"Das ist eine Schande", kommentiert ein Hammelburger Urgestein, das nicht namentlich genannt werden möchte, die Entscheidung zum Bürgerspital. "Für mich ein Tiefpunkt in der neueren Geschichte der Stadt. Bürokratie und Vorschriften siegen über Menschlichkeit", schreibt der Hammelburger Hans-Jürgen Burdack auf Facebook. "Total entsetzt" ist Elfriede Heilmann aus Fuchsstadt. Die 71-Jährige besuchte zehn Jahre lang wöchentlich die Bewohner des Bürgerspitals. "Wo bleibt der Mensch bei solchen Entscheidungen?", fragt sie. Andere dagegen sehen auch Chancen: "Der Bedarf an betreutem Wohnen ist groß in der Stadt", sagt Elfriede Dickert, eine der Sprecherinnen des Seniorenbeirats der Stadt.

"Die Zukunft ist betreutes Wohnen"

Der Bürgermeister hatte die Sprecherinnen des Seniorenbeirats am Dienstag unmittelbar nach der Video-Konferenz mit den Angehörigen informiert. Eigentlich hatte sich Dickert lange Zeit für den Erhalt der stationären Pflege im Bürgerspital eingesetzt. Aber: "Die Zukunft ist betreutes Wohnen", betont sie jetzt. Hammelburg brauche ein entsprechendes Angebot, wie es in Münnerstadt oder Bad Kissingen längst bestehe. Am besten mit der Option, dass die Bewohner bei einer Verschlechterung ihrer Situation in ein Pflegeheim wechseln können. Für das Bürgerspital wünscht sich Dickert, "dass es in den Händen der Stiftung bleibt".

Entscheidung "total enttäuschend"

Allerdings gibt es selbst im Seniorenbeirat auch andere Meinungen: Mitglied Jürgen Stein bezeichnet die Stadtratsentscheidung als "total enttäuschend" und "unausgewogen". Unter anderem kritisiert Stein, dass die Sitzung nicht öffentlich war und der Senioren- und Behindertenbeirat nicht beteiligt wurde. Stein verweist darauf, dass der Anwalt der Stadt trotz des negativen Urteils eine weitere Frist-Verlängerung für das Bürgerspital als erfolgversprechend bezeichnet habe.

Stein findet es verständlich, dass ein Teil des Personals bereits gekündigt hat. "Dies wäre sicher vermeidbar gewesen, wenn ihnen eine Perspektive für eine längere Übergangszeit seitens der Stadt aufgezeigt worden wäre." Er wünscht sich eine Machbarkeitsstudie für das Kupsch-Gelände in der Innenstadt, die auch die Möglichkeit eines Pflegeheims mit betreutem Wohnen - möglichst im nahen Bürgerspital und mit dem gleichen Betreiber - untersucht. Selbst eine stationäre Pflege unter anderen Rechtsformen könnte sich Stein im Bürgerspital vorstellen.

"Das Urteil war ein gefundenes Fressen", vermutet Bewohner-Fürsprecherin Brigitte Burtchen aus Fuchsstadt, dass die Schließung des Heimbetriebs im Bürgerspital seit langem beschlossen war und nur noch ein Vorwand gesucht wurde. Sie kenne viele Seniorenheime, die die Auflagen nicht erfüllen, aber trotzdem Ausnahmegenehmigungen erhalten. Selbst Gesundheitsministerin Huml habe den Befürwortern des Bürgerspitals versichert, dass "das Wohl und der Wille der Bewohner an erster Stelle stehen". Und die große Nachfrage zeige ja, dass den Bewohnern die zentrale Lage mitten in der Altstadt wichtiger sei als die genaue Zimmergröße.

"Entscheidung war nicht alternativlos"

Neben SPD-Stadtrat Norbert Schaub (wir berichteten) stimmten auch Dominik Sitter (CBB) und Thomas Reuter (Bürgerliste Obereschenbach) gegen die Auflösung des Heimbetriebes. Beide bemängeln, dass kein Versuch mehr unternommen worden sei, eine Fristverlängerung fürs Bürgerspital zu erreichen. "Leider wurde der gute Draht von unseren CSU-Kommunalpolitikern und vom Bürgermeister nicht in Anspruch genommen", kommentiert Reuter das Verhältnis zum Landrat und der Heimaufsicht im Landratsamt.

Dominik Sitter verweist ebenfalls auf Frist-Verlängerungen in zahlreichen umliegenden Seniorenheimen bis ins Jahr 2036. "Die Entscheidung war nicht alternativlos, es hätte einen anderen Weg gegeben", ist sich Sitter sicher. Darauf hätten selbst der Anwalt und das Verwaltungsgericht verwiesen. "Man hat schon seit Jahren den Eindruck gewinnen können, dass die Schließung längst beschlossen war", sagt Sitter. Zudem bezeichnet er es als "Trick", dass die Grundsatz-Entscheidung mit personellen Fragen vermischt worden sei, um den Punkt nicht-öffentlich zu beraten. Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) betonte dagegen auf Nachfrage, dass das Vorgehen mit der Kommunalaufsicht abgestimmt worden sei.

