Es war einer der emotionalsten Momente der diesjährigen Abiturverabschiedung: Während seine 67 Mitschülerinnen und Mitschüler zum größten Teil eher cool und locker zur Bühne schlenderten, riss Ahmad Towfiq Tokhi zum Song "Levels" von Avicii die Arme hoch, motivierte den Saal zu Applaus und bekam ihn auch: Der Jubel war groß, dass der 20-Jährige nach einem schwierigen Weg sein Abitur in der Tasche hatte. Eine Geschichte von eigentlich gelungener Integration, aber auch von den Widersprüchen des Einwanderungsrechts, weil Ahmad Towfiq Tokhi gar nicht weiß, ob er dauerhaft in Deutschland bleiben darf.

"Ich habe hier nur positive Erfahrungen gemacht", sagt Ahmad Towfiq Tokhi mit Blick auf "seine" Schule, das Hammelburger Frobenius-Gymnasium. Lehrer, Schulleiter und Mitschüler hätten ihn alle unterstützt, es habe nie eine dumme Bemerkung oder Vorbehalte ihm gegenüber gegeben. Umso unverständlicher ist für den 20-Jährigen die Haltung der Gesellschaft: "Als ich volljährig wurde, wurde mein Aufenthaltstitel zurück genommen", erzählt Ahmad Towfiq Tokhi, der Rechtsstreit habe ihn oft belastet und manchmal auch demotiviert.

Der frisch gebackene Abiturient versteht die deutsche Einwanderungspolitik nicht: "Auf der einen Seite haben mir alle Lehrer geholfen und ich werde unterstützt, auf der anderen Seite wird mir der Aufenthaltstitel genommen." Aktuell stehe nur fest, dass er bis Februar 2022 in Deutschland bleiben kann. "Ich möchte etwas zurückgeben, aber das ist schwierig, wenn man nicht weiß, ob man bleiben kann."

Auch Schulleiter Matthias Ludolph kann die Unsicherheit von Ahmad Towfiq Tokhi gut nachvollziehen. "Hier ist ein junger Mensch, der sich einbringen will", lobt er den Fleiß des 20-Jährigen. Tokhi kam in der 9. Klasse ans Gymnasium. An der Mittel- und der Realschule sei er damals abgewiesen worden, also habe er einfach mal am Gymnasium angefragt, berichtet Ahmad Towfiq Tokhi. Sonst möchte er wenig über seine Vergangenheit erzählen: Mit 14 habe er Afghanistan verlassen, als erster aus seiner Familie. Übers Mittelmeer kam er nach Europa, erste Station war Norwegen. 2016 erfuhr er dann, dass seine Familie in Hammelburg lebt und machte sich auf den Weg nach Deutschland. "Das war alles sehr schwierig", sagt er im Rückblick. Mehr nicht, nur: "Ich will nach vorne schauen, das Leben geht weiter."

Als er nach Hammelburg kam, sprach Ahmad Towfiq Tokhi kein Wort Deutsch, selbst Englisch habe er vorher nicht in der Schule gehabt, sondern nur erste Sätze von seinen Brüdern gelernt. Nach wenigen Wochen machte er eine Deutsch-Prüfung am Gymnasium, die lief immerhin so gut, dass er in ein Förderangebot in Würzburg aufgenommen wurde. In der 9. und 10. Klasse gab es auch Förderangebote in der Schule. Vor allem Lehrerin Christiane Seufert habe ihm sehr geholfen, berichtet Ahmad Towfiq Tokhi. Deshalb bat er sie auch, ihn zur Zeugnis-Übergabe zu begleiten, auch wenn wegen Corona dadurch seine Familie nicht mit dabei sein konnte.

Muttersprache als zweite Fremdsprache

"Es war möglich, die zweite Fremdsprache durch die Muttersprache zu ersetzen", nennt Schulleiter Ludolph eine Sonderregel für Tokhi. Nach der 10. Klasse legte er eine Prüfung in Dari ab, einer persischen Amtssprache in Afghanistan. Damit hätten die Sonderregeln geendet, denn: "In der Oberstufe gibt es keine Förderangebote, Übersetzer oder sonstige Privilegien", stellt der Schulleiter klar, und: "Wer das bayerische Abitur bestehen will, muss das unter den selben Bedingungen wie ein Muttersprachler leisten." Umso beeindruckender sei Ahmad Towfiq Tokhis Leistung.

Wie bringt man sich Englisch und Deutsch auf einem so hohen Niveau selbst bei? "Ich habe viele Filme geschaut", nannt Tokhi ein Beispiel. Außerdem habe er sich immer wieder Gespräche mit dem Handy aufgezeichnet und Satz für Satz analysiert. Jede Sportstunde oder das Fußball-Spielen in der Freizeit seien für ihn Deutschstunden. Besonders froh war er, dass die Abschlussklassen als erste nach dem Lockdown zum Präsenzunterricht zurückkehrten, weil er so wieder direkteren Kontakt zu Lehrern und Schülern hatte.

Im W-Seminar Geschichte ging es um die 1968er, also musste der Schüler aus Afghanistan die deutsche Geschichte und Politik über einen langen Zeitraum nachlernen. Sein Lieblingsfach sei Mathematik gewesen, deshalb wählte er auch auf Rat der Lehrer ein P-Seminar, bei dem es darum ging, jüngeren Schülern Mathematik zu vermitteln. "Alle haben mitgeholfen und mitgefiebert", freut sich Ahmad Towfiq Tokhi über die Unterstützung durch seine Mitschüler und die Lehrer. Auch seine ganze Familie habe ihn immer unterstützt.

Und wie geht es weiter? "Ich will jetzt erst einmal Praktika machen", sagt der 20-Jährige. "Irgendwas mit Mathematik" soll es sein, also ein technischer oder betriebswirtschaftler Beruf. "Hauptsache keine Gedichtanalyse mehr", sagt Ahmad Towfiq Tokhi lachend. Hammelburg sei für ihn und seine Familie zur zweiten Heimat geworden. Deshalb hoffe er auch, in der weiteren Umgebung einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Vor allem aber wünsche er sich natürlich, dass sein Aufenthaltstitel auch über Februar 2022 hinaus verlängert wird.