Die Frage "Wohin mit dem Klärschlamm?" treibt deutschlandweit die Betreiber von Kläranlagen um. In der kommunalen Allianz Fränkisches Saaletal bemühen sich die Gemeinden aktuell, zu einer gemeinsamen Antwort auf diese Frage zu kommen. Unlängst hat deshalb der Abwasserzweckverband (AZV) Thulba-Saale eine Machbarkeitsstudie beauftragt, die den sperrigen Titel "Klärschlammverwertung als interkommunales Kooperationsmodell" trägt. Die Studie untersucht, ob es möglich ist, dass die Hammelburger sowie die umliegenden Kläranlagen ihren Klärschlamm gemeinsam weiterverwerten und entsorgen.

Jetzt hat das beauftragte Ingenieurbüro den Zwischenstand der Studie vorgestellt. Coronabedingt fand das nicht in einer Präsenzveranstaltung statt, sondern die neun Bürgermeister der Allianzgemeinden, Verwaltungsmitarbeiter, Vertreter des AZV, Referenten sowie Landtagsabgeordneter Sandro Kirchner (CSU) schalteten sich zu einer Videokonferenz zusammen. Das Fazit vornweg: Planer Dieter Schreff hält den Zusammenschluss für logistisch machbar und für wirtschaftlich sinnvoll.

Die Ergebnisse stimmen Burkhard Oschmann, Geschäftsführer vom AZV Thulba-Saale, optimistisch. "Wir sind sehr froh, dass eine echte Perspektive für die Machbarkeit dargestellt werden konnte", sagt er. Weil manche Fördergelder bis Ende 2021 beantragt werden müssen, sei es wichtig, das Projekt schnell voranzubringen. Zwar stehe bis dahin noch viel Arbeit an, aber: "Wir vom Zweckverband wollen da weiterkommen", betont Oschmann.

Landwirtschaft nimmt weniger ab

Doch der Reihe nach. Warum ist das überhaupt ein Problem, den Klärschlamm zu entsorgen? Sophia Badenberg vom bayerischen Umweltministerium hat die Videokonferenz als Expertin ergänzt. Sie sagt: "Der Ausstieg aus der landwirtschaftlichen Verwertung ist langfristig nicht mehr vermeidbar."

Klärschlamm ist ein Abfallprodukt aus der Abwasserreinigung. Er wird entweder in speziellen Verbrennungsanlagen, in Müllheiz- und Kohlekraftwerken sowie in Zementwerken verbrannt oder von Bauern als Dünger auf Äckern verteilt. Letzteres geschieht aber immer seltener. Aktuell kommen laut Badenberg in Bayern nur noch rund neun Prozent des Klärschlamms auf die Äcker.

Warum ist das so? Zum einen haben sich die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert. Außerdem findet Düngen mit Klärschlamm gesellschaftlich immer weniger Akzeptanz. Insofern nimmt auch die Zahl der Bauern ab, die bereit sind, ihn zu verwerten. Bio-Landwirte dürfen ihn ohnehin nicht nehmen. "In Franken und Niederbayern wird Klärschlamm noch etwas mehr landwirtschaftlich genutzt. Der Trend geht aber eindeutig in Richtung thermische Verwertung", sagt Badenberg.

Engpässe bei Verbrennung

Diese Entwicklung stellt die Kläranlagenbetreiber vor Probleme. Die Preise für die Entsorgung steigen. Außerdem haben sie Probleme, überhaupt Anlagen zu finden, die ihnen den Klärschlamm abnehmen. Wie die Expertin erläutert, fehlen Verbrennungsanlagen und die bestehenden stoßen mit ihren Kapazitäten an Grenzen. Im Bereich Main-Rhön gibt es zum Beispiel aktuell nur ein Zementwerk in Karlstadt sowie ein Müllheizkraftwerk in Würzburg. Eine Anlage in Schweinfurt ist in der Planung. An dieser Situation wird sich so schnell nichts ändern, macht Badenberg deutlich: "Wir haben in Bayern zwar viele Anlagen, die in Vorbereitung sind, werden aber weiter Defizite im fränkischen Raum haben." Sie empfiehlt den Kommunen den Zusammenschluss, um mehr Sicherheit bei der Entsorgung zu bekommen.

Dieter Schreff arbeitet seit einem halben Jahr mit seinem Ingenieurbüro an der Machbarkeitsstudie, mit der ihn der Abwasserzweckverband (AZV) Thulba-Saale beauftragt hat (Bericht ). Er prüft, ob es Sinn macht, dass die Kläranlage Hammelburg zentral den Klärschlamm für die Kläranlagen aus dem Umland weiterverarbeitet. Sein Eindruck bisher ist positiv: Eine Zusammenarbeit hält er für machbar. "Eine wirtschaftliche Umsetzung ist nach der jetzigen Einschätzung gegeben", sagt Schreff.

Kommt die Kooperation zustande, übernimmt die Kläranlage in Hammelburg die Klärschlamm-Weiterverarbeitung für die umliegenden Anlagen. Das heißt, diese "müssen ihre Schlämme regelmäßig nach Hammelburg fahren", erklärt der Ingenieur. Bislang wird bei Klärteichen jahrelang der Schlamm gesammelt, bis der Teich voll ist und dann alles auf einmal geleert. Das ist dann nicht mehr möglich, wobei es nach den Worten des Experten ohnehin schwierig ist, für große Mengen einen Abnehmer zu finden. Das regelmäßige Leeren bringe den Vorteil, dass die zentrale Kläranlage in Hammelburg kontinuierlich ausgelastet ist. Dadurch könne der AZV bessere Verträge mit den Endverwertern abschließen, weil er genau planen kann, wie viele Kubikmeter Klärschlamm wann zu entsorgen sind.