"Da ist was so schönes gewachsen", schwärmt Elfriede Heilmann von der Atmosphäre im Bürgerspital. Die zentrale Lage mitten in der Stadt sei auch der Auslöser gewesen, weshalb sie überhaupt ehrenamtlich zur Betreuung in die Einrichtung kam: "Ich hatte mal einen Zahnarzt-Termin und habe mich in der Zeit vertan", erzählt sie. Also besuchte sie die Kirche des Bürgerspitals und kam in Kontakt mit Bewohnern. Zehn Jahre lang sang die heute 71-Jährige Lieder mit Senioren, machte Bewegungsübungen oder erzählte Geschichten. "Auf der Terrasse winken die Kinder vom Kindergarten nebenan", berichtet sie. Mit Beginn der Pandemie habe sie dann Briefe geschrieben. Auch die Zusammenarbeit mit dem Personal sei immer gut gewesen, umso entsetzter ist sie über die Entscheidung des Hammelburger Stadtrates.

"Hervorragende Arbeit"

Gerald Meder hat in der Video-Konferenz für die Angehörigen vom Beschluss des Stadtrates erfahren. Seine 91-jährige Mutter wohnt im Bürgerspital. Meder bedauert die Entscheidung, akzeptiert sie aber: "Die Pflegekräfte leisten hervorragende Arbeit im Bürgerspital, aber der Stadtrat hat jetzt über die Schließung entschieden", sagt er, und: "Alle Beteiligten müssen das Beste aus dieser Situation für Bewohner und Mitarbeiter machen." Seine größte Sorge ist, dass der Wechsel von Bewohnern und Mitarbeitern zum Maria-Probst-Heim "tröpfchenweise" über die Bühne gehe. Dann hätten beide Betreiber möglicherweise ein Problem. Deshalb schlug das ehemalige Vorstandsmitglied der Rhön-Klinikum AG spontan in der Video-Konferenz einen Übergang nach § 613 a im Bürgerlichen Gesetzbuch vor. "Ich war als Personalvorstand für alle Mitarbeiter in unseren Kliniken zuständig. In meiner Zeit im Vorstand hat die Rhön-Klinikum AG unter anderem das Elisabeth-Krankenhaus in Bad Kissingen übernommen", verweist Meder auf seine Erfahrungen. Er habe spontan kostenlos Unterstützung angeboten.

"Übergang zuverlässig organisieren"

Seine vorgeschlagene Lösung habe mehrere Vorteile: Es könnten feste Zeiten vereinbart werden, an denen ein Teil der Mitarbeiter und Bewohner gleichzeitig wechseln. Zudem seien keine neuen Arbeitsverträge nötig, die Berufsjahre beim alten Arbeitgeber würden anerkannt, das bisherige Gehalt wäre garantiert, aber der neue Arbeitgeber könnte natürlich auch mehr zahlen. Trotzdem hätte jeder Mitarbeiter ein Widerspruchsrecht, falls er nicht zur Carl-von-Heß´schen Stiftung wechseln will. "Damit könnte man den Übergang für alle Beteiligten zuverlässig organisieren", ist sich Meder sicher, trotzdem würde das Bürgerspital mit seinen Liegenschaften bei der Stiftung und damit der Stadt bleiben. Und die derzeitigen Bewohner des Bürgerspitals hätten sicher einen Heimplatz im Probstheim. Allerdings gebe es auch andere Lösungen, betont Meder.

"Keine General-Übernahme vereinbart"

Einer solchen Pauschal-Lösung erteilte Marco Schäfer, Vorstand der Carl-von-Heßschen Stiftung gestern eine klare Absage: "Wir haben keine General-Übernahme vereinbart." Die landkreiseigene Stiftung habe zwar Hilfe zugesagt, werde aber in jedem Einzelfall prüfen, ob Bewohner und Mitarbeiter übernommen werden können. "Das behalten wir uns vor", sagt Schäfer.

Zudem widerspricht er Spekulationen, dass die Heß'sche Stiftung Interesse an einer Auflösung des Bürgerspitals habe. Seit der Gründung des Probstheimes 1969 habe es in Hammelburg eine "sehr gute Co-Existenz" mit dem Bürgerspital gegeben. Bis 2019 sei das Probstheim immer voll belegt gewesen. Auch aktuell ist Schäfer optimistisch, dass die Plätze schnell wieder aufgefüllt werden, auch weil die Heim- und die Pflegedienstleitung wieder gut besetzt seien. Schäfer bedauert nach eigenen Worten ausdrücklich die Schließung des Bürgerspitals, auch weil die Heß'sche Stiftung dort für Essensversorgung und Wäsche zuständig sei: "Da bricht uns sogar was weg."