "Warum habt ihr nicht einfach die ganze Von-Hessing-Straße gesperrt? Da kriegt doch eh keiner einen Parkplatz und die paar Schritte zur Sparkasse kann man auch mal laufen", war einer der Teilnehmer der Meinung.

"Hundert Verkehrszeichen wurden insgesamt aufgestellt. Manchen ist das immer noch zu wenig", erklärte Thomas Hornung, Leiter des Tiefbauamts, im Vorfeld der Baustellen-Besichtigung. Dass der Verkehr trotz der 3,5 Millionen teuren Kanalsanierung weiterlaufen kann, sieht er als großen Vorteil des unterirdischen Vortriebs. Außerdem sei die Bauzeit um 45 Wochen kürzer. "Dafür kostet es auch mehr", erwiderte ein weiterer Besucher. Hornung zufolge dürfe man aber den wirtschaftlichen Schaden nicht vergessen, der mit einer Stilllegung des Verkehrs einher gegangen wäre.

Bevor es in den Untergrund ging, zeigten Hoßfeld und Hornung in zwei Gruppen die Abwasserüberhebungen für die Sparkasse, Post und das Amtsgericht, die seit zwei Wochen fertig sind. Sole- und Sprudelleitungen des Staatsbads werden zur Zeit bis zur Zielgrube erneuert, nächstes Jahr weiter bis zum Feuerturm. Zwischen das Rathaus und dem Amtsgericht kommen bald neue Wasser- und Kabelleitungen der Stadtwerke. "Bis Weihnachten sollen in diesem Abschnitt die Straße und die Gehwege fertig sein. Vorausgesetzt es schneit nicht", sagt Hoßfeld. In der Maxstraße werden zudem Wasser-, Strom- und Mobilfunkleitungen komplett neu verlegt. "Wenn es dann mal an die Erneuerung der Fußgängerzone geht, muss man nicht nochmal aufmachen", betont der Ingenieur.

Am 6. September 2013 soll alles fertig sein. In den letzten zwei Monaten bewegt sich die Baustelle laut Hoßfeld nur noch in der östlichen Maxstraße. In vier Wochen soll es schon die nächste öffentliche Besichtigung geben.