Nach 700 Kilometern auf dem Fahrrad legten die 40 Teilnehmer der 8. Bäder- und Rehatour des baden-württembergischen Krebsverbandes einen zweistündigen Zwischenstopp in Nüdlingen ein. Grund war die Besichtigung der Lebenshilfe-Werkstatt, wo Mitradler Thomas Gensler (30) seinen täglichen Arbeitsplatz hat. Mit großem Jubel wurden er und seine Mitradler von den Werkstatt-Kollegen empfangen.
Gensler machte schon zum zweiten Mal bei der jährlichen "Radtour für Menschen mit und ohne Handicap" mit, die nach weiteren 200 Kilometern am Samstag, 5. September, an ihrem Startpunkt in Bad Rappenau nach neun Tagen endet.
Vor elf Jahren hatte der damals 19-Jährige einen fast tödlichen Verkehrsunfall. Nur sein jugendlicher Überlebenswille, die ärztliche Kunst "und später viel Sport" hatten ihm nach fünfwöchigem Koma und mehrmonatigem Aufenthalt in einer Rehaklinik ein neues, wenn auch anderes Leben zurückgegeben. Heute ist Radfahren sein ganzer Lebensinhalt - neben Freundin Julia und seiner Familie.
Seit drei Jahren arbeitet Gensler, der seit seinem Unfall zu hundert Prozent behindert ist und deshalb keinen geeigneten Job im ersten Arbeitsmarkt fand, an dem "interessantesten Arbeitsplatz in unserer Werkstatt". Deshalb war es für ihn auch der absolute Höhepunkt der Radtour, allen Mitradlern seine computergesteuerte CNC-Fräsmaschine zeigen zu können. "Ich bin megastolz", gab er lachend zu und erläuterte mit lockerem Mundwerk und humorvollen Seitenhieben seine anspruchsvolle Tätigkeit.
Die Donnerstag-Etappe von Korbach über Nüdlingen nach Bad Kissingen sei "ein richtiger Wellnesstag" gewesen, meinte Gensler. Am Vortag hätten die 40 Radler - davon sind etwa zwei Drittel Menschen mit Handicap, der Rest Ärzte und Verwaltungsleiter - immerhin 1000 Höhenmeter bewältigen müssen. Dies ist für Gensler mit seinem behindertengerechten Dreirad ungleich schwieriger als für die Zweiradfahrer. "Mein Rad wiegt 20 Kilo und hat mit seinen drei Rädern eine viel stärkere Reibung." Ein Rennrad wiegt dagegen gerade einmal sechs, ein Mountainbike vielleicht zwölf Kilogramm.
Am Nachmittag waren die Teilnehmer, die auf jeder Tagesetappe noch von einigen anderen Radlern begleitet werden, in der Nüdlinger Lebenshilfe-Werkstatt von deren Leiter Martin Denninger begrüßt worden. Nach Stärkung mit Kuchen und Kaffee stand eine Werkstatt-Besichtigung auf dem Programm. Seine Einrichtung für Behinderte arbeite zuwendungsorientiert und wohlwollend, erklärte Denninger den Gästen.
Tour-Initiator Hubert Seiter, Erster Direktor der DRV Baden-Württemberg und zugleich geschäftsführender Vorstand des veranstaltenden Krebsverbandes, dankte im Namen der Radler für den herzlichen Empfang und lobte die reibungslose Zusammenarbeit: "Ich habe nur zweimal telefoniert und schon war alles klar." Für ihn ist die neuntägige Radtour jedes Jahr erneut eine wichtige Erfahrung: Die Teilnehmer ohne Handicap lernen, ihren behinderten Mitradlern zu helfen, nur wo Hilfe wirklich gewollt ist. "Das ist eine hochsensible Angelegenheit", denn in der heutigen Gesellschaft hätten viele den richtigen Umgang mit Behinderten verlernt. "Auf dieser Tour müssen alle lernen, es eine ganze Woche miteinander auszuhalten." Das Vorhaben scheint geklappt zu haben: Die Stimmung unter allen Teilnehmern war hervorragend.
Bisher sei die Tour ruhig verlaufen, ohne besondere Höhepunkte, meinte Gensler auf Nachfrage. "Mein persönliches Highlight kommt erst noch." Denn ab dem nächsten Tag wollte seine Lebensgefährtin Julia, die ebenfalls in der Nüdlinger Werkstatt arbeitet, ihn auf der Radtour begleiten.


Weiterfahrt nach Bad Kissingen

Nach der Pause in Nüdlingen ging es weiter nach Bad Kissingen zur DRV-Rehaklinik am Kurgarten, Mitglied im baden-württembergischen DRV-Klinikverbund. Dort gab es dann vor der Klinik kühle Getränke und einen sportlich-leichten Imbiss, den sich die Radler, umringt von zahlreichen Ehrengästen wie Gundula Roßbach, Direktorin bei der Deutschen Rentenversicherung Bund, gern schmecken ließen. DRV-Präsident Axel Reimann war die ganze Woche mitgeradelt. Unbemerkt von allen führte derweil am Rand des Geschehens ein hilfreiches Mechaniker-Team kleinere Reparaturen an den Rädern aus.

Beeindruckt von der Leistung der Behinderten, war Oberbürgermeister Kay Blankenburg trotz seines Urlaubs persönlich zur Begrüßung gekommen. "Sie sind der beste Beweis, dass man auch nach Rückschlägen wieder zurück ins Leben finden kann", rief er den Radlern mit Handicap zu. Daran zeige sich auch, "dass Rehabilitation kein bezahlter Urlaub, sondern ein notwendiger Bestandteil unserer Gesellschaft ist." An die Chefs der Deutschen Rentenversicherung und ihrer fünf Bad Kissinger Kliniken gewandt, meinte der Oberbürgermeister: "Die Reha ist für Bad Kissingen wichtig. Aber Bad Kissingen ist auch für die Reha wichtig."

Stellvertretender Landrat Emil Müller dankte der Deutschen Rentenversicherung für "ihre Treue zum Standort" und drückte zugleich seine Bewunderung aus, "wie Behinderte sich über den Sport wieder ihren Platz in der Gesellschaft zurück erkämpfen". Kurdirektor Frank Oette verwies alle Sportler auf das Max-Wasser: "Das macht Sie wieder fit für die letzten 200 Kilometer." Am Samstag werden die Radler nach neun Tagen und 900 Kilometern wieder am Ausgangspunkt Bad Rappenau erwartet.