Der Bereich um Weihertor und Bleichrasen unterhalb der Hammelburger Innenstadt ist eigentlich ein beschaulicher Ort: Tagsüber schlendern dort Besucher vom Parkplatz zum Marktplatz, nachts ist meistens wenig los. Vor allem an Wochenenden entwickelt sich der Bereich aber zunehmend zum Hotspot, das zeigen die jüngsten Polizeimeldungen: In der Nacht auf den 20. Juni verletzte ein betrunkener 20-Jähriger einen 25-Jährigen mit einer zerbrochenen Bierflasche im Gesicht, in der Nacht auf den 27. Juni griff eine Gruppe junger Erwachsener zwei Polizisten an. "Das kann so nicht weiter gehen", sagt selbst Katja Helm, Wirtin des "Irish Pub" in der Weihertorstraße.

Die Attacke mit der Bierflasche haben Katja Helm und ihr Team aus nächster Nähe miterlebt. "Das waren keine Gäste von uns", stellt sie klar. Sie achte darauf, dass ihr Biergarten pünktlich um 23 Uhr geräumt ist. Danach könnten die Gäste noch ins Pub, aber auch nur bis 24 Uhr, wie es die aktuellen Corona-Auflagen vorsehen. Genau das sei das Problem: Der leere Biergarten locke trotzdem Gäste an. "Ich muss nachts eine Kraft nur dafür abstellen, die Leute wegzuschicken." Ein Ärgernis sind für Helm auch die Scherben vor dem Pub: "Ich gebe grundsätzlich keine Glas-Flaschen raus", betont die Wirtin. Wegen der Verletzungsgefahr gebe es höchstens Plastik-Becher, auch wenn sie den Müll lieber vermeiden würde. Trotzdem muss sie an den Wochenenden massenweise nachts Scherben aufsammeln, und: "Das fällt alles auf uns zurück."

Das Team des Stadtstrands an der Saale gibt zwar Glas-Flaschen aus, trotzdem bezweifelt Betreiber Marcus Beran, dass die Flaschen von seinen Gästen kommen. "Wir füllen die letzte Runde in Plastikbecher um", stellt er klar. Auch er habe schon mehrfach die Polizei geholt, weil er die Anlage nicht rechtzeitig leer bekommen habe: Um 22 Uhr muss laut Vereinbarung mit der Stadt Schluss sein am Stadtstrand. Ab 21.45 Uhr beginne das Aufräumen, sein Team tue alles dafür, dass es "ungemütlich" werde, versichert er. Auch Beran stört sich daran, dass sich auf dem Bleichrasen größere Gruppen treffen, ihre Autos im Kreis stellen und lautstark feiern. "Meine Gäste fühlen sich gestört, und die Toiletten sind voll."

Die Flaschen-Attacke ging noch glimpflich ab, das Opfer erlitt eine Schnittverletzung an der Wange. Gegen den 20-jährigen "amtsbekannten Aggressor" läuft ein Strafverfahren unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung. Am vergangenen Sonntag eskalierte dann eine Polizei-Kontrolle wenige Meter weiter auf dem Bleichrasen. Eine 18-Jährige provozierte laut Polizeibericht die Beamten, ein 19-Jähriger griff die Beamten von hinten an. Die Polizisten überwältigten beide, setzen gegen den Rest der Gruppe Pfefferspray ein und holten Verstärkung aus anderen Dienststellen.

"Aktuell kann ich noch keine weiteren Angaben machen", sagt Oliver Ebert, stellvertretender Leiter der Hammelburger Polizei. Der Fall werde von einem Kollegen bearbeitet, der speziell für Gewalt gegen Polizeibeamte zuständig sei. Der Vorfall sei mit einer Body-Cam aufgezeichnet worden, könne also gut ausgewertet werden. Mit den Ergebnissen der Blutuntersuchung von vier Gruppen-Mitgliedern rechnet Ebert erst in einer Woche, also gebe es noch keine Erkenntnisse, ob nur Alkohol oder auch Drogen im Spiel waren.

Ebert will den Fall aber auch nicht zu hoch hängen: "Solche Vorfälle gab's auch schon vor Corona", betont er. Zudem seien mehr Beschwerden im Sommer üblich: "Bei der Hitze schlafen viele bei offenem Fenster und sind deshalb sensibler."

In normalen Zeiten würden sich gewaltsame Vorfälle auf mehrere Feste und Beatabende verteilen. "Aktuell ist der Treffpunkt halt rund um den Hammelburger Weiher, und dann kommen der Alkohol und die Hitze dazu." Es gehe immer wieder um einen "gewissen Personenkreis aus der Umgebung", sagt Ebert über die Täter, gegen die wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt werde.

Satzung soll Exzesse verhindern

Die Hammelburger Polizei hat bereits die Stadt und das Landratsamt eingeschaltet. Laut Stefan Stöth, Leiter des Hammelburger Ordnungsamtes, verbietet eine bereits vor mehr als 15 Jahren erlassene Satzung den Alkohol-Konsum auf öffentlichen Flächen in der Innenstadt. Natürlich werde der Schoppen auf der Bank vor der Haustür geduldet. Zudem gebe es Befreiungen, etwa für die Schlender-Weinprobe der Gästeführer. "Aber die Satzung soll halt Alkohol-Exzesse verhindern", betont Stöth. Für die Umsetzung sei die Polizei zuständig.

Als "erschreckend" bezeichnet 3. Bürgermeister und Streetworker Christian Fenn die Vorfälle, wundert sich aber auf der anderen Seite nicht: "Bis heute sind ehrenamtlich geführte Jugendräume geschlossen, und betreute Räume mit heftigen Auflagen belegt", nennt er ein Beispiel für die vielen Einschränkungen. "Dass sich hier eine gewisse Wut auf die Politik und damit auch auf staatliche Institutionen aufbaut, ist nachvollziehbar", sagt Fenn, ergänzt aber: "Das rechtfertigt Eskalationen nicht." Corona hat aus Sicht des Sozialpädagogen dazu geführt, dass sich Jugendliche entweder nicht mehr oder eben in einem verbotenen Umfeld treffen. Fenn spricht von einer "Subkultur", die sich "von den offiziellen Regeln und der restlichen Gesellschaft abgrenzt".

Das Landratsamt verweist auf Nachfrage darauf, dass alle Beteiligten der beiden Vorfälle volljährig waren. "Heranwachsende fallen nicht unter die Kinder- und Jugendschutzgesetzgebung", stellt die Behörde deshalb klar. Der Bleichrasen sei bislang nicht als Hotspot bekannt, an dem sich vornehmlich Jugendliche aufhalten. Für Hammelburg gebe es eine mit der Polizei abgestimmte Jahresplanung für präventive Kontrollen rund um Hammelburg - auch von öffentlichen Plätzen. Zudem habe das Jugendamt Präventionsgespräche mit auffälligen Jugendlichen und deren Eltern in den Räumen der Polizei geführt.