Das Fahren mit dem Rad boomt in Corona-Zeiten - insbesondere das Radeln mit elektrischem Rückenwind. Das belegen die Zahlen sehr deutlich. Knapp zwei Millionen Elektrofahrräder sind nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) im Jahr 2020 verkauft worden - das sind 43 Prozent mehr als 2019. So positiv dieser Trend auch immer sein mag, es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Die Verkehrsunfälle mit Pedelec-Beteiligung schnellen gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent in die Höhe.

Für die Gebietsverkehrswacht (GVW) Hammelburg ist diese Entwicklung Ansporn und Auftrag zugleich. "In Anbetracht der Tatsache, dass die Zahl der Benutzer von Pedelecs (Pedal Electric Cycles) sprunghaft ansteigt, wollen wir unseren Beitrag leisten, interessierte Menschen vernünftig an das Metier heranzuführen und zu sicheren Pedelec-Fahrenden weiterzubilden", sagt deren Vorsitzender Karlheinz Franz, der zugleich zertifizierter Radfahrlehrer der Deutschen Verkehrswacht (DVW) und des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) ist.

Gemeinsam mit den Städtischen Volkshochschulen Bad Kissingen und Hammelburg bietet Franz spezielle Sicherheitstrainings für Pedelec-Fahrende an. 15 Frauen und Männer unterziehen sich auf dem Parkplatz hinter AZE und E-Center in Hammelburg dieser qualifizierten Weiterbildung und stimmen am Ende überein: "Das war gut und das war notwendig. Wir wissen jetzt viel besser und sicherer mit unseren Elektrofahrrädern umzugehen. Jeder Pedelec-Besitzer sollte dies unbedingt machen."

Dass Fahrrad- und Pedelec-Fahren nicht ganz das Gleiche ist, merken die Teilnehmer bei der ersten Übung. "Pedalstellung, richtige Wahl des Ganges und der elektrischen Unterstützung! Lenker und Blick beim Anfahren immer gerade aus", lauten die Instruktionen für die 15 Probanden. Wer mit dem falschen Gang oder einer unzweckmäßigen Fahrstufe startet, kann schnell auf der Nase landen - zumindest aber Stress im Realverkehr bekommen. Zusätzlich fordert der Instruktor von Jedem den Schulterblick rückwärts in den Verkehrsraum.

Schnell merken die Teilnehmer die Zunahme der Eigenstabilität in Abhängigkeit von der gefahrenen Geschwindigkeit. Nach ein paar Übungseinheiten klappt das Starten schon besser. In der 25 Meter langen Fahrgasse - gerade einmal 60 Zentimeter breit - rächt sich zu langsames Fahren sofort in Form einer wackeligen Fahrt. "Blick weit nach vorne und immer locker bleiben in der Schulter!", empfiehlt der Kursleiter für das weitere Perfektionieren.

Der Parcours fordert den Teilnehmern schon bei den Geradeaus-Fahrübungen einiges ab. Beschleunigen und dosiertes Herunterbremsen bis zum Stand, erneutes Anfahren ohne den Boden mit den Füßen zu berühren, fordert Konzentration und Balance, dabei immer die richtige Wahl von Gang und elektrischer Fahrstufe im Auge behaltend. Von Mal zu Mal klappt dies besser, fahren die Damen und Herren - meist im Seniorenalter und teils über 80 - stabiler und entspannter.

Das Kurvenfahren hat es in sich

Kurvenfahren, das zeigt sich ziemlich schnell, ist nicht jedermanns Sache. "Das schaff" ich nie!", kapituliert eine Teilnehmerin schon beim Anblick der unterschiedlich großen Kreisbahnen. "Klar schaffst du das", lautet hingegen die Motivation des Kursleiters. "Schaue so weit wie möglich in der Kurve nach vorne, drücke dein Rad zur Kurveninnenseite und setze fein dosiert deine Hinterradbremse ein, damit du die Pedale ständig belastest!" Und siehe da: Selbst enge Kreise und Kurven sind plötzlich nicht mehr das Problem. "Wenn ihr höhere Tempi fahrt, legt ihr euch mit euren Pedelecs in die Schräglage. Fahrt ihr Schrittgeschwindigkeit, drückt ihr das Rad unter euch zur Kurveninnenseite.

