Die Stammkunden bedauern es und im Ort hat es sich schnell rumgesprochen: Die traditionsreiche "Donel-Bäckerei" der Familie Hesselbach in Sulzthal und ihre Filiale in Wasserlosen schließen Ende des Jahres endgültig ihre Türen. Senior-Chef Anton Hesselbach arbeitet hier in der 5. Generation. Das Geschäft feierte 2015 sogar sein 200-jähriges Jubiläum.

Bis vor 19 Jahren gab es in Sulzthal sogar zwei Bäckereien: Zum Jahresende 2002 hörte Bäcker Wolfgang Hesselbach auf. Ab Anfang 2022 wird es nun gar keinen Bäcker mehr geben. Anton Hesselbach arbeitete seit 1976 in der Bäckerei der Eltern mit. Der Grund für die Schließung ist nicht der mangelnde Absatz, sondern das Alter: "Ich bin schon 70 und eigentlich in Rente", sagt Hesselbach. Und: Es fehlt ein Nachfolger. Tochter Barbara, auch Bäckermeisterin, ziehe zu ihrem Freund nach Passau und steige dort bei einer Bäckerei ein. "Es ist anders gelaufen als wir uns erhofft hatten, aber jetzt ist es nun mal so", lautet die nüchterne Bilanz des Bäckermeisters und seiner Frau Maria. Beide haben sich mit der Schließung abgefunden, auch wenn ihre resignierte Körpersprache Bände spricht. Sie haben schon länger darüber nachgedacht, das Geschäft zu schließen, sagen sie, aber bis zuletzt versucht, sich mit anderen Bäckern kurzzuschließen, um vielleicht doch eine Lösung zu finden. Aber ohne Erfolg.

Die Option eines Dorfladens hätten sie erwogen, aber man habe in Aura an der Saale gesehen, dass dieser trotz Anstrengungen der Betreiber nicht funktioniert hat. Maria Hesselbach meint aber: "Wenn jemand pachten will, kann er das gerne tun." Obwohl der Laden im Wohnhaus der Familie integriert sei, kann er laut Anton Hesselbach relativ einfach baulich getrennt werden.

Anreiz fällt weg

"Die Menschen kommen von überall her, wenn sie etwas Bestimmtes wollen, beispielsweise unser Nassgelaibtes", erzählt Hesselbach. Bis zu 20 Laibe Brot würden Stammkunde von weit her holen. Wenn das eigene Angebot wegfalle, sieht Anton Hesselbach keine Perspektive: "Sulzthal ist zu klein und die Leute gehen eher zu größeren Supermärkten mit Backshops." Das sei einfach bequemer. Wenn der Laden schließt, gibt es die Backwaren, die die Bäckerei zu etwas Besonderem gemacht haben, nicht mehr und die Menschen hätten keinen Anreiz, herzukommen. "Es wäre einfach nicht dasselbe."

"Die Politik gibt dem Ganzen den Rest", sagen die Eheleute. Schon vor Corona sei die Situation schlimm gewesen. Außerdem hindere der hohe Aufwand und die Bürokratie viele Jüngere daran, sich selbstständig zu machen.

Ein weiteres Problem sei der Arbeitsalltag eines selbstständigen Bäckers. "Wenn man jeden Tag bis zu 13 Stunden arbeitet, ist man mit 50 platt. Und man bekommt kaum Rente", moniert Hesselbach. Seine Frau Maria betont: "Wenn die Frau nicht mitmacht, ist alles verloren." Man müsse sieben Tage die Woche arbeiten, dabei noch die Kinder erziehen: "Das ist wie Homeoffice und Homeschooling, das haben wir alles schon durchgemacht."

Zurück zur Bürokratie: Allein in den letzten Tagen gab es sieben Schreiben mit Änderungen der Corona-Auflagen. "Man kann nicht einfach vorbereiten, backen, verkaufen und am Abend das Geld zählen. Da stecken schon viel Arbeit und Aufwand dahinter", meinen die Eheleute. Sechs Leute sind im Betrieb beschäftigt; es gebe immer jemanden, der sich nur um die Büroarbeiten kümmere.

