3-G-plus macht's möglich: Helge Schneider, eine in Deutschland einzigartige Mischung aus Musik-Genie, Anarchist und Clown, trat auf der Piano-Bühne in Oberthulba auf. Und das, obwohl Organisator Peter Kleinhenz vom gleichnamigen Piano-Center lange nicht wusste, ob das Konzert so überhaupt stattfinden konnte. Dafür aber langten die Besucher tiefer in die Tasche und das offensichtlich gerne: Das Konzert war ausverkauft. Auch wenn Helge Schneider in glückliche, strahlende und unverhüllte Gesichter schauen konnte, sagt der 66-Jährige im Kurz-Interview in der Pause: "Corona und die Auswirkungen sind und bleiben scheiße."

Jazzer und Anarchist

Helge Schneider ist in einer Person Spitzen-Jazzer, Multi-Instrumentalist, Clown und Anarchist. Wer seine Konzerte besucht, weiß, worauf er sich einlässt. Auf die Jazz Suite Waltz No. 2 und auf "Katzeklo", auf wilde Fingerspiele auf dem Saxofon wie auch Veräppelung mit einem Meditationsgong. Helge halt. Worauf die Besucher bei einem der raren Corona-Sommer-Konzerte im Juli in Augsburg nicht vorbereitet waren: dass der Künstler die Bühne verlässt. Sein Grund: Es war ein Strandkorb-Konzert, um so die Abstände zwischen den Besuchern einzuhalten, die mangelnde Interaktion mit dem Publikum war das eine, was Helge Schneider verärgerte. Das andere, dass offenbar ständig Kellner und Kellnerinnen zwischen den Körben unterwegs gewesen sind und so die Stimmung töteten.

Buchstäblich eingespielt

Das sollte in Oberthulba nun kein Grund werden: Ihm und seinen Musikern - Thomas Alkier am Schlagzeug und Sandro Giampietro an der Gitarre - war die komplette Aufmerksamkeit sicher. Dank 3-G-plus, was hieß geimpft, genesen oder per PCR-Test virenfrei, fummelte niemand an der Maske, durften sich die Menschen frei bewegen und Songs wie ein wunderbares Liebeslied genießen, bei dem Schneider die Menschen mit auf seine Couch nahm, um dort Würstchen zu essen. Bemerkenswert, wie Alkier und Giampietro jeden noch so skurrilen, spontanen Einfall des Chefs musikalisch parierten. Ein buchstäblich eingespieltes Team, das mit Bodo Österling als Pfefferminztee-Page komplettiert wurde.

Genial und absurd

Was auf der mit Stofftieren und Instrumenten dekorierten Bühne passiert, steckt zwischen Genialität und Absurdität. Völliger Quatsch wechselt sich unangekündigt wunderschönen Jazz-Einlagen ab - und gestandene Erwachsene summen verzückt beim "Meisenmann" mit.

Helge Schneider ist einer, bei dem man besser mit allem rechnet. "Ich brech' jetzt hier ab", drohte er denn auch, als es eine kurze Mikropanne gab. Sollte sich Augsburg wiederholen? Nein, nur ein kleiner Scherz. Dennoch: Dem Musiker ist in Sachen Corona nicht zum Scherzen zumute, wie er im Interview erzählt. Auch wenn sein Sommer nicht düster war: "Ich konnte rund 35 Konzerte geben, das ist doch ordentlich." Vermisst habe er nichts, "ich mach doch immer irgendetwas". Dass coronabedingt weniger Menschen zu den Konzerten kommen konnte, quittiert er mit einem Achselzucken. "Ich habe mich gefühlt wie früher, in meinen Anfängen - da waren auch nicht viele Menschen da. Das ist auch der Lauf des Lebens, dass sich manches wiederholt." Außerdem sei er "immer in Lauerstellung", um kreativ zu sein - es scheint, als ob er die große Bühne nicht zwangsläufig als Beleg für sich selbst braucht, ein großer Künstler zu sein.

"Momentan viele Benachteiligte"

Aber dennoch hat er auch Hoffnung auf ein Ende des Spuks. "Wer weiß, wie es nächstes Jahr aussieht? Vielleicht gibt es da gar keine Beschränkungen mehr?" Die, die nicht live seine Jux- und Jazz-Songs feiern können, machen ihn nachdenklich. "Es sind ja gerade viele ausgeschlossen- es ist und bleibt einfach scheiße." Ist das ein indirekter Appell, sich impfen zu lassen? "Nein. Wer bin ich denn, das sind ja alle erwachsene Menschen, das ist mir total egal. Aber ich muss festhalten, dass es momentan viele Benachteiligte gibt. Und viele lassen sich derzeit nur impfen, um wieder am Leben teilnehmen zu können." Was ihn umtreibt, sind die Kinder der Pandemie. Er ist selbst Vater von sechs Kindern und Großvater. "Mir wird kalt, wenn ich an die Zukunft der Kinder denke - an die wird zu allerletzt gedacht."

Risiko für Peter Kleinhenz

Peter Kleinhenz, Chef der Piano-Bühne in Oberthulba, wusste lange nicht, ob Helge Schneider auftreten konnte. Bei der Buchungsanfrage galten noch andere Corona-Regelungen, er musste davon ausgehen, statt 300 nur 180 Stühle aufstellen zu können. Damit ließ sich für den Unternehmer schwer kalkulieren, ob er an dem Abend draufzahlen wird oder nicht. Deshalb erhöhte er den Eintrittspreis um zehn Euro, was offensichtlich keinen Fan gestört hat - die Piano-Bar war proppenvoll. Je nach Coronalage wird er auch andere Konzerte in dem Raum, in dem sonst zehn Flügel und 20 Klaviere ausgestellt sind, teurer machen müssen. Am 14. Januar steht Ingrid Arthur mit ihrer Band auf der Bühne. Sie feiert an diesem Abend die große Soul-Sängerin Aretha Franklin.