Trotz heftiger Regenschauer verfolgten etwa 50 Zuhörer am Freitagabend die zweistündige Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl auf dem Hammelburger Viehmarkt. Eingeladen hatte dazu der Kreisverband der Europa-Union. Dessen Bezirksvorsitzender Reinhard Schaupp schaffte es als Moderator, eine Vielfalt an Themen abzuarbeiten - von der nationalen Gesundheitspolitik über die Situation der Europäischen Union bis zu geopolitischen Fragen.

Eingeladen waren alle Direktkandidaten des Wahlkreises Bad Kissingen der im Bundestag vertretenen Parteien. Doch auf die Teilnahme der AfD hatte man bewusst verzichtet. "Wir scheuen nicht die politische Auseinandersetzung", betonte Schaupp zu Beginn der Veranstaltung. Man sei aber nicht bereit, darüber zu diskutieren, ob der Klimawandel von Menschen gemacht ist, sondern wie er bekämpft werden kann. "Heute geht es um eine die inhaltliche Diskussion." So blieb es bei Vertretern von vier Parteien.

Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) hatte frühzeitig abgesagt und sich durch den Bad Neustädter Apotheker und Listenkandidaten Christian Machon vertreten lassen, der aufgrund mangelnder politischer Erfahrung wohl den schwierigsten Part hatte. Die Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar (SPD) hatte zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn wegen anderer Verpflichtung absagen müssen. Für sie sprang spontan Hammelburgs Altbürgermeister Ernst Stross ein. Letztlich blieben als Wahlkreis-Kandidaten nur Manuela Rottmann (Bündnis 90/Die Grünen), die als Bundestagsabgeordnete dank langjähriger Erfahrung selbstbewusst ("Was ich hier sage, sage ich auch in Berlin.") und kenntnisreich die Fragen beantwortete, sowie FDP-Kandidat Karl Graf Stauffenberg, der ebenfalls sachorientiert zu antworten wusste.

Der CSU-Politiker hatte mitunter Schwierigkeiten, konkret zu antworten oder argumentativ standzuhalten. So erschöpfte sich die Antwort von Christian Machon auf die Frage, ob die Rolle Deutschlands als "Zahlmeister der EU" gerechtfertigt sei, in der Versicherung: "Wir stehen zu Europa. Deutschland profitiert vom Austausch mit den anderen Ländern." Rottmann gab dagegen zu bedenken, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft der EU zum Beispiel von Ärzten und Pflegern aus Osteuropa profitiert, während das Gesundheitssystem dieser Länder unter Druck käme, weshalb ein finanzieller Ausgleich nur rechtens sei. Stauffenberg (FDP) stimmte dem zu und erinnerte daran, dass Deutschland jahrzehntelang Exportweltmeister gewesen sei: "Wir haben auch viel verdient." Stross (SPD) gab zu bedenken, dass die wirtschaftlich Stärkeren die Schwächeren mitnehmen müssten: "Dass wir 70 Jahre keinen Krieg mehr untereinander geführt haben, ist dieses Geld schon wert."

Einigkeit herrschte unter allen Politikern bei der Frage, ob Rechtsstaatlichkeit beugende Länder wie Polen und Ungarn von der EU finanziell "bestraft" werden müssten. "Eine Geld-Limitierung wäre das falsche Signal", meinte Machon. Gerade der ländlichen Bevölkerung in diesen Ländern müsse die Chance gegeben werden, am Demokratisierungsprozess teilzunehmen. So argumentierten auch Rottmann (Grüne) und Stauffenberg (FDP), die sich auch in anderen Punkten erstaunlich oft einig waren. Beide verwiesen auf starke Teile der dortigen Zivilgesellschaft, die unter der Flagge der EU gegen ihre Regierungen kämpfen. Rottmann: "Gäbe es die EU nicht, wären diese Menschen allein." Die Demokraten in diesen Ländern müssten unterstützt werden, meinte auch Stauffenberg und stimmte Rottmann zu, dass EU-Gelder notfalls an der Regierung vorbei direkt an die Zivilgesellschaft ausgezahlt werden müssten.

Viele Themen wurden im Laufe des Abends angesprochen, nicht alle Fragen konnten aus Zeitgründen erschöpfend beantwortet werden. Über die Energiepolitik der Parteien wurde ebenso diskutiert wie über den Klimawandel. Rottmann (Grüne): "Wir sind schon so weit, dass wir manchmal auf Wasser verzichten müssen." Auf die bewusste Provokation von Moderator Schaupp bezüglich der klimapolitischen Zurückhaltung im Wahlkampf des CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Laschet reagierte CSU-Bewerber Machon unglücklich: "Wir werden um Verzicht nicht herumkommen. Aber wer schreibt so was schon ins Wahlprogramm?" FDP-Mann Stauffenberg warnte in Richtung der Grünen, nicht alles auf die Karte der Elektro-Mobilität zu setzen, sondern auch andere Alternativen im Blick zu behalten: "Wer alle anderen Betriebsarten ausschließt, verbaut sich aus ideologischen Gründen zusätzliche Chancen."

Waren sich die Gesprächsteilnehmer wie im Fall der deutschen Gesundheitspolitik oft einig, galt dies nicht für den übereilten Afghanistan-Rückzug. "Die Regierungsparteien haben versagt", waren Stauffenberg und Rottmann einer Meinung. Die Minister Heiko Maas (SPD), Horst Seehofer (CSU) und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hätten zurücktreten müssen. Doch dies hielt Machon (CSU) ebenso wie Stross (SPD) vier Wochen vor der Bundestagswahl für sinnlos. Machon: "Mit Rücktrittsforderungen kommen wir nicht weiter. In Afghanistan hingen wir am Rockzipfel der USA." Stattdessen müsse die Europäische Union stärker und von Amerika unabhängig werden.