Auch andere Neuerungen fügten dem Betrieb mehr Schaden zu, als dass sie helfen. Die Bonpflicht bei jedem Einkauf, die seit Anfang 2020 in Kraft ist, sorge für zusätzliche Kosten, die Mehrwertsteuersenkung kostete durch die benötigte Umstellung der Kasse und des Computers nur Geld, ohne etwas einzubringen.

Hilfe nur für die Großen

"Die Politik", so die Hesselbachs weiter, "kommt in dein Geschäft, lächelt und nickt, aber tut nur so, als würde sie zuhören. Beim Herausgehen hat sie alles schon wieder vergessen." Eine Schwierigkeit sei auch, dass die gleichen erforderlichen Schreibleistungen und Auflagen für große und kleinere Betrieben gelten. Bei Problemen etwa in der Automobilindustrie helfe die Politik schnell und unbürokratisch, aber: "Ein Familienbetrieb kann schauen, wie er über die Runden kommt."

Der Ausblick in die Zukunft des Handwerks macht keinen Mut. "Die kleinen Bäcker auf dem Dorf werden alle zu machen", meint Anton Hesselbach.

Diese Meinung vertritt auch sein Nachfolger als Obermeister der Bäckerinnung Bad Kissingen/Rhön-Grabfeld, Ullrich Amthor aus Waltershausen. Er umreißt grob die Entwicklung der Innungen: In den 70er Jahren gab es in jedem Altlandkreis eine Innung mit 50 bis 70 Mitgliedern. Insgesamt hätte die Innung Bad Kissingen/Rhön-Grabfeld somit um die 400 Mitglieder. Die Zahl der Betriebe ging in den Folgejahrzehnten jedoch stark zurück. Laut dem Obermeister wird es 2022 nur noch 24 Bäckereien geben, die Innungsmitglieder in Bad Kissingen/Rhön-Grabfeld sind.

Weniger Verantwortliche und eine Fusion

Die Vorstandswahlen wurden aufgrund der Pandemie auf April 2022 verschoben. Es gebe immer weniger Bäcker, die bereit wären, ein Amt in der Innung zu übernehmen, berichtet Amthor. Eine Satzungsänderung war deshalb notwendig, um diese auf ein Minimum herunterzufahren. 2022 werden nur noch drei Personen im Vorstand sitzen: Der Obermeister, dessen Stellvertreter und ein Schatzmeister. "So haben wir noch eine Chance auf drei Jahre Verlängerung", meint Amthor. Bei einer Wiederwahl würde er eine Fusion mit einer anderen Innung vorbereiten. Denn Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld stehen nicht alleine da: Auch in anderen Innungen gebe es einen Mitgliederschwund.

Um das Geschäft weiterführen zu können, müsse fusioniert werden. "In zehn Jahren wird es vermutlich nur noch eine Innung in ganz Unterfranken geben", prophezeit Amthor.

Es fehle das Potenzial, Betriebe weiterzugeben: Das Handwerk hat ein Nachwuchsproblem. Ausgebildetes Verkaufspersonal ist beispielsweise kaum zu bekommen, da Arbeitszeiten und Gehalt auf die meisten abschreckend wirken. So legten in diesem Jahr nur vier Bäckerinnen und Bäcker sowie drei Bäckereifachverkäuferinnen und -verkäufer aus Bad Kissingen/Rhön-Grabfeld ihre Meisterprüfung ab.

Ullrich Amthor sieht für das Handeln gegen den Nachwuchsschwund die Verantwortung auch bei der Politik: "Wenn sie jetzt nicht einhakt, ändert sich nichts." Sich erst in ein paar Jahren um das Problem zu kümmern, hätte schlimme Folgen für die Regionen.

Für Sulzthal bedeutet die Schließung der Bäckerei einen "Riesenverlust", sagt Bürgermeister August Weingart. Man versuche, Lösungen zu finden, da es im Dorf nun keinen Bäcker oder Lebensmittelhändler mehr gebe. Es sei aber noch nichts abschließend geklärt.