In Hammelburg fault der Rohschlamm und wird entwässert. Nach diesen Arbeitsschritten bleibt von den rund 18 000 Kubikmetern Schlamm pro Jahr nur noch ein Bruchteil übrig, der zum Verbrennen abtransportiert wird.

Um die zentrale Weiterverarbeitung zu realisieren, müssen die Kommunen sowohl in die Kläranlage in Hammelburg als auch in die umliegenden Anlagen investieren. "Das Abwasser muss technisch vorgereinigt werden, also müssen die anliefernden Kläranlagen Rechen und Siebe nachrüsten", sagt Schreff. Teilweise fehlen dort auch Vorklärbecken sowie Stapelbehälter.

In Hammelburg braucht es eine Presse oder Zentrifuge zur Schlammentwässerung, einen Bereich, in dem das Filtrat aus der Entwässerung behandelt wird, ein Klärschlammlager sowie die entsprechende Infrastruktur. 1,9 Millionen Euro an Kosten setzt der Ingenieur für die baulichen Maßnahmen in Hammelburg an, wobei allein die Entwässerungsanlage mit 1,4 Millionen Euro zu Buche schlägt.

Förderung nur für Verbundlösung

Die prognostizierten Kosten hat Schreff ohne Fördergelder gerechnet. Vom Bund sind nach seinen Ausführungen je Maßnahme auf die zentrale oder eine dezentrale Kläranlage ein Zuschuss von 30 Prozent beziehungsweise maximal 200 000 Euro möglich. Zudem gibt es bis Ende 2021 einen extra Corona-Fördertopf. Aber: "Die Investitionen werden nur mit einer Verbundlösung gefördert, und es ist eine -Einsparung nötig", sagt er. Das heißt: Die Kläranlagen müssen bei der gemeinsamen Klärschlammverwertung das einsparen, das vor allem beim An- und Abtransport entsteht. Der Planer hält das für machbar.

Schreff rechnet in der Verbundlösung mit zehn Tonnen -Ausstoß pro Jahr. Gleichzeitig kann die Kläranlage in Hammelburg Strom erzeugen mit dem Gas, das bei der Faulung entsteht. Dieser grüne Strom führe zu einer -Ersparnis von 12 Tonnen. Das reiche, um die Emissionen zu kompensieren. Der Planer sieht die Vorteile eindeutig auf Seiten der Verbundlösung. "Ich würde eine Umsetzung empfehlen", sagt er.

Hammelburgs Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) äußerte sich positiv zu den Ergebnissen: "Damit sind wir finanziell, ökologisch und in Sachen Entsorgungssicherheit auf einem guten Weg." Auch Landtagsabgeordneter Sandro Kirchner (CSU) hält die Planung für sinnvoll. "Alle, die zu dem Konzept eingeladen wurden, können nur gewinnen", meint er.

Bis zur Umsetzung ist es aber noch ein langer Weg. Bis Ende Januar soll die Studie endgültig vorliegen. Die Kommunen müssen im nächsten Jahr klären, ob sie die Lösung wollen oder nicht, entsprechende Kooperationsverträge schließen und die Fördergelder beantragen. Danach beginnt die technische Planung. Mit einer Inbetriebnahme rechnet Schreff nicht vor 2024.

AZV Thulba-Saale

Zusammenschluss Dem Abwasserzweckverband Thulba-Saale gehören an: Hammelburg ohne Gauaschach, Oberthulba ohne Wittershausen sowie Elfershausen und Fuchsstadt. Die Bad Kissinger Stadtteile Albertshausen und Poppenroth sowie der Oberthulbaer Gemeindeteil Schlimpfhof leiten ihr Abwasser über Abnahmeverträge in das Verbandsnetz ein.

Kooperation Die Studie prüft für den AZV Thulba-Saale sowie die Kläranlagen im Radius von 13 Kilometern um Hammelburg, ob es möglich ist, den Klärschlamm gemeinsam zu entsorgen. Interesse an der Verbundlösung besteht für folgende Kläranlagen im Umland: Lager Hammelburg, Waizenbach, Euerdorf, Sulzthal/Ramsthal, Wittershausen, Aura, Schwärzelbach, Windheim, Heckmühle, Heiligkreuz und Bonnland.

Ausbaugröße Mit dem Einwohnerwert (EW) lässt sich die Belastung einer Kläranlage abschätzen. Bei der Kläranlage Hammelburg beträgt der EW 28 000, bei den umliegenden Kläranlagen liegt er bei knapp 18 000 EW. Jährlich fallen in dem Gebiet rund 18 000 Kubikmeter Klärschlamm an.

Transport Rund 250 Fahrten mit einer Fahrstrecke von 5700 Kilometern im Jahr sind nötig, um den Klärschlamm nach Hammelburg zu bringen. Weitere 115 Fahrten mit 6500 Kilometern braucht es, um den entwässerten Schlamm zum Verbrennen nach Karlstadt zu bringen.