Bereits die Jüngsten bangen mit: "Die Kinder waren sehr traurig, da flossen auch ein paar Tränchen", berichtet Ilka Weißenberger, stellvertretende Leiterin des Kindergartens St. Marien. In den vergangenen Wochen verfolgten viele Mädchen und Jungen das Leben der Storchenfamilie auf dem Mönchsturm live mit. Zwei bis drei Tage in der Woche zeigten die Erzieherinnen die Videos von www.storchencam.de. "Manche Kinder haben nur kurz zugeschaut, andere saßen eine halbe Stunde davor und warteten auf die Storcheneltern." Nun hoffen alle, dass es die Jungstörche auch ohne Eltern schaffen.

"Viele Kinder kamen am Dienstag schon mit der traurigen Nachricht", erzählt Ilka Weißenberger. Zudem lag eine tote Amsel im Garten der Einrichtung. Die Erzieherinnen sprachen über die Gefahren durch Gewitter, lasen viele Bücher über Störche und das Wetter aus der eigenen Bibliothek vor. Und sie zeigten den Kindern, dass auf der Seite mit den Webcam-Bildern alles schwarz blieb.

Technik komplett zerstört

Seine Technik habe "den Blitzeinschlag nicht überlebt", berichtet der Betreiber der Storchencam-Seite, Christian Fenn. Der Blitz habe die Geräte restlos verkohlt. "Sämtliche Stecker sind aus den Dosen gerissen, die Kabel sind teilweise verdampft", berichtet Fenn, und: "Alle Gehäuse sind aufgeplatzt. Es schaut aus wie auf einem Schlachtfeld." Ausrüstung für mehr als 1000 Euro sei zerstört. Außer ein paar kleinerer Beteiligungen habe er bis jetzt alles selbst bezahlt.

Weil er an dem Abend selbst Blitze beobachten wollte, lief zufällig eine Aufzeichnung. Deshalb kennt er die Zeit des Blitzeinschlags genau: Wenige Sekunden nach 23.41 Uhr erwischte es den Mönchsturm. Die beiden Elterntiere seien zu dem Zeitpunkt im Nest gestanden, Storchenmutter Adele fand Fenn kurz danach tot am Fuß des Turms. Nach Storchenvater Jakob hätten mehrere Helfer im Umfeld vergeblich gesucht. "Ich habe keine Hoffnung mehr", legte sich Fenn am Donnerstag fest, dass auch Jakob den Blitzschlag wohl nicht überlebt hat. Bisher seien die Eltern dem Nest nie länger als drei Stunden fern geblieben.

Auch alle Hinweise auf eine Rückkehr des Storchenvaters waren falsch: Christian Fenn hat in seinem Wohnhaus eine Kamera mit Tele-Objektiv aufgestellt, die ständig auf das Nest gerichtet ist. Die Bilder seien nicht gut genug für einen Live-Stream, würden aber eindeutig belegen, dass es den drei Jungtieren mit schwarzem Schnabel gut gehe, aber seit dem Blitzschlag kein Alttier mit dem typischen orangeroten Schnabel am Mönchsturm landete.

Glück im Unglück: "Ich hatte bereits eine neue Kamera gekauft und wollte sie installieren, aber mir fehlte ein Werkzeug", berichtet der Storchen-Fan. Deshalb liege sie bis heute im Auto. Fenn könnte also jederzeit eine neue Webcam einrichten, auch neue Übertragungstechnik bis in sein Wohnhaus stehe bereit. Allerdings müssten nun Bund Naturschutz und Untere Naturschutzbehörde (UNB) sagen, wie es weiter geht.

Elisabeth Assmann vom Bund Naturschutz hat am Mittwoch nach Rücksprache mit der UNB die Jungtiere erstmals gefüttert: "Wir rechnen mit eineinhalb Kilo pro Tier", berichtet sie. Einmal am Tag gibt es per Zange durchs Dach tote Mäuse und Küken. Durch das nasse und kühle Wetter benötigten die Vögel zum Glück keine zusätzliche Flüssigkeit. Das Füttern hat Fenn vom Verwaltungsgebäude der Stadt aus genau beobachtet: "Es haben alle drei Jungtiere gefressen, keines kommt zu kurz", fasst er die Ergebnisse zusammen.

Das Landratamt teilte am Donnerstagnachmittag mit, dass die Störche auch weiterhin vor Ort gefüttert werden sollen. Das stelle die geringste Störung dar, denn: "Bei einer Bergung der Jungvögel in diesem Alter ist immer auch ein großes Risiko dabei, dass die Jungvögel bei Annäherung durch die Drehleiter aus dem Nest springen." Das sei für die Tiere, aber auch die Helfer ein Risiko. Auch beringt werden sollen die jungen Störche nicht, das wäre laut UNB nur in Zusammenhang mit einer Entnahme aus dem Nest und der Unterbringung in einer Aufzuchtstation sinnvoll gewesen.

Jungtiere aktuell sechs Wochen alt

Ein Fall wie in Hammelburg ist auch Oda Wiedling bisher noch nie untergekommen. Seit 25 Jahren betreut sie beim Landesbund für Vogelschutz ein Schutzprogramm für Weißstörche. Bei ganz jungen Küken bis zur dritten oder vierten Woche sei bereits der Ausfall eines Elternteils ein großes Problem, weil die Jungtiere noch gewärmt werden müssten. Die Hammelburger Jungstörche sind jetzt rund sechs Wochen alt. Aus ihrer Sicht gäbe es nur noch wenige Tage die Möglichkeit, sie aus dem Nest zu holen. Ab der siebten Woche seien die Federn voll ausgebildet , und die Tiere beginnen mit kräftigeren Flügelschlägen. "Dann wird's riskant, dass sie runterspringen." Dabei würden sie sich vermutlich schwer verletzen. Wieding ist optimistisch: "Die Jungtiere kann man problemlos zwei Wochen im Nest durchfüttern", sagt sie über die Hammelburger Störche. Danach müssten sie dann eben ohne Eltern auf Nahrungssuche gehen.