Emotional und politisch fiel die diesjährige Verabschiedung der Abiturienten am Frobenius-Gymnasium aus. Nach nur 14 Abiturienten im vergangenen Jahr haben heuer in Hammelburg 68 Schüler das Abi bestanden. Die Zahlen hängen direkt miteinander zusammen, weil am Freitag die ersten Schüler verabschiedet wurden, die beim Modellprojekt "Mittelstufe plus" mitmachten, also das Gymnasium regulär wieder nach neun Jahren verlassen. Auch sonst gab es jede Menge Besonderheiten, allen voran natürlich die Einschränkungen durch Corona. Oberstudienkoordinator Werner Seitz betonte, dass zwar die Prüfungen verschoben worden seien, die Anforderungen aber gleich blieben: "Euer Abitur ist absolut vergleichbar, da könnt ihr euch drauf verlassen."

Motto: "Die Genies sind endlich frei"

"Alabin - Die Genies sind endlich frei", hatten sich die Abiturienten selbst als Motto gewählt. Weil kein Abi-Streich erlaubt war, verabschiedete sich der Abschluss-Jahrgang heuer mit einem Film von allen Schülern und Lehrern. Der zweite Oberstufenkoordinator Marco Maier freute sich mit den Schülern, dass sie "frei von diesem Corona-Chaos" sind.

Ganz anders sah das Jahrgangsstufensprecher Nico Keller: "Ich fühl mich einfach verloren", gab er zu, und: "Ich habe Angst vor dem Unbekannten." Er zeigte sich erschlagen von den mehr als 21 000 Studiengängen in Deutschland. Vielleicht erst einmal Geld verdienen, ins Ausland oder zur Bundeswehr gehen? Es gebe so viele Möglichkeiten. "Die meisten stehen genauso planlos da wie vor zwei Jahren", beschrieb er die "lähmende Panik" vieler seiner Mitschüler. Dagegen helfe zwar keine Polynomdivision, aber immerhin das in der Schule erworbene Durchhaltevermögen und die vielen guten Erfahrungen.

Ganz konkrete Vorstellungen von ihrer Zukunft hat dagegen Katharina Ruderich, die das Abitur mit der Note 1,1 als Jahrgangsbeste ablegte, dicht gefolgt von Nico Keller und Elena Nöth. "Ich mache ein Pflege-Praktikum fürs Medizinstudium", kündigte sie auf Nachfrage an. Katharina Ruderich zog erst in der 10. Klasse nach Hammelburg und gehörte zu den G-8-Schülern des Jahrgangs. Nach Hammelburg verschlug es die Familie, weil ihr Vater Franz Ruderich eine Hausarzt-Praxis hier übernahm. Natürlich freue er sich, dass seine Tochter Medizin studiere. "Mein Wunsch-Studienort wäre die Charité in Berlin", berichtet Katharina. Voraussichtlich Mitte August erfahre sie, ob das klappe. Eine Zukunft als Hausärztin könne sie sich derzeit allerdings nicht vorstellen: "Das ist mir zu viel Verwaltung." Ihr Vater hofft dagegen, dass sie es sich vielleicht nochmal überlegt. Sein Argument: "Im Gegensatz zur Klinik haben wir Hausärzte einen viel engeren Kontakt zu unseren Patienten."

Unter "schwierigen und zum Teil einmaligen Bedingungen" habe der Abschluss-Jahrgang 2021 sein Abitur abgelegt, sagte Schulleiter Matthias Ludolph. Bei allem Verständnis für die Verunsicherung vieler Schüler sprach Ludolph ihnen viel Mut zu: "Ihr habt als Gruppe funktioniert, Rücksicht auf andere genommen und Regeln eingehalten", nannte er als Beispiele für die vielen erfreulichen Eigenschaften des Jahrgangs.

30 Sekunden Musik für jeden

Trotzdem gab es auch vom Schulleiter nachdenkliche Töne: Die Abiturienten würden in eine Welt voller Unsicherheiten entlassen. Kritisch merkte Ludolph an, dass die Sonderförderung für alle bayerischen Schüler gerade einmal der Summe entspreche, die Daimler-Benz an drei Tagen als Gewinn einfahre. Die Corona-Pandemie habe viele grundsätzliche Fragen zu Freiheit und Sicherheit oder demokratischen Werten aufgeworfen, die er nicht beantworten könne. Angesichts sprudelnder Gewinne in der Wirtschaft gab es dann aber doch einen politischen Denkanstoß: "Gesellschaftliche Solidarität sieht anders aus."

"Was musste ich für einen Schmarrn erzählen", erinnerte sich Lehrer Werner Seitz in launigen Worten an die Versuche, G 8 zu verteidigen. Er freue sich jetzt, dass die Schule durch Mittelstufe plus nach und nach die Schüler wieder ein ganzes Jahr länger unterrichte. "Ihr seid mir ans Herz gewachsen, das ist eigentlich der erste Jahrgang, bei dem ich sage: Das ist meiner", verabschiedete sich Seitz sehr emotional von den Schülern. In einigen Anekdoten erzählte er auch, wie viel die Lehrer doch ihren Schülern von sich selbst mitgeben. O-Ton Seitz: "Heute Abend weine ich zuhause."

Seit Jahrzehnten ist es üblich, dass jeder Abiturient ein Musikstück auswählt, das 30 Sekunden lang auf dem Weg zur Bühne und beim Überreichen der Zeugnisse eingespielt wird. Seitz ergänzte kleine Geschichten, berichtete über Besonderheiten wie das erste Kunst-Abitur oder den Kunstgeschichtskurs, der die Ausstellung zum 350-jährigen Bestehen der Schule vorbereitet hatte.

Jahrgangsbeste Der Verein der Freunde des Hammelburger Gymnasiums zeichnete die drei Jahrgangsbesten Katharina Ruderich, Nico Keller und Elena Nöth mit dem Frobenius-Preis aus.

Sprecher Zu Jahrgangssprechern hatten die Schüler Paula Christof, Nico Keller und Nils Weigand gewählt.

Preise Sonderpreise gab es für Manuel Otter (Mathematik), Milena Föcher (Biologie), Laurenz Thoma und Jakob Försch (Physik) sowie Luisa Albert, Niklas Grau und Manuel Otter (Chemie).

Würdigung Durch die Spende einer ehemaligen Lehrkraft wurde das Engagement von Jahrgangsstufensprecher Nils Weigand und den drei Musikern Philipp Kirchner, Justus Waldig und Raphael Stibor gewürdigt.rr