Der Hammelburger Stadtrat hat sich erneut mit der inneren Kissinger Straße beschäftigt. Das Nadelöhr in der Altstadt ist seit Jahrzehnten Thema, aktuell geht es darum, ob Fahrradverkehr stadtauswärts zugelassen wird. Die Stadtverwaltung hatte nach einem entsprechenden Antrag des Behinderten- und Seniorenbeirats Fakten geschaffen und den gegenläufigen Radverkehr ausgeschlossen. "Es ist uns sicher nicht leicht gefallen, diese Entscheidung zu treffen, sonst wäre sie schon eher gefallen", verteidigte Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) das Vorgehen. Trotz zweier Fahrrad-Kundgebungen soll es bei der Sperrung bleiben.

Warmuth verwies auf eine ausführliche Stellungnahme der Polizei: Bei der Kissinger Straße handle es sich um eine "Durchgangsstraße mit hohem Verkehrsaufkommen", heißt es im Schreiben der Inspektion Hammelburg und des Verkehrssachbearbeiter Florian Heuring aus Bad Kissingen. Laut Stadtverwaltung sind im Schnitt 4350 Fahrzeuge am Tag in der Straße unterwegs, aktuell seien es wegen der Sperrung der Bahnhofstraße sogar noch mehr.

Als Einbahnstraße ausgebaut

Auf den rund 220 Metern zwischen Marktplatz und Amtsgerichtskreisel gebe es gleich mehrere bauliche Probleme: Der zwischen 90 Zentimeter und eineinhalb Meter breite Seitenstreifen ist durch einen zwei bis drei Zentimeter hohen Bordstein von der Fahrbahn getrennt. "Das war von Anfang an eine Sonderlösung", erinnerte Bau-Unternehmer und CSU-Stadtrat Patrick Bindrum an den Ausbau, und: "In der Planung war das schon immer eine Einbahnstraße." Die Zulassung des Radverkehrs stadtauswärts sei ein Alleingang des damaligen Bürgermeisters Arnold Zeller gewesen.

Dass es Handlungsbedarf in der Kissinger Straße gibt, zeigen die jüngsten Unfallzahlen: 2020 registrierte die Polizei zehn Unfälle in der inneren Kissinger Straße, dabei wurden drei Radfahrer leicht und einer schwer verletzt. Im ersten Halbjahr 2021 ereigneten sich bereits vier Unfälle. Ein Radfahrer wurde heuer bisher leicht, einer schwer verletzt. Die Polizei weist vor allem daraufhin, dass bei der Hälfte der Radunfälle Ursache des Sturzes der Wechsel zwischen Fahrbahn und Randstreifen war.

Die Polizei bewertet in der inneren Kissinger Straße die Verkehrssicherheit für Radfahrer und Fußgänger als "problematisch". Auch wenn es sich im eigentlichen Sinn um keine Einbahnstraße handelt, werde die Straße als solche wahrgenommen: Lediglich wenige Anwohner dürften mit Pkw stadtauswärts fahren. Bei Einbahnstraßen könne Radfahren in die Gegenrichtung aber nur zugelassen werden, wenn es keine Sicherheitsbedenken gebe und die baulichen Voraussetzungen vorhanden seien. Dazu gehöre eine Fahrbahnbreite von mindestens dreieinhalb Metern. Tatsächlich gebe es aber längere Engstellen, an denen die Straße zum Teil nur 3,3 Meter breit ist. Radfahrer seien dort gezwungen, auf den Seitenstreifen auszuweichen. Das sei grundsätzlich zwar zulässig, aber der Seitenstreifen werde als Gehweg wahrgenommen und sei zu schmal für eine Vermischung von Fußgänger- und Radverkehr. Hinzu komme die hohe Unfallgefahr durch die Bordsteinkante.

Die Polizei schließt aus Platzgründen die Ausweisung eines Radfahrstreifens aus. Auch das von vielen geforderte Abschrägen des Bordsteins lehnt die Polizei ab, weil es dadurch nur noch gefährlicher für Fußgänger werde. Weil es sich um eine Durchgangsstraße mit hohem Verkehrsaufkommen handle, könne die Kissinger Straße auch nicht als verkehrsberuhigter Bereich ausgewiesen werden. Aus Sicht der Polizei bleibt daher nur eine Verlegung des Radverkehrs in andere Gassen der Altstadt.

"Stadt zum Handeln gezwungen"

"Die Verwaltung muss handeln", kommentierte Warmuth die eindeutigen Stellungnahmen der Polizei, und: "Wir verstecken uns nicht hinter Haftungsfragen, aber die Hinweise sind eindeutig." Deshalb hatte der Bürgermeister auch keinen Beschluss für die Stadtratssitzung, sondern lediglich eine Information angesetzt. "Wir können sie zwar beschließen, aber nicht umsetzen", sagte Warmuth zu einer Wieder-Öffnung der Straße für den Fahrradverkehr stadtauswärts. "Dringenden Handlungsbedarf" sah auch Jurist Arnold Eiben (CSU): "Die Stadt war wegen Gefahr von Leib und Leben zum Handeln gezwungen."

"Dass in der Kissinger Straße was passieren muss, haben wir alle gewusst, die Situation hat uns nicht überrascht", verwies Stadtrat Reimar Glückler (CBB) darauf, dass seit den 1980er Jahren über Verkehrskonzepte für Hammelburg diskutiert werde. Glückler forderte eine Arbeitsgruppe, die eine rechtskonforme Lösung für gegenläufigen Radverkehr dort suche. Dem schloss sich die Mehrheit des Stadtrates zwar an, offen blieb jedoch der zeitliche Rahmen: Glückler verwies darauf, dass der CBB bereits Ende 2020 ein Radwegekonzept gefordert habe. "Ein Jahr ist mir zu lang", betonte Glückler deshalb.

"Wir brauchen dafür Fachleute, auf die wir dann auch hören", entgegnete Stadtrat Bindrum. Deshalb wolle er nach Jahrzehnten der Diskussion jetzt keinen Termindruck aufbauen. Und: "Wir neigen in Hammelburg dazu, uns über die Meinung der Fachleute hinwegzusetzen", gab es auch Kritik am Stadtrat. "Die Kissinger Straße ist eine Wiederkehr des Wilden Westens", ergänzte CSU-Fraktionssprecher Martin Wende und stellte klar, dass auch das Falschparken und der Autoverkehr insgesamt dort geregelt werden müsse.

Bürgermeister Warmuth stellte in Aussicht, dass die Stadt möglichst bald ein Fachbüro mit der Verkehrsplanung beauftrage. Innerhalb dieses Konzepts solle die Kissinger Straße hohe Priorität haben. Mehrere Stadträte betonten, dass es dabei um keine Maßnahmen gegen Fahrradfahrer gehe, sondern im Gegenteil die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer im Mittelpunkt stehe. Laut Stadtverwaltung soll es im Rahmen der Verkehrsplanung die Möglichkeit geben, dass sich Bürger einbringen. Wann ein Büro beauftragt wird und wann es los geht, blieb in der Sitzung jedoch offen.