In knapp drei Monaten ist Schluss: Dann geht das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld vom Netz. Trotzdem arbeitet die Regierung von Unterfranken derzeit an neuen Katastrophenschutz-Plänen für die Anlage. Klingt merkwürdig, allerdings löst sich das radioaktive Material ja mit der Abschaltung des Reaktors nicht in Luft auf, noch mindestens drei Jahre bleiben etwa die Kühl-Kreisläufe in Betrieb, erst dann können die Brennstäbe entnommen werden.
Zudem stehen Castor-Behälter im Zwischenlager neben dem Kernkraftwerk.
"Die neuen Empfehlungen der Strahlenschutz-Kommission gelten für alle Kernkraftwerke, die noch nicht mindestens drei Jahre still gelegt sind", betont Johannes Hardenacke, Sprecher der Regierung von Unterfranken. "Das heißt, dass wir das selbst dann umsetzen müssten, wenn das Kraftwerk schon zwei Jahre vom Netz wäre." Schließlich könne auch während des Rückbaus radioaktives Material entweichen.

Folgerung aus Fukushima

Wie bei allen Fragen zur Kernenergie war auch beim neuen Katastrophenschutz-Szenario die Reaktorkatastrophe von Fukushima der Ausgangspunkt. Die deutsche Strahlenschutz-Kommission legte bereits vor einem Jahr größere Notfallschutzzonen um alle deutschen Atomkraftwerke fest. Diese Vorgaben setzt das bayerische Innenministerium nun auch für Grafenrheinfeld um, obwohl es am 30. Mai abgeschaltet wird. "Auch wenn das Risiko abnimmt, ist es ja gut, dass man ein höheres Schutzniveau hat", lobt Hardenacke die Neuerung.
Um deutsche Kernkraftwerke gibt es drei Schutzzonen, die nun alle ausgeweitet werden: Die engste Zone ist die Zentralzone, aus der die Bevölkerung im Ernstfall innerhalb von sechs Stunden evakuiert werden kann. Ihr Radius wird von zwei auf fünf Kilometer erhöht.

Immer nur einzelne Sektoren

Die Mittelzone hatte bislang einen Radius von zehn Kilometern, dieser Abstand wird nun verdoppelt. Das bedeutet für Grafenrheinfeld, dass die Mittelzone auch die Landkreise Bad Kissingen und Haßberge tangiert: Im Landkreis Bad Kissingen liegen die Orte Ramsthal und Oerlenbach komplett in der neuen Mittelzone, Sulzthal, Eltingshausen, Rottershausen und Rannungen sind zum Teil betroffen.
Mittelzone bedeutet, dass sämtliche Einwohner bei einer schweren Havarie im Kraftwerk binnen 24 Stunden evakuiert werden können. Hardenacke schätzt, dass die Regierung von Unterfranken jetzt Pläne für rund 200 000 Menschen ausarbeiten muss, bislang seien es rund 120 000 gewesen. Der Pressesprecher stellt aber auch klar, dass nie alle Einwohner gleichzeitig evakuiert würden: Die Mittelzone ist in zwölf Sektoren eingeteilt, beginnend mit Sektor 1 im Norden, in dem auch Oerlenbach liegt, im Uhrzeigersinn bis Sektor 12 mit Ramsthal.
"Je nach Schwere des Unglücks und der Richtung, wohin der Wind radioaktive Elemente bläst", würden die Evakuierungspläne umgesetzt. Für kleinere Störfälle im Kernkraftwerk sei zunächst die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt Schweinfurt zuständig. "Bei überörtlicher Wirkung eines Vorfalls wird der Führungsstab Katastrophenschutz an der Regierung von Unterfranken aktiviert", erklärt Hardenacke.

Radius für Jodblockade bleibt

In den kommenden Wochen sollen nun die Detailpläne zur Evakuierung ausgearbeitet werden, dazu kommen die Katastrophenschutz-Beauftragten aller unterfränkischen Landratsämter am 10. März in Würzburg zusammen. Dabei gehe es etwa um den Transport der Menschen, falls sie sich nicht mit dem eigenen Auto auf den Weg machen. Komplett neu ist die Methode, nach der evakuiert wird. "Bislang stand für jeden Ort fest, wohin evakuiert wird", sagt Hardenacke über die Mittelzone. In Zukunft würden Verteilstelle eingerichtet, an denen die Menschen nach maximal 24 Stunden Auskunft erhalten, wo sie dauerhaft und in einem Abstand von mindestens 60 Kilometern zum Kernkraftwerk unterkommen. "Dafür ist jedes Landratsamt in ganz Bayern verpflichtet, ein Aufenthaltskontingent vorzuhalten."
Ausgeweitet wird auch die Außenzone, die bereits jetzt bis in den Landkreis Bad Kissingen reichte: Bislang in einem 25-Kilometer-, in Zukunft in einem 100-Kilometer-Radius, also bis nach Mittel- und Oberfranken, Hessen und Baden-Württemberg, sind unter anderem regelmäßige Messungen der radioaktiven Belastung vorgeschrieben. Keine Änderungen gibt es laut Hardenacke bei der so genannte Jodblockade: Durch die Gabe von Kaliumjodid soll sichergestellt werden, dass der Körper nicht das radioaktive Iod-Isotop 131 aufnimmt.
Im Keller des Landratsamtes lagern deshalb 388 800 Tabletten, die bei einem Notfall innerhalb von vier Stunden an die Bevölkerung im Süden des Landkreises ausgegeben würden. "Versorgt werden müssen alle Personen bis 45 Jahre im Umkreis von 25 Kilometern", berichtet Denny Heinsmann, der im Landratsamt für den Katastrophenschutz zuständig ist. Jenseits der 25 Kilometer sei die Jod-Versorgung nur für Unter-18-Jährige und Schwangere vorgeschrieben - und das auch erst bis spätestens zwölf Stunden nach dem Alarm. Heinsmann ist gespannt auf die neuen Katastrophenschutz-Pläne, allerdings ist er sich sicher, dass auch sie schnell stehen: "Wir sind auf alles vorbereitet, was theoretisch möglich ist, vom Erdbeben bis zum Reaktor-Unfall."

Keine neuen Brennelemente

Das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld geht leut E-on heute, Samstag, für den 33. und letzten Wechsel der Brennstäbe vom Netz. Allerdings werden bereits bestrahlte Brennelemente eingesetzt, weil eine Neu-Beschickung - auch wegen der Brennelemente-Steuer - unwirtschaftlich sei. Laut E-on wurden in Grafenrheinfeld im vergangenen Jahr 10,4 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt, das sei das zehntbeste Jahresergebnis seit der Inbetriebnahme des Kernkraftwerks im Jahr 1981.