In der Praxis passieren sehr viele Pedelec-Unfälle durch unsachgemäßes Bremsen. "Entweder werden die Bremsen aus Angst vor einem Sturz nicht optimal eingesetzt. Oder es kommt zum Blockieren des Vorderrades mit Überschlägen über den Lenker oder anderen schweren Stürzen." Diese Ansage des Kursleiters sitzt. "Ihr müsst gut vorbereitet sein auf jede Gefahrenbremsung. Jede Nachlässigkeit kann schlimme Folgen haben."

Karlheinz Franz zeigt den optimalen Ablauf einer solchen harten Bremsung. "Aufrecht sitzen, Po etwas nach hinten, Arme lang und gegen den Lenker abstützen. Jetzt den Druck an beiden Bremshebeln kontinuierlich anschwellen lassen." Knapp vier Meter lang ist der Bremsweg des Radfahrlehres bei Tempo 20. Kein Wackeln des E-Rades, kein Blockieren der Räder. "So möchte ich das jetzt auch von euch sehen." Die Teilnehmenden üben respektvoll, zugleich aber entschlossen, den Bremsweg so kurz wie möglich zu gestalten. "Sehr gut gemacht!", lautet am Ende das Lob des Kursleiters.

Noch bevor der Kurs richtig beginnt, nimmt sich Heiko Kippes, Inhaber von Heiko"s Radschuppen in Hammelburg, die Pedelecs der Teilnehmer vor. Bei nahezu allen E-Fahrrädern sind die Reifendrücke falsch eingestellt. "Zu niedriger Luftdruck bedeutet zu wenig Kurvenstabilität am Reifen und damit Sturzgefahr." Die vom Kursleiter mitgebrachte Fußluftpumpe ist jetzt pausenlos im Einsatz. "Schaut auf die Flanke des Reifens. Da findet ihr die Angaben zum richtigen Luftdruck", erklärt Franz. Weitere Defizite haben manche Pedelecs wegen falsch eingestellter Bedienhebel und nicht optimal funktionierender Bremsen.

Claudia Beyrle, Geschäftsführerin der Hammelburger VHS, sammelt am Ende Stimmen bei den Teilnehmenden. "Die Damen und Herren sind sehr dankbar für das Angebot. Das Training ist stimmig und absolut zielführen. Es gibt keine einzige negative Meinung." Beyrle möchte das Segment Fahrrad und Pedelec in Zukunft noch weiter ausbauen. "Auf mehrfachen Wunsch bieten wir zeitnah einen Anschlusskurs für interessierte Pedelec-Fahrende an. Das Halbtagesseminar "Mit dem Pedelec sicher auf Tour" stellt die praktische Umsetzung des beim Sicherheitstraining Geübten im Rahmen des Tourenfahrens dar. Vielen Dank der Gebietsverkehrswacht Hammelburg respektive Karlheinz Franz für die vorbildliche Unterstützung!"zz

Das Pedelec-Sicherheitstraining hat bei einem Inzidenzwert von unter 100 stattgefunden.

Wissenswertes rund um das Thema Pedelec

Das Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt den Fahrer mit einem Elektromotor bis maximal 250 Watt, während des Tretens und nur bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h. Pedelecs sind dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt.S- Pedelecs funktionieren wie ein Pedelec, aber die Motorunterstützung wird erst bei 45 km/h abgeschaltet. Derzeit liegt die erlaubte Motor-Dauernennleistung bei 500 Watt. S-Pedelecs benötigen eine Betriebserlaubnis, es besteht Kennzeichen- und Versicherungspflicht. Benutzer benötigen eine Fahrerlaubnis der Klasse AM, müssen einen geeigneten Schutzhelm tragen.

E-Bikes sind mit einem Elektromofa zu vergleichen und lassen sich mit Hilfe des Elektroantriebs durch einen Drehgriff oder Schaltknopf fahren, auch ohne dabei in die Pedale zu treten. Wird die Motorleistung von 500 Watt und eine Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h nicht überschritten, gelten diese Fahrzeuge als Leichtkraftrad. Fahrer benötigen eine Mofa-Prüfbescheinigung.

Prävention Gebietsverkehrswacht und VHS Hammelburg forcieren künftig das Angebot der Pedelec-Trainings. Weitere Informationen zu den aktuellen Kursangeboten, zum Beispiel "Mit dem Pedelec sicher auf Tour", gibt es im Internet auf der Seite www.vhs-kisshab.de